Nasan Tur in der Schwartzschen Villa : Erinnerung als Akt des Widerstands

Redefreiheiten: Der Berliner Künstler Nasan Tur porträtiert in der Schwartzschen Villa Politiker und verfolgte Journalisten.

Claudia Wahjudi
Nasan Tur knittert und glättet in einem Video immer wieder das Porträtfoto des syrischen Journalisten Nadschi al-Dscherf, der vor vier Jahren im türkischen Gaziantep ermordet wurde.
Nasan Tur knittert und glättet in einem Video immer wieder das Porträtfoto des syrischen Journalisten Nadschi al-Dscherf, der vor...Foto: Nasan Tur/VG Bild-Kunst Bonn 2019

Kritik an Presse und Fernsehen sind ein wichtiges Thema der Gegenwartskunst. Von der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Barbara Kruger bis zum Berliner Bildhauer Olaf Metzel haben Kunstschaffende Sensationslust sowie die Bild- und Wortwahl von Massenmedien kritisiert. Nasan Tur macht etwas ganz anderes. In seiner Ausstellung in der Schwartzschen Villa in Steglitz würdigt der Berliner Künstler Journalisten und Journalistinnen, die investigativ arbeiteten. Und ermordet wurden.

Die Schau mit dem Titel „Back and Forth“ besteht aus zwei Teilen: einer Audioskulptur und einer Filminstallation. Sie gehören nicht zwingend zusammen. Was sie eint, ist die Haltung des 1974 in Offenbach geborenen Künstlers: Aus seinem konzeptuellen Werk, das von Holzschnitten bis zu Performances reicht, spricht Skepsis gegenüber Macht sowie Demut vor dem Leben. So macht Tur in Steglitz weder aus den ermordeten Journalisten Matadore, noch macht er aus den Machthabern Monster. Alle bleiben menschlich, auch Präsident Putin.

Denn es sollen Putin, Donald Trump und Angela Merkel sein, die in der Audioskulptur im kleineren Raum zu hören sind. Ob das stimmt, lässt sich nicht erkennen: Der in Berlin lebende Künstler hat die Reden so zusammengeschnitten, dass alle Worte fehlen, die Sprechenden nur noch Luft holen, sich räuspern, schlucken, nach Applaus und zustimmenden Rufen neu ansetzen. Absurd wirkt das zunächst, zumal in dem Zimmer nur ein Lautsprecher und ein Bühnenscheinwerfer stehen. „Speach“, eine Weiterentwicklung von Turs Beitrag für das Radioprogramm der Documenta 2017, ist optisch eine rohe Arbeit. Akustisch aber wird sie mit jeder Minute interessanter: Zisch- und Kehllaute lassen Anspannung, Genugtuung, Gereiztheit heraushören. Es wird intim. Man denkt an Lippen, Zunge, Zähne, Herzschlag, Speichel. Die Sprechenden wirken verletzlich, ohne bloßgestellt zu werden.

Diese Balance macht die Qualität der Arbeit aus. Doch in unmittelbarer Nachbarschaft zu Turs Installation über die ermordeten Journalisten überzeugt die Gleichbehandlung der drei Staatsspitzen nicht. Denn auf der Rangliste der Pressefreiheit, wie sie die Organisation Reporter ohne Grenzen erstellt, rangieren die Länder, denen Trump, Putin und Merkel vorstehen, in verschiedenen Kategorien. Während Deutschland zu den wenigen Staaten weltweit zählt, in denen es gut um die Pressefreiheit bestellt ist, gilt diese in den USA nur als zufriedenstellend und in Russland als schwierig.

Es geht Tur nicht nur um Pressefreiheit

Die optisch gewichtigere Arbeit ist Turs neues Werk „Memory as Resistance“, ein Triptychon aus drei großen Projektionsflächen. Filmaufnahmen zeigen auf jedem Bildschirm Turs Hände, wie sie das vergrößerte Porträtfoto eines ermordeten Pressevertreters zusammenknüllen, auseinanderfalten und glattstreichen, immer wieder neu. Bis das Papier beim Knittern nur noch zart knistert und dünnem Stoff ähnelt, auf dem das Porträt verblasst. Fast scheinen Turs Hände das Foto zu streicheln. „Memory as Resistance“ stellt zugleich eine Meditation über den gewaltsamen Tod dar, ähnlich der Aquarelle mit Ziffern, mit denen Tur 2016 in einer Berliner Galerie namenloser Opfer von Krieg und Flucht gedachte. Freundliche Fotos hat er ausgewählt. Die Männer und Frauen, aufgenommen auf der Straße oder in einem Zimmer, schauen offen und unprätentiös in die Kamera. Wer die Nachrichten verfolgt, erkennt Hrant Dink aus der Türkei, Anna Politkowskaja aus Russland, vielleicht Jamal Khashoggi, der im Oktober nicht mehr aus dem saudi-arabischen Konsulat in Istanbul zurückkehrte. Auch Journalisten aus EU-Ländern sind dabei: Daphne Caruana Galizia aus Malta etwa und José Luis Lopez da la Calle aus Spanien. Nasan Tur hat eine subjektive Auswahl getroffen. Er konzentrierte sich auf Fälle, die ihm nahegingen und im Gedächtnis haften blieben.

Womöglich ergänzt der eine oder die andere Besucherin die Arbeit in Gedanken, etwa mit dem Gesicht des ebenfalls ermordeten Journalisten Jan Kuciak aus der Slowakei. Doch es geht Tur nicht nur um Pressefreiheit, er will über diese Berufssparte hinaus weiter denken: Wo die Meinungsfreiheit nicht geschützt wird, sind Künste, Wissenschaften und jede Opposition in Gefahr. Dass Nasan Tur seinen Appell leise formuliert und – anders als die von seinen Kollegen kritisierte Presse – aufmerksamkeitsheischende Effekte vermeidet, macht „Memory as Resistance“ so stark.

Schwartzsche Villa, Grunewaldstr. 55, bis 10. Juni; Mo bis So 10 – 18 Uhr.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!