Natascha Kampuschs Gefangenschaft sprengt jede Vorstellungskraft

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Natascha Kampusch : Fünf Quadratmeter Österreich
Terror. Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) bestraft Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) mit Essensentzug. Foto: Constantin
Terror. Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) bestraft Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) mit Essensentzug....

Es ist nicht die erste filmische Annäherung an die Tragik aktueller Kindesentführungen. Markus Schleinzer gewann mit seinem österreichischen Kammerspiel „Michael“, einer Versuchsanordnung über das Weggesperrtsein und die monströse Alltagsnormalität eines pädophilen Täters, den Max-Ophüls-Preis 2012. „À moi seule“, Frédéric Videaus Studie über die Strategien, die Einsamkeit und die Selbstbefreiung eines Entführungsopfers, lief letztes Jahr im Berlinale-Wettbewerb. Wie dessen Protagonistin Agathe Bonitzer bleibt auch Antonia Campbell-Huges’ Gesicht vampirblass. Aber bei ihrer bis zum Skelett abgemagerten Gestalt denkt man meist nur daran, dass da eine Schauspielerin Natascha Kampusch verkörpert und für die Rolle tapfer gehungert hat.

Kino ist die Möglichkeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Nicht mittels Sozialrealismus, sondern mithilfe der Vorstellungskraft, die sich an extremen Emotionen entzündet, an Furcht und Mitleid, Schmerz, Todesangst, radikaler Empathie. Vielleicht sprengen die 3096 Tage von Natascha Kampuschs Gefangenschaft jede Vorstellungskraft. Sherry Hormanns Film dringt bis in diese Dimension nicht einmal vor. Bestenfalls lässt er sich als Symptom jener Hilflosigkeit und Überforderung ansehen, mit der die Öffentlichkeit jenseits der Sensationsgier einer Überlebenden wie Natascha Kampusch begegnet.

Aus Gründen des Opferschutzes waren jene Passagen in den Vernehmungsprotokollen geschwärzt worden, in denen sie über ihren sexuellen Missbrauch Auskunft gab. Mittlerweile seien die Passagen an die Öffentlichkeit gelangt, sagt die 25-Jährige auf Günter Jauchs Frage, warum im Film anders als im Buch auch sexuelle Übergriffe thematisiert werden. Der Täter liegt auf ihr, die Kamera zeigt das Gesicht des an Priklopil gefesselten, stumm die Vergewaltigung erduldenden Mädchens. Als die Szene sich später wiederholt, beginnt auch sie zu stöhnen. Weil „alles“ gezeigt werden muss? Für welchen Wahrheitsbegriff beraubt der Film Natascha Kampusch ihres Opferschutzes und ihres letzten Rests von Privatheit? Der Kamera scheint die konventionell aufgelöste Szene peinlich zu sein. In diesem Moment lässt sie ihre Leidensgenossin allein.

Ab Donnerstag in 15 Berliner Kinos.

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