Nach Millionendefizit : Die Documenta bleibt gemeinnützig und frei

Nach dem Millionendefizit der Documenta 14 wollte Kassel das Kunstevent erst an die Kandare nehmen. Nun bleibt ihre künstlerische Freiheit doch gewahrt.

Nicola Kuhn
Kunst aus Athen zu Gast in Kassel. Der Zweitstandort der Documenta 14 präsentierte sich in Kassel im Fridericianum.
Kunst aus Athen zu Gast in Kassel. Der Zweitstandort der Documenta 14 präsentierte sich in Kassel im Fridericianum.Foto: Swen Pförtner/dpa

Den ersten Brandbrief schrieben noch die Documenta-Künstler selbst. Darin warnten sie vor einem Zugriff der Lokalpolitik auf die international wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst und einer Provinzialisierung, sollte die Gemeinnützigkeit aufgegeben werden. Der neue Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Documenta GmbH hatte zuvor angekündigt, dass die nächste Ausgabe in fünf Jahren stärker an die Kandare genommen werden müsse, um ein erneutes finanzielles Debakel zu verhindern.

Mit dem Ende der Documenta 14 im September 2017 war ein Defizit in Höhe von rund 5,4 Millionen Euro zutage getreten, das nicht zuletzt durch die Doppelstandorte Kassel und Athen verursacht war. Hinter dem Vorstoß der Lokalpolitiker steckte vor allem der Wunsch, das von rund 900 000 Menschen besuchte Großereignis in Zukunft besser vermarkten zu können. Bislang hatten die Documenta-Macher immer auf ihre künstlerische Freiheit pochen können.

Mitte Januar schickten 135 Museumsleuten und Künstler einen weiteren Warnbrief, in dem sie nicht nur die Beibehaltung der Gemeinnützigkeit und eine Erhöhung des zuletzt 34 Millionen Euro umfassenden Budgets entsprechend der Bedeutung des Kunstevents forderten, sondern auch die Weiterbeschäftigung der Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, die als Hauptschuldige für das Defizit verantwortlich gemacht worden war. Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderem Chris Dercon, Intendant der Volksbühne, Filmemacher Alexander Kluge und die einstige Documenta-Kuratorin Ruth Noack.

Dieser letzte Brief hat offensichtlich ein Einsehen bei den Lokalpolitikern bewirkt. Kassel als Austragungsstätte drohte sich bereits zu blamieren. Beim Neujahrsempfang der Stadt am Sonnabend gab Oberbürgermeister Christian Geselle nun bekannt, dass die Weltkunstausstellung auch in Zukunft ein gemeinnütziges Unternehmen bleiben werde. Zugleich kündigte er an, dass geprüft werden solle, wie das Unternehmen finanziell, organisatorisch und personell besser aufgestellt werden könne.

Unterstützung bekam er vom hessischen Ministerpräsident Volker Bouffier, der ebenfalls auf dem Empfang versprach, dass sich das Land um eine bessere finanzielle Ausstattung kümmern werde. Er wolle versuchen, dafür den Bund stärker in Anspruch zu nehmen, so Bouffier. Zugleich wurde die Laufzeit der nächsten Ausgabe angekündigt, es bleibt beim Fünf-Jahres-Turnus: Die Documenta 15 wird vom 18. Juni bis 25. September 2022 stattfinden. Außerdem nimmt eine Findungskommission demnächst die Suche nach einer künstlerischen Leitung auf. Die Aussicht auf interessante Kandidaten steigt mit diesen neuesten Ankündigungen, zugleich die Hoffnung auf eine nächste Documenta, für die es sich aus aller Welt anzureisen lohnt.

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