Der Film skandalisiert Kampuschs Schicksal nicht

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Natascha Kampusch : Fünf Quadratmeter Österreich
Terror. Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) bestraft Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) mit Essensentzug. Foto: Constantin
Terror. Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) bestraft Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) mit Essensentzug....

„3096 Tage“. Der Film trägt den gleichen Titel wie Natascha Kampuschs Buch und ist doch etwas ganz anderes. Im Buch schickt Kampusch Kassiber aus ihrem äußeren wie inneren Gefängnis, es ist ihre Version dessen, was geschah: ihr Erleben, ihre Wahrnehmung, ihre elaborierte Sprache (nach zwei Jahren gestand der Täter ihr ein Radio zu, sie hörte oft Bildungssendungen), ihre Selbstreflexion. Einschließlich der Weigerung, über Priklopils sexuelle Übergriffe zu schreiben. Einschließlich des Protests gegen jene Küchenpsychologie, die das komplizierte Verhältnis zwischen Opfer und Täter schnell mit dem Stockholm-Syndrom abtut.

Auch der Film beginnt mit der Binnenperspektive, komprimiert die Kindheit auf wenige Szenen und zeigt erst mal Bewegungsfreiheit: die 18-jährige Kampusch beim Skifahren – als der Täter sie bereits öfter mit nach „draußen“ nahm, für die wahnhafte Illusion vom restlos gefügigen Frauengeschöpf. Eine einsame Gestalt mitten in gleißendem Weiß, die denkbar größte Weite, die totale Isolation, Seelenlandschaft eines Kellerkinds – ein hyperreales, eindrückliches Bild. Aber davon gibt es leider nicht viele.

Im Buch beschreibt Kampusch die Finsternis, wenn Priklopil das Licht im Verlies löscht, auf der Leinwand ist selbstredend immer etwas zu sehen. Im Buch bekommt man eine Ahnung von der sich unerträglich dehnenden Zeit: das Ticken der Uhr, das Abstreichen des Kalenders, die Wohnungsrenovierungen, bei denen sie bis zur Erschöpfung schuftet, die Weihnachtsfeste ohne Familie, die wiederholten Suizidversuche. Der Film springt vier Jahre nach vorn, von der pummeligen Zehnjährigen (verzweifelt-trotzig: Amelia Pidgeon) zur knochig abgemagerten Pubertierenden (Antonia Campbell-Hughes). Für die Zermürbungstaktik des psychopathischen Täters, mit der er den Willen des Mädchens brechen will, findet der Film allenfalls standardisierte Effekte. Immer wieder die Zeitlupe, immer wieder bedrohliche Soundcollagen samt gleichsam ersticktem Originalton. Eine halbwegs wahrhaftige Empfindung für die entsetzliche Dauer von Natascha Kampuschs Agonie und die Zähigkeit ihrer Gegenwehr vermittelt all das nicht.

Wie setzt man jene Überlebenstechnik des geschundenen Mädchens in Szene, sich bei Priklopils Gewaltattacken von sich selber abzuspalten? Ein Blick in den Spiegel, der ihr Gesicht fragmentiert, das hätte ein Inbild werden können. Aber Hormann gewinnt ihm ebenso wenig Intensität ab wie der unter Klaustrophobie leidenden Kameraführung. Und die wie abgetrennt wirkende Synchronisation befremdet eher auf unfreiwillige Weise.

Oder der Hunger, jener stetig quälende, apathisch machende, lebensgefährliche Hunger. Wieder kommt lediglich die Zeitlupe zum Einsatz, beim Duell um den Bratfisch, den sie sich in den Mund stopft, bis er ihn ihr wieder herauswürgt. Klar, der Film will redlich bleiben und Kampuschs Geschichte nicht zur reißerischen Story skandalisieren. Er nimmt auch andere Perspektiven ein, zeigt den Täter (Thure Lindhart als kindlich-perverser Muttersohn) allein in seiner Wohnung oder Nataschas Mutter (Trine Dyrholm) weinend an Weihnachten. Aber „3096 Tage“ illustriert, statt zu imaginieren, entwickelt keine Haltung zu seinem Stoff.

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