Kultur : Nach der Hacke is duster

Kohle hat dieses Land gebaut. Kohle hat das Ruhrgebiet geschaffen und geprägt. Nun ruht sie bald endgültig. Was bleibt?

Helmut Schümann

Und nun geht es bergab, besser: bergrein. Es rumpelt, es wackelt, die Männer im Förderkorb haben die Lampen an den Helmen eingeschaltet. Alle sind vorschriftsmäßig gekleidet, das heißt, sie sind im Drillich, einschließlich der Unterhose und der Socken ist alles Naturstoff, Synthetics könnten Funken schlagen, und die können tödlich sein im gasbelasteten Berg. Auf Sohle IV steigen ein paar Männer aus, aber Sohle IV ist zurzeit nur Versorgungstrakt. Sohle V ist wichtig, da ist Schluss mit der Fahrt, Sohle V liegt bei etwa 1100 Metern, und hier tief unten im Berg liegt das Problem: Kohle.

Kohle! Sie wärmt, sie gibt Energie, sie erhitzt den Dampf, der die Maschinen antreibt, sie kocht Stahl. Sie wird auch „schwarzes Gold“ genannt, und das nicht nur, weil mal ein Schäfer zu Friedrich Barbarossa in den Kyffhäuser gestiegen ist. Der war gerade großzügig gestimmt und erlaubte dem Manne ein paar von den glühenden Kohlen mitzunehmen, die ihm das triste Legendenleben wärmten. Wieder oben sah sich der Schäfer die Kohlen näher an, und siehe, es waren Goldklumpen. Später und im echten Leben machten die Zechenbarone aus Kohle Gold, aus schwarzem Dreck Reichtum und Macht und Einfluss, Franz Haniel, Eberhard Hoesch, Alfred Krupp, August Thyssen, Friedrich Flick, und das sind nur die bekanntesten.

Kohle ist Mythos. Und es gibt jede Menge davon. Seit sich im Paläozoikum enorme Urwälder beim Absterben in enorme Biomassen umwandelten, die dann im Laufe der Jahre, also etwa 250 Millionen Jahre, durch Verdichtung zum Gestein wurden, haben sich weltweit nach Angaben der Vereinten Nationen 5980 Milliarden Tonnen angesammelt. Davon 24 Milliarden Tonnen in Deutschland, in der Gegend um Sohle V in der Zeche Auguste Victoria in Marl, unter dem gesamten Ruhrgebiet, etwas nördlich davon in Ibbenbüren und weit südwestlich im Saarland. Das reicht bei Beibehaltung der derzeitigen Fördermenge noch etwa 400 Jahre. Kohle könnte die weltweiten Energiesorgen mildern. Könnte Ersatz sein, wenn Gas und Öl in 40 bis 60 Jahren aufgebraucht sind.

Kohle! Sie wärmt, sie gibt Energie, sie erhitzt den Dampf, der die Maschinen antreibt, sie kocht Stahl. Sie wird auch „schwarzes Gold“ genannt, es gibt jede Menge davon – nur wird sie unser Überleben nicht sichern. Im Gegenteil, Kohle setzt beim Verbrennen Kohlen- und Schwefeldioxid frei, Gase des Teufels, die das Erbauliche der Kohle als Umweltgift wieder zunichtemachen. Kohle ist verantwortlich für den sauren Regen, die Stickstoffbelastung, die Erderwärmung. Da hilft es nicht, dass Kohle Naturstoff ist, pflanzlich im Ursprung, und ihr nur in naturbelassener Kleidung nahezukommen ist, heizen wir weiter mit Kohle, heizen wir bald gar nicht mehr. Zwar soll „Carbon Capture and Storage“ (CCS) laut Kohlenlobby die Gase abfangen können, damit sie – vorgeblich – sicher gelagert werden, aber diese Technik existiert bisher nur in kleinen Versuchsanlagen, ist zudem teuer und verbraucht ihrerseits enorme Energie.

Es sind gleichwohl keine umweltpolitischen Erwägungen, die die Bundesregierung getrieben hat, den Ausstieg aus der Kohleförderung für 2018 zu beschließen (mit der Hintertür, dass 2012 auf der Basis der dann energietechnischen Entwicklung noch einmal nachgedacht werden soll). Wären es umweltpolitische Erwägungen würden nicht 19 neue Kohlekraftwerke geplant, sie werden befeuert mit importierter Kohle, aus China, wo Bergmanns Sicherheit so bedeutsam ist wie die Menschenrechte, nämlich gar nicht, aus Polen, wo es ähnlich ist, aus den USA und aus Australien, wo die Kohle so flach liegt, dass der Abbau über Tage möglich ist. Deutsche Kohle ist teuer und ineffizient. Es waren wirtschaftliche Erwägungen. Kohle im Deutschland des neuen Jahrtausends zu fördern, kostet viel Geld, enorm viel Geld. Zu tief liegt sie, sehr hoch ist der Sicherheitsstandard, das verschlingt Unsummen, derzeit wird jeder Arbeitsplatz, den der Bergbau bereithält, mit 70 000 Euro subventioniert. Und es gibt etwas über 34 000 Arbeitsplätze. Es gibt also gute Gründe, künftig die Finger zu lassen vom schwarzen Gold.

Vorort, auf Sohle V, Flöz H, Baustück 318, 1195 Meter tief, sieht man das natürlich anders. Vorort ist da, wo die Kohle abgebaut wird, abgesprengt, abgehobelt, abgefräst. Um nach Vorort zu gelangen, muss man vom Förderschacht eine Menge laufen. 109 Kilometer lang ist das Schachtsystem auf Auguste Victoria, und um der Besuchergruppe, der Freiwilligen Feuerwehr aus Haltern, möglichst vieles zu zeigen, legt Bergmann Jürgen Schölzel ein enormes Tempo vor. Vielleicht auch, um der Freiwilligen Feuerwehr zu demonstrieren, wie fit ein Bergmann ist, Bergmänner sind stolze Männer. Warum auch nicht? Bergmänner haben dieses Land zum Laufen gebracht, Bergmänner haben die Industrialisierung befeuert, sie haben das Wirtschaftswunder ermöglicht – sie haben auch den Nazis den Stahl für die Bomben geschmolzen, keine Frage, aber hätten sie es eher gewusst, vielleicht hätten sie es nicht gemacht. Kohle hat dieses Land gebaut, und Bergmänner haben sie ans Licht geholt.

Jürgen Schölzel rennt. Er rennt in dieser unterirdischen Welt von Schleusentür zu Schleusentür, die wichtig sind für Luft, Druckausgleich und Feuerabwehr. Er bleibt an Wasserwehren stehen, die alle paar Meter über den Köpfen hängen und eine Wand bilden, wenn eine Druckwelle etwaiges Feuer durch die Gänge jagt. Er erklärt und erklärt, und fast sieht man die Tränen in seinen Augen, so begeistert ist er vom Bergbau und so fassungslos, dass es ihn bald nicht mehr geben wird in Deutschland. Vorort, am Baustück 318 ist die Stimmung auch nicht besser. Da geht nämlich nichts mehr, da steht die Fräse still, weil der Berg zu brüchig ist oberhalb der Kohle, runterkracht und erst stabilisiert werden muss. Man ahnt angesichts der gigantischen Fräse, wie teuer die Förderung ist. Etwa fünf Meter ist sie im Ausmaß, 350 Meter ist der Flöz lang, fast zwei Meter hoch, und wenn die Fräse ein mal durch ist, hat sie die Kohle für einen Tag Kohlekraftwerk abgeschält. Mit nur einer Umdrehung bricht sie die Heizkraft von einem Jahr für ein Einfamilienhaus aus dem Berg. Und das soll nichts mehr wert sein? „Die sollen mal nachrechnen, wie viel Geld sie für Hartz IV ausgeben müssen, wenn sie all die Arbeitsplätze vernichtet haben“, sagt Schölzel. Er sagt solche Sätze sehr oft zurzeit, auf Auguste Victoria werden pro Tag zwei Besuchergruppen unter Tage geführt, bei den anderen noch aktiven Zechen ist es nicht anders. Der Andrang ist groß, man muss das wohl als Zeichen werten, wie museal der Bergbau inzwischen ist. Schölzels Beteuerungen, dass Bergbau ein Hightech-Unternehmen ist, sind wohl richtig, ändern aber nichts an seiner Endlichkeit. Vorort ist weiterhin Pause, das Gestein oberhalb der Kohle noch nicht gefestigt, man merkt es den Bergmännern an, dass ihnen der Stillstand gar nicht passt. „Der Bergmann identifiziert sich mit seinem Job, mit der Kohle“, sagt Schölzel, und das ist wahrlich keine romantisierende Schwärmerei.

Der Ausstieg ist zwar lange schon im Gange. 500 000 Menschen waren in den Fünfzigerjahren im Berg beschäftigt, 1958 förderten 148 Bergwerke Kohle, heute sind gerade noch sieben Zechen aktiv. Und die große Hoffnung des Jahres 1979, als die zweite Ölkrise die Losung „90 – 90 – 90“ auslöste – 90 Millionen Tonnen werden 90 000 Beschäftigte im Jahre 1990 erwirtschaften –, die hat sich auch nicht bewahrheitet. Und dennoch, die Kohle prägte das Revier, und diese Prägung ist allgegenwärtig. In der Folklore ohnehin, im Bergwerk Walsum, das nächstes Jahr stillgelegt wird, haben sie gerade einen Knappenverein gegründet und auf Anhieb 370 Mitglieder gewonnen. Das Revier ringt mit seiner Identität, denn der herbeigeredete Strukturwandel, wo ist er denn vollzogen? In Dortmund vielleicht, wo es keine Zeche mehr gibt, kein Stahlwerk, nur Dienstleister. Wenn man will kann man die Art des Strukturwandels am Fußballstadion ablesen. Das hieß mal „Stadion Rote Erde“. Dann wurde es zum „Westfalenstadion“, was noch eine regionale Zugehörigkeit propagierte. Heute heißt es „Signal Iduna Park“, nach der Versicherungsgruppe, was den Fans ziemlich egal ist, „was sollen wir mit dem Zahnpastastadion“, sagen die. Strukturwandel, der nicht gelebt und gefühlt wird, ist der einer?

Christof Beike, der Pressesprecher der Deutschen Steinkohle AG, führt auf einer Rundreise die Spuren der Kohle, der alten Struktur vor und was daraus geworden ist. Die alte Lohnhalle in Walsum, ein prächtiger Bau – man sieht förmlich die Kumpel, wie sie Schlange stehen, um ihre Lohntüte abzuholen. Die Kneipe gegenüber, vor denen die Frauen Wache standen, damit die Männer den Lohn nicht sofort hineintragen, hat auch schon dichtgemacht. Die Zeche Lohberg steht unter Denkmalschutz und sämtliche Gebäude stehen leer. In Herten in der Zeche Ewald haben sie die Gebäude schön hergerichtet, einen Graben gezogen für einen künstlichen Kanal, einen Parkplatz angelegt. Es parkt nur kaum einer, zwei Mieter haben sich für das riesige Gelände gefunden, zwei Logistikunternehmen, der Stand mit Backwaren, der hier auf dem Platz steht, hat einen ungünstigen Standort. Oder die Zeche Recklinghausen. Da haben sie einen Skaterpark gebaut und vor den alten Förderturm eine Inschrift installiert: „Der Förderturm wird zu einer dynamischen Lichtskulptur mit positiv in die Zukunft wirkender Symbolkraft.“ Überall im Ruhrgebiet erstrahlen nachts spektakuläre Industriedenkmale, aber positive Symbolkraft? „In Lohberg“, sagt Beike, „gab es früher 3000 Arbeitsplätze, jetzt gibt es einen für den Pförtner.“ Und die, die abends das Licht anknipsen.

Strukturwandel? In Oer-Erkenschwick ist Struktur nicht zu finden und Wandel auch nicht. „Hier ist nichts“, sagt Anton Stark. Stark ist 73 Jahre, war bis zur Stilllegung 1993 Bergchef auf „Ewald Fortsetzung“, das war die Zeche, die zwischen den bäuerlichen Gemeinden Oer und Erkenschwick lag. „Was soll hier auch sein“, sagt Stark, „was gibt diesem Ort jetzt Identität, warum gibt es Oer-Erkenschwick. Ich weiß es nicht.“ Stark war auch jahrelang Vereinspräsident der Spielvereinigung Erkenschwick, die bis in die Neunzigerjahre noch in der Zweiten Bundesliga gespielt haben. Fußball, auch der ist im Ruhrgebiet auf Kohle gebaut. „Man identifizierte sich mit dem Pütt und mit der Mannschaft“, sagt Stark, beides war Heimat, „ohne Pütt ist hier auch keine Mannschaft, ist keine Heimat.“ Auf „Ewald Fortsetzung“ ist die Halde verkommen, die Kaue und das Verwaltungsgebäude auch. Stark hat mal vorgeschlagen, auf der Halde einen Golfplatz anzulegen, damit hat er sich nicht durchsetzen können, und schaut beim Erzählen schon auch ein wenig skeptisch, wenn er davon erzählt. Das wäre dann auch eine merkwürdige Symbolkraft, wenn auf dem Boden des Malochens die Driving Range des reichen Müßiggangs obsiegt.

Was bleibt, wenn die Kohle endgültig ruht? „Was geht verloren“, fragt Adolf Winkelmann. Der Filmemacher hat das Ruhrgebiet und seine Menschen in Filmen wie „Die Abfahrer“ und „Jede Menge Kohle“ trefflich in Szene gesetzt. „Die Integrationskraft geht verloren“, sagt Winkelmann, „und das ist dramatisch.“ Vor 150 Jahren, als der Bergbau begann, da wurden aus Dörfern Städte. Nur der dörfliche Charakter, der blieb bis heute. Die Taubenzucht, die Karnickel im Hinterhof, der Schrebergarten, das sind die Relikte der Dörfer. Und die Abgrenzung zum Nachbardorf. Winkelmann erzählt die Anekdote von einem Besuch in einer dieser typischen und heute idyllischen Bergmanns-Siedlungen. In einem Hinterhof wurde ein Aprikosenbäumchen entdeckt, und auf die naheliegende Frage, wie denn ein Aprikosenbäumchen nach Bochum komme, kam die wenig erhellende Antwort: „Dat is hier nich Bochum, dat is Wattenscheid.“ Und als aus den Dörfern Städte wurden und zu einer riesigen Industriemetropole zusammenwuchsen, kamen die Massen. Menschen aus aller Welt, vorwiegend aus dem Osten, und die waren, anders als am Fließband bei Volkswagen, unter Tage lebensnotwendig aufeinander angewiesen. Wie schnell die unterschiedlichsten Kulturen miteinander verschmolzen, ist überall zu sehen im Revier, auch auf einer Gedenktafel, die auf dem Gelände der Zeche Recklinghausen steht und an die gefallenen Kumpels des Ersten Weltkriegs erinnern: Die Hälfte der Namen sind polnische Namen. „Heute haben wir hier in Dortmund die IT-Branche, aber der Türke vom Borsigplatz studiert das nicht.“ Die natürliche Integration fällt weg, der Borsigplatz, benannt nach dem Bergmann Borsig, einst Herz und Seele Dortmunds, ist Ghetto. „Der Teppich des Ruhrgebiets ist weg“, sagt Winkelmann, „das Ruhrgebiet war Produktion, jetzt ist Konsum da, nur ersetzen all die Sonnenstudios und Matratzenlager keine Maschinenwerke.“

Unweit seines Dortmunder Wohnhauses liegt Hoerde, einst Dorf, lange schon Stadtteil, aber immer abgegrenzt durch die B 1, die Dortmund zerteilt. Auf dem Gelände des Stahlwerkes Hoesch, das bis zur letzten Schraube abmontiert und in China wieder zusammengesetzt wurde, ist eine Zukunft des Ruhrgebiets zu besichtigen. Ein großer See entsteht dort, der Phoenix-See, und um ihn herum werden schmucke Häuser gebaut, mit Zugang zum See. „Die wird nur keiner bezahlen können“, sagt Winkelmann, „diese Struktur ist künstlich und aufgesetzt und hat den gleichen Wert wie die bunten Lichter der Industriedenkmale.“ 2010 soll das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas werden, die Vorbereitungen haben begonnen, die Kohle wird dabei wohl nur noch folkloristische Beigabe sein.

Kohle. Wegen Kohle gibt es das Ruhrgebiet. Und wegen Kohle gibt es die lakonische, knappe Sprache des Reviers. Unter Tage war keine Zeit für wohlfeile Formulierungen, da brauchte man keine Artikel, Genitive, Dative. Ein Ruhrgebietsspruch lautet: „Vor der Hacke is duster“, was bedeutet, dass man nicht weiß, was kommen wird, dass erst die Hacke Klarheit schafft, ob unten im Berg Kohle lagert oder nur Gestein. Der Satz bedarf wohl einer Umformulierung: „Nach der Hacke“, wenn die Hacke nicht mehr schlägt, „nach der Hacke is duster.“

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