Nach #MeToo-Vorwürfen : Salzburg hält an Domingos Auftritten fest

Die Oper von San Francisco sagt einen Auftritt von Placido Domingo ab. Europäische Konzerthäuser sind noch zurückhaltender.

Blick auf die Fassade der Los Angeles Opera
Blick auf die Fassade der Los Angeles OperaFoto: AFP

Die Oper in Los Angeles, deren Generaldirektor Placido Domingo seit 2003 ist, veranlasste am Dienstag eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe von neun Frauen, über die gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press berichtet hatten, von dem Sänger unangemessen bedrängt worden zu sein. Die "beunruhigenden" Anschuldigungen gegen Domingo würden mit Hilfe externer Berater geprüft, teilte die Oper mit. "Wir sind entschlossen, unser Möglichstes zu tun, um eine professionelle Umgebung zu fördern, in der unsere Angestellten und Künstler sich wohl fühlen, gewertschätzt und respektiert", betonte ein Sprecher des Opernhauses.

Angesichts der Anschuldigungen zog die Orchestervereinigung von Philadelphia ihre Einladung an den Sänger zurück, beim Eröffnungskonzert der neuen Saison am 18. September aufzutreten. Das Orchester, sein Personal und Publikum brauche eine "respektvolle Umgebung", hieß es zur Begründung. Auch die Oper von San Francisco sagte einen für Anfang Oktober geplanten Auftritt von Domingo ab.

Die Metropolitan Oper in New York erklärte, sie werde das Ergebnis der Untersuchung in Los Angeles abwarten, bevor sie eine endgültige Entscheidung über die Zusammenarbeit mit dem Sänger treffe. Der langjährige musikalische Leiter der Met, James Levine, war vergangenes Jahr nach einer internen Untersuchung zu Missbrauchsvorwürfen zunächst suspendiert und schließlich entlassen worden.

"Menschlich unverantwortlich" nennt Rabl-Stadler die #MeToo-Vorwürfe

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, sieht nach eigenen Angaben keine Veranlassung, Domingos Auftritte am 25. und 31. August abzusagen. Sie kenne den Künstler seit mehr als 25 Jahren und sei von Anfang an von seinem wertschätzenden Umgang mit den Mitarbeitern des Festivals beeindruckt gewesen, erklärte Rabl-Stadler. Sie finde es "sachlich falsch und menschlich unverantwortlich, zum derzeitigen Zeitpunkt endgültige Urteile und darauf beruhende Entscheidungen zu fällen".

Die Wiener Staatsoper wird sich erst nach den Theaterferien im September ausführlich mit der Thematik befassen. In Berlin, wo Domingo im Januar 2020 an der Lindenoper für mehrere „Traviata“-Aufführungen angekündigt ist, war aufgrund der Theaterferien keine Stellungnahme zu erhalten.

Die spanische Zeitung „El Periódico“ kommentierte den Casus Domingo am Mittwoch mit folgenden Worten: „Zu seiner Rechtfertigung hat Domingo in einer Erklärung darauf hingewiesen, dass „'die Regeln und Standards, an denen wir heute gemessen werden und gemessen werden sollten, sich sehr von denen in der Vergangenheit unterscheiden.' Zum Glück ist das so. Und diese Errungenschaft wurde nicht spontan erreicht, sondern dank des Mutes so vieler Frauen, die es gewagt haben, die Situationen der Belästigung und des Missbrauchs öffentlich anzuprangern. Kampagnen wie MeToo haben da einen Lautsprecher aufgestellt, wo es vorher nur die Stille der Hilflosigkeit und Scham gab. (...) Der Straflosigkeit der Angreifer und der Mitschuld des Schweigens setzt der Feminismus einige Richtlinien für eine gerechtere und gleichberechtigtere Gesellschaft entgegen.“ (Tsp, AFP, dpa)

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