Kultur : Napoleons späte Siege

Die schönste Messe der Welt: Zum 20. Jubiläum feiert sich die Tefaf Maastricht mit Spitzenkunst

Michael Zajons

Diese Mutter braucht keinen Krippenplatz. 1882 malte Auguste Renoir Madame Leon Clapisson im Spitzenkleid „Zwischen den Rosen“. Rechts von ihr steht im gleißenden Sonnenlicht der Kinderwagen. Mit 45 Millionen Dollar ist das impressionistische Gemälde, ausgestellt von den Aquavella Galleries (New York) das wohl teuerste Bild der Tefaf in Maastricht. Ein paar Stände weiter bei Richard Green (London) hängt der zweite kapitale Renoir dieser Messe: Die 1890 entstandene Uferszene kostet 7,5 Millionen Dollar.

Man sieht dem Messezentrum am Stadtrand von Maastricht nicht an, dass es sich einmal pro Jahr zum bedeutendsten Handelsplatz wandelt und hier zugleich die vermutlich international schönste Kunstmesse stattfindet. In diesem Jahr zum 20. Mal verwandelt „The European Fine Art Fair“, prosaisch Tefaf abgekürzt, die Provinzstadt im Dreiländereck zu Deutschland und Belgien für zehn Tage in die Metropole des Weltkunsthandels.

Legendär ist etwa das Tulpenmeer, mit dem die breiten Gänge des Ausstellungsparcours’ dekoriert werden, berühmt der Luxus der Riesenkojen, die mit historischen Wandvertäfelungen und Parketten eingerichtet sind. Ungebrochen ist der Enthusiasmus, die Informiertheit und Finanzkraft der herbeiströmenden Sammler, unter die sich viele Museumsleute mischen. Eindrucksvoll ist das Großaufgebot museumswürdiger Ware in Maastricht, etwa bei den Alten Meistern und der Klassischen Moderne. Im vergangenen Jahr wurden in Maastricht über 500 Millionen Euro umgesetzt, 195 Privatjets steuerten den kleinen Regionalflughafen an. Manche Händler erwirtschaften bis zu 60 Prozent ihres Jahresumsatzes auf der Tefaf.

Die Jubiläumsausgabe kann sich also nur selbst überbieten: also noch schöner, glanzvoller, umsatzstärker. Lediglich was die Besucherzahlen angeht, dürfte die Tefaf die einzige Kunstmesse der Welt sein, die schrumpfen möchte. Um den Andrang zu kanalisieren, wurden die Eintrittspreise kräftig erhöht. Nimmt man den Eröffnungstag zum Gradmesser, wird das der glänzenden Stimmung beim Publikum keinen Abbruch tun.

Dabei hat die von den Händlern selbst organisierte Messe unlängst einige Rückschläge hinnehmen müssen. Anfang Januar starben Dave Aronson, langjähriger Chairman der Messeleitung, und Rob Noortman, einer der Tefaf-Mitbegründer. Kurz zuvor hatte Noortman seine Galerie samt Altmeisterbestand und Schulden an Sotheby’s verkauft – und damit dem Auktionshaus die Tefaf-Teilnahme unter seiner Firmenadresse ermöglicht. Im Gegenzug tritt nun Erzrivale Christie’s, der dem neuen Tefaf-Chairman Ben Janssens offenbar mit einer Gegenmesse gedroht hatte, mit einer Konkurrenzveranstaltung unter dem Label „King Street Fine Arts“ an. Natürlich ist der Handel auf ein gutes Verhältnis zu den großen Versteigerern angewiesen. Spricht man jedoch Aussteller auf diese neue Konkurrenz im Primärmarkt an, spürt man Verunsicherung.

Diesmal konkurrieren 220 Händler um Aufmerksamkeit. Spektakulärster Neuzugang ist die Züricher Galerie Hauser & Wirth. Iwan Wirth ist kürzlich eine strategische Partnerschaft mit dem Münchner Altmeisterspezialisten und tefaf-Platzhirsch Konrad O. Bernheimer eingegangen. Nach Maastricht hat Wirth Arbeiten von Agnes Martin bis Paul McCarthy mitgebracht, effektvoll gruppiert um die zweieinhalb Meter hohe Bronzeskulptur „Spinne“ von Louise Bourgeois (4 Millionen Dollar).

Marlborough Fine Art (Zürich und London) hat ein spätes Triptychon von Francis Bacon und Max Beckmanns sinistres „Selbstporträt im Hotel“ von 1932 (um 30 Millionen Dollar) im Gepäck. Ansonsten verteilen sich über die Stände der Klassischen Moderne viel Picasso, mehrere erstklassige Gemälde von Francis Picabia – und so wunderbar konzentrierte Präsentationen wie die von Achim Moeller. Der New Yorker Kunsthändler bietet ein kleines Feininger-Museum. Neben Gemälden und Skizzen aus der Anfangszeit hängt sein mutmaßlich letztes Bild: „Manhattan Scyscrapers“ von 1955 kostet 450 000 Dollar.

Bei den Alten Meistern liegt der Schwerpunkt traditionell auf dem Goldenen Zeitalter der Niederlande. Auch wenn derzeit keine Gemälde von Rembrandt auf dem Markt sind, bleibt das Angebot überwältigend. Der Holland- und Flandern-Spezialist Johnny van Haeften (London) punktet mit einer großen Winterlandschaft Pieter Breughels d. J., die den Kindermord in ein holländisches Dorf verlegt (1,75 Millionen Pfund), und einer strahlenden „Italienischen Landschaft“ des Utrechter Malers Jan Both (2,75 Millionen Pfund).

Schönstes Rokoko springt am Stand von Dickinson (London) ins Auge: Giovanni Paolo Panini malte 1751 einen Hofball und ein Konzert, die der Dauphin von Frankreich im Palazzo Farnese gab. Das figurenreiche, mit einer beeindruckenden Provenienz überlieferte Bilderpaar kostet 20 Millionen Dollar.

Wie man junge Sammler für Alte Kunst begeistert, demonstriert die in Berlin durch die „Ars Nobilis“ bekannte Kunstkammer Georg Laue (München). An Laues Gemeinschaftsstand mit dem Münchner Skulpturenhändler Sascha Mehringer herrschte wenige Minuten nach Eröffnung der Vernissage drangvolle Enge. Die frühen Pretiosen begeistern, so Feline Arndt von der Kunstkammer, gerade Sammler zeitgenössischer Kunst.

Es sind solche Spezialisten, die das Bild der Tefaf runden. Beispielsweise die Pariser Expertin für historische Papiertapeten, Carolle Thibaut-Pommerantz. Ihr Topangebot in diesem Jahr ist die insgesamt knapp 14 Meter lange Darstellung von Napoleons Ägyptenfeldzug, 1819 signiert von Jean-Julien Deltil. Der Preis des Wandschmucks: 125 000 Euro.

Ostasiatica sind ein weiteres Spezialgebiet, das mit Blick auf die neuen Reichen in China und Indien auf der Tefaf expandieren soll. Grace Wu Bruce (Hongkong) hat chinesische Tische und Schränke des 16. und 17. Jahrhunderts mitgebracht. Als echte Sammlerstücke kann so ein kostbar schimmerndes Kastenmöbel bis zu 150 000 Euro kosten. Ostasiatische, ägyptische, römisch-antike und europäische Skulpturen aus Mittelalter und Neuzeit werden erstmals auch auf einer Maastrichter Parallelmesse angeboten. Auf der „Sculpture Highlights“ im historischen Theater „La Bonbonnière“ stellen 21 Skulpturenhändler aus ganz Europa aus. Eine kleine Fundgrube. Die große Tefaf wird es kaum tangieren.

Tefaf, MECC, bis 18. März. Eintritt (einschließlich Katalog) 55 Euro.

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