Kultur : Nebelsteine

Das war die Maerzmusik: Zwischen Alpenfolklore und Lärmterror sucht das Festival nach Fragen

Ulrich Pollmann

Das haben wir uns doch gedacht: Die Schweiz ist kein Postkartenidyll. Wobei es nicht um Schwarzgeldkonten geht. Die Maerzmusik bot zum Abschluss des diesjährigen Festivals, in dem reichlich Musik aus der Alpenrepublik zu hören war, eine Musiktheaterproduktion von der Schweizerin Mela Meierhans. Und zwar zum Thema Totenkult, wie er in der Schweiz vor noch gar nicht langer Zeit anzutreffen war. Zwei lange Alphörner ragen im Haus der Festspiele auf die Bühne, ein kleines Ensemble aus Klarinetten, Akkordeon, Hackbrett und Kontrabass gruppiert sich um den großen bäuerlichen Tisch. Wo eine alte Dame von alten Zeiten berichtet. Vom Umgang mit Verstorbenen erzählt sie, als diese noch nicht auf Intensivstationen ihr Leben aushauchten.

„Tante Hänsi – ein Jenseitsreigen“ heißt das Stück, es schildert Anrührendes über tote Kinder und Engelsmacherinnen, Bergbauern, die im Winter ihre Toten mangels Transportmöglichkeit bis ins Frühjahr im Schnee konservierten. Musikalisch umwebt Mela Meierhans ihre Geschichte einerseits mit schlichten, aber suggestiven Klängen, die Atmosphäre und Spannung schaffen, ohne vom Geschehen abzulenken. Hinzu tritt allerdings der Jodlerklub Wiesenberg, dessen Sänger in reinstem Gletscher- Dur, aber mit eigentümlicher Strenge die Aura des Abends in eine ganz andere Richtung biegen. Das alles beschert Mela Meierhans reiche Ovationen, die anderen Musiktheaterprotagonisten des Festivals leider nicht zuteil wurden.

Mit recht? Die nach Texten des Zeichners und Autors Raymond Pettibon zusammengeschusterte Collage „The Whole World Is Watching“ über eine amerikanische Terrorgruppe gewann beängstigende Momente nur durch einige zugegebenermaßen gekonnte Lärmausbrüche von Keiji Haino. Blieb aber ansonsten herzlich inhaltsfrei.

„Walking the Limits“, ein Stück von Heinz Weber, wurde dann in der Volksbühne zur Schlafnummer. 80 Minuten lang ununterbrochen zarte Streichertremoli: Nicht unangenehm, aber Musiktheater ist was anderes. Erleichtertes Seufzen im Publikum nach dem letzten Bogenzittern. Trösten kann man sich nach so einem Abend nur mit dem Programmbuch der Maerzmusik, in dem so schöne Dinge zu lesen sind, wie etwa, dass die Musik die Antwort auf die Erkenntnis sei, dass im Nichts zwar nichts zu erkennen, doch alles zu vollbringen ist.

Matthias Osterwold, künstlerischer Leiter der Maerzmusik, versteht seine Arbeit als Aufforderung zum Mitdenken. Er wird ahnen, dass konzeptionelle Idee und ästhetischer Ertrag so manches seiner Projekte nicht recht zueinander passen. Aber es geht nicht um richtige Antworten, sondern um wichtige Fragen. Diesmal nach dem Verhältnis von Lokalem (hier vor allem Alpinem) und Globalem. Dass hier nicht umstürzende Erkenntnisse, sondern allenfalls zarte Annäherungen zu erwarten sind, versteht sich.

Neben zahlreichen Installationen, Konzerten – auch mit alpenländischem Instrumentarium – und Filmen zur traditionellen Schweizer Musikkultur gab es vom Konzept unberührte Konzerte. Das Ensemble Resonanz stellte eine recht zahme Nummer des Jazzmusikers Elliott Sharp und die „Nebelsteinmusik“ von HK Gruber vor, die sich im letzten Satz in ganz witziger Weise in Salonmusik verliert. Spannenderes gab es vom Trio Accanto: Schon die drei Episoden von Tomoko Fukui verzauberten mit gestischer Leichtigkeit. In „Hrabaliana“ von Gianluca Ulivelli, hier werden Saxophon, Klavier und Schlagzeug sparsam mit elektronischen Klängen ergänzt, spielen die Musiker mit den Klängen geradezu Fangen, ein Stück von großer Sinnlichkeit.

Die Programmatik dieses Festivals ist in sich zweifellos schlüssig, die Berliner Festspiele haben hier ein Projekt mit starkem Alleinstellungsmerkmal. Um so schmerzlicher wird allerdings damit auch der Verlust, der mit der Umgestaltung der Festwochen im September zum repräsentativen Orchesterfestival zu beklagen ist. Hier war sonst eine andere Moderne zu hören: Kurtág, Stockhausen, Rihm – ein perfektes Kontrastprogramm zur Maerzmusik.

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