Naher Osten im Wandel : Iranische Fotografen verarbeiten die Geschichte ihres Landes

Von den Daguerreotypien 1842 bis zur Grünen Bewegung von 2009: Das Museum für Islamische Kunst blickt auf den politischen Wandel und die Kunst im Iran.

Hannah Jacobi
Moderne und Tradition. Eine Fotografie von Shadi Ghadirian, aus der Serie Qajar, 1998.
Moderne und Tradition. Eine Fotografie von Shadi Ghadirian, aus der Serie Qajar, 1998.Foto: Silk Road Gallery / Shadi Ghadirian

Es klingt vielversprechend, eine Ausstellung zeitgenössischer fotografischer Positionen iranischer Künstler*innen im Museum für Islamische Kunst des Pergamonmuseums, das in unregelmäßigen Abständen in dem beeindruckenden Mschatta-Saal zeitgenössische Kunst aus dem muslimisch geprägten Raum zeigt.

Dezent, aber dennoch akzentuiert bilden die rosafarbenen Stellwände, auf denen die fotografischen Arbeiten präsentiert werden, einen schönen Kontrast zu der an Ornament reichen Fassade des frühislamischen Wüstenschlosses.

Schon im Treppenaufgang zur Abteilung Islamische Kunst werden die Besucher*innen auf den Kontext der Ausstellung eingestimmt. Einige historische Begebenheiten in den Metropolen Teheran und Berlin werden hier nachgezeichnet, von den ersten Daguerreotypien 1842 in Teheran und 1840 in Berlin, über die ersten illustrierten Zeitschriften, die ersten Universitäts-Professorinnen und wichtige Ereignisse im Vorfeld der islamischen Revolution von 1979, bis hin zur Grünen Bewegung von 2009 im Iran und dem Merkelschen „Wir schaffen das!“ von 2015.

Sind die Bezüge auch lose, so gelingt es, die Modernisierungsbestrebungen und politischen Umwälzungen im Iran seit Mitte des 19. Jahrhunderts neben den Entwicklungen in Berlin darzustellen. Diesen Ansatz führt auch die Ausstellung fort, indem sie die zeitgenössischen Werke historisch und thematisch kontextualisiert.

Das im Iran nicht erst seit 1979 wichtige Thema der Migration wird mit der Arbeit „Hall of Reflections“ der kurz vor der Revolution als Studentin nach San Francisco emigrierten Taraneh Hemami angesprochen.

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Seit 2001 legt sie ein Archiv von Fotografien aus der iranischen Gemeinde in Kalifornien an und verarbeitet es künstlerisch. Die kollektive und individuelle Identität – interessant aufgrund des zwiespältigen Verhältnisses vieler Iraner*innen zu ihrem Land zwischen kulturell begründetem Stolz und Opposition gegen die Diktaturen damals wie heute – wird in den beiden Serien „Irandokht“ (2006-09) und „The Registration Congregation of Iranian Men“ (2006-12) von Najat Shokri thematisiert.

Wir sehen hier eine Zusammenstellung aus beiden Serien, für die der in Teheran lebende Künstler Ausweispapiere aus der Zeit der Pahlavi-Dynastie (1925-79) digital collagiert hat.

Mit iranischer Fotografiegeschichte setzt sich die Serie „Qajar“ (1998) der international bekannten Shadi Ghadirian auseinander, die in einem angrenzenden Kabinett effektvoll ausgeleuchtet ist. In Ermangelung eigener Bestände früher iranischer Hof- oder Studiofotografie werden ergänzend Sammlungsobjekte aus der Kadscharen-Zeit (1779-1925) gezeigt.

Abschließend präsentiert uns eine Power-Point die historischen Bildbeispiele; interessant ist unter anderem ein Ausweisheft, Shenasnameh, von 1927/28.

Die breite Kontextualisierung der zeitgenössischen Arbeiten, die Margret Shortle, Kuratorin am Museum für Islamische Kunst, und Gastkuratorin Agnes Rameder, die in Zürich zur zeitgenössischen iranischen Fotografie promoviert, hier umgesetzt haben, ist begrüßenswert.

[Pergamonmuseum, Museumsinsel, täglich 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, bis 26. Januar 2020]

Die Ausstellung kann jedoch kein adäquates Bild der facettenreichen und anspruchsvollen aktuellen iranischen Fotografie vermitteln. Es scheint, dass einige der Arbeiten aufgrund des interessanten historischen Materials, mit dem sie sich beschäftigen, ausgewählt wurden und nicht unbedingt aufgrund ihres künstlerischen Anspruchs.

Schwerer wiegt noch, dass diese Ausstellung einmal mehr eine iranische Kunst repräsentiert, die schon im Titel irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne festgeschrieben wird.

Orientalistische Klischees werden reproduziert

Um im globalen Kunstkontext bestehen zu können, haben iranische Künstler*innen schon genug an der sogenannten Bürde der Repräsentation zu tragen, die sie immer wieder in die Auseinandersetzung mit ihrem vornehmlich eigenen und iranischen Anderen der westlichen Rezipient*innen treibt.

Ausstellungen wie diese schlagen in dieselbe Kerbe und wollen dem deutschen Publikum eine durch und durch „authentische“ iranische Kunst repräsentieren.

Bedauernswert ist dies besonders für Ghadirians Serie „Qajar“, die in ihrer selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der historischen, orientalistischen Studiofotografie im Iran sehr interessant ist.

Sie hat durch ihre Rezeption in vor allem westlichen Ausstellungen seit Ende der 1990er Jahre maßgeblich zu einer neo-orientalistischen Wahrnehmung der zeitgenössischen iranischen Kunst beigetragen. Um diese Serie wieder auszustellen, hätte es der Auseinandersetzung mit ihrer Rezeptionsgeschichte bedurft.

Allein der Katalogtext von Sahar Samadian stellt Vertreter*innen zeitgenössischer iranischer Fotografie, darunter Ghazaleh Hedayat und Mehran Mohajer, vor, die zusammen mit vielen anderen eine spannende zeitgenössische Kunst im und aus dem Iran prägen. Es ist schade, dass eine der seltenen musealen Ausstellungen iranischer Künstler*innen in Berlin nicht versucht, andere als die hergebrachten Wege zu gehen.

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