Neil MacGregors neues Buch : In allen Dingen wohnt eine Seele

Was hat ein Anorak aus Alaska mit einer ägyptischen Statue zu tun? Sie zeigen unsere Abhängigkeit von der Natur. Vorabdruck aus Neil MacGregors neuem Buch „Leben mit den Göttern“.

Neil MacGregor
Das Tier wärmt. Anorak aus Robbendarm, angefertigt um 1890 in Alaska.
Das Tier wärmt. Anorak aus Robbendarm, angefertigt um 1890 in Alaska.Foto: The Trustees of the Britis hMuseum/ C. H. Beck Verlag

Wenn es eine Szene aus der Bibel gibt, die kleine Kinder heute kennen, dann ist es sicherlich die Geschichte aus dem Schöpfungsbericht von den Tieren, die, immer paarweise, Noahs Arche besteigen. Es ist ein bezaubernder Mythos, der aus einem katastrophalen Ereignis erwächst: Eine einzige Familie rettet die Tiere dieser Welt vor dem Untergang in der großen Flut. Menschen und Tiere sitzen also alle im gleichen Boot.

Doch als die Flut vorüber ist und alle wieder dem Schiff entsteigen, wird die Beziehung zwischen den Schiffskameraden weniger traulich. Wir sehen diesen Augenblick auf der Miniatur aus den Bedford Hours dargestellt, einem Stundenbuch, das um 1420/30 in Paris entstand. Die Leichen der Ertrunkenen treiben noch an der Oberfläche des sich zurückziehenden Wassers, während versunkene Städte und Gebäude nach und nach wieder aus den Fluten auftauchen.

Noahs Frau hilft dem Federvieh auf den Steg, die Schafe grasen schon wieder, und der Bär und der Löwe bereiten sich auf die Jagd nach Beute vor. Während die letzten Tiere noch die Arche verlassen, haben Noah und seine Familie schon damit begonnen, Ackerbau zu treiben und Weinstöcke zu pflanzen. Was wir hier sehen, ist die neue, von Gott bestimmte landwirtschaftliche Weltordnung: Nutzvieh und wilde Tiere, Getreide und Reben, Aussaat und Ernte – alles ist so organisiert, dass es der Menschheit zum Nutzen gereicht. Diese Welt war allen Europäern im 15. Jahrhundert und vielen Europäern bis ins 20. Jahrhundert hinein wohlvertraut.

Recht auf Herrschaft

Im ersten Kapitel des Buchs Genesis hatte Gott der Menschheit ganz einfach „Herrschaft“ verliehen – über alles. „Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen“ (Gen 9,2–3).

Diese biblische Vorstellung von Herrschaft, eines im Wortsinne gottgegebenen Rechts, über jedes lebende Geschöpf so zu verfügen, wie es uns gefällt, hatte großen Einfluss darauf, wie die westliche Zivilisation die natürliche Welt nutzt und missbraucht. Doch in dieser Hinsicht ist die jüdisch-christliche Überlieferung ungewöhnlich. Die meisten Glaubenssysteme fordern ein stärker auf Gegenseitigkeit angelegtes Verhältnis zwischen uns und der lebendigen Welt: Dadurch haben wir Verpflichtungen gegenüber den Tieren und Pflanzen, die uns ernähren, und das Herrschaftsgefühl wird durch ein Bewusstsein der Abhängigkeit gedämpft.

Der Anorak als Beispiel

Es mag eigenartig wirken, wenn wir diese vielschichtigere Beziehung zunächst anhand eines Anoraks näher betrachten. Dieser locker sitzende Parka ist das perfekte Kleidungsstück, um Regen und Wind abzuhalten. Er sieht aus wie eine effektivere Version der Regenumhänge aus Plastik, mit denen Touristen im Sommer durch verregnete Städte stapfen. Er ist vollkommen wasser- und winddicht und wurde von einer Yup'ik-Frau aus Hooper Bay im Südwesten Alaskas hergestellt. Sie trug ihn, wenn sie draußen während des arktischen Sommers Beeren pflückte.

Dieser Anorak ist aus einem Tier gemacht, von dem das Überleben des Yup'ik-Volkes abhing: dem Seehund. Das Körperteil des Parkas besteht aus der Darmhaut der Bartrobbe, die der Länge nach in Streifen geschnitten und dann zusammengenäht wird. Die Ärmel sind aus Teilen des Seehunddickdarms gemacht und besonders widerstandsfähig. Die wichtigste Jahreszeit für die Nahrungsmittelgewinnung ist das lange, kalte Frühjahr, dann kann man den Seehunden überall auf dem vereisten Meer nachstellen. Deren Fleisch, Fell und Gedärm sind lebenswichtig für Bekleidung und Ernährung. Doch Seehunde spielen im Leben der Gemeinschaft noch eine andere, weniger erwartbare Rolle.

Amber Lincoln, Kuratorin der Nordamerika-Sammlungen im British Museum, sagt dazu: „Während die Menschen in Westalaska im Sommer und Herbst umherzogen und im Freien kampierten, zwangen die dunkelsten Monate sie, drinnen zu bleiben. Die Männer sammelten dann Werkzeuge ein und reparierten sie, sie knüpften neue Netze und flickten alte. Die Frauen nähten Kleidungsstücke. In diesen Wintermonaten versammelte sich die Gemeinschaft, um Feiern und Zeremonien abzuhalten. Zu diesen Feierlichkeiten luden die Menschen die Geister der erlegten Tiere ein und feierten sie. In gewisser Weise dankten sie ihnen dafür, dass sie ihr Leben für die Ernährung des Yup'ik-Volkes gegeben hatten.“

Die Seele eines Seehundes wohnt in seiner Blase

Zu diesen spirituell anwesenden Tiergästen gehörten auch die Seehunde, insbesondere auf dem „Blasenfest“, einer der wichtigsten Feiern im Winter. Denn man glaubte, die Seele eines Seehunds wohne in dessen Blase. Während des Festes bekam sie einen Ehrenplatz und wurde dann durch ein Loch in der Eisdecke wieder ins Meer zurückbefördert: Die Seele konnte ins Meer zurückkehren und, so hoffte man, andere Seehunde dazu animieren, während der nächsten Jagdsaison vorbeizukommen. Mit diesem Ritual ehrte man das Tier, das man töten musste: Ertrag und Ehrerbietung zugleich.

Dazu noch einmal Amber Lincoln: „Man bietet einem Seehund, den man erlegt hat, einen Schluck Wasser an, damit seine Seele keinen Durst leidet. Diese Tiere, so der Glaube, werden dann weiterziehen und anderen davon berichten, wie gut sie behandelt wurden. Das zeigt: In den Jagdbeziehungen der Yup'ik liegt der aktive Part letztlich nicht bei den Jägern, sondern bei den Tieren.“

Es gibt natürlich keinen Text, der uns erklärt, wie sich die Yup'iks den Platz des Menschen im Kosmos vorstellen. Aber aus ihren Glaubensgewohnheiten und Verhaltensweisen spricht kein Streben nach Dominanz, sie zeugen vielmehr von einem immerwährenden Dialog zwischen allen lebendigen Dingen.

In einer Welt, die sich an die industrielle Landwirtschaft und an Legebatterien für Hühner gewöhnt hat, tun wir uns schwer mit der Vorstellung, eine Balance in unserer Beziehung zur Natur verlange nicht nur Respekt, sondern auch Reziprozität. Doch diese Idee spielt für agrarisch geprägte Gesellschaften eine ebenso zentrale Rolle wie für Gesellschaften von Jägern, und sie bildet den Kern zahlreicher religiöser Praktiken im Alten Ägypten.

Für die Menschen im Alten Ägypten war der Nil eine wichtige Quelle des Lebens. Jedes Jahr ließen die Monsunregenfälle den Wasserstand des Flusses steigen. Es folgte die Flut, die ihren Höhepunkt zwischen Juli und September erreichte. In dieser Zeit, so ein Text aus dem Alten Ägypten, „lachen die Felder … die Gottesgabe steigt herab, das Antlitz der Menschen ist freundlich.“

Osiris - Gott, König und Herrscher über die Unterwelt

Die „Gottesgabe“ war der fruchtbare Schlamm, den das abfließende Wasser zurückließ und in dem die Bauern ihr Getreide anbauen konnten. Doch die Sache konnte leicht schiefgehen. Siedlungen und wertvolles Land wurden mitunter zerstört, wenn das Wasser zu hoch stieg. Und wenn der Fluss nicht genügend Wasser führte, litten die Menschen Hunger. Der Gott, der in einer kleinen braunen Figur dargestellt ist, spielte eine Schlüsselrolle dabei, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Doch anders als für einen Gott üblich „wachte“ er nicht über diesen Prozess: Er war selbst darein verwickelt.

John Taylor, Kurator für die ägyptischen Grabbeigaben, erklärt: „Diese kleine Statue entstand zwischen 700 und 300 v. u. Z. und ist rund 30 cm groß. Sie stellt eine mumifizierte menschliche Gestalt dar. Der Kopf, aus Bienenwachs geformt, weist vergoldete Linien auf, welche die Augenbrauen über ovalen Augen akzentuieren; der Körper ist vollständig in Leinentücher gewickelt, sodass man die Gliedmaßen nicht erkennen kann. Die Figur weist einen auffallenden erigierten Penis auf; und sie trägt eine Krone. Es handelt sich um Osiris, einen König und Gott, der starb, mumifiziert wurde und wieder ins Leben zurückkehrte. Der ägyptischen Mythologie zufolge war Osiris ein besonders segensreicher König, der den Ägyptern die Landwirtschaft beibrachte, ihnen Gesetze gab und sie zivilisierte. Doch sein eifersüchtiger Bruder tötete ihn, und der Körper des Osiris wurde in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verstreut. Seine Frau Isis sammelte die Stücke ein und sorgte dafür, dass er als körperliches Wesen wiederhergestellt und mumifiziert wurde. Anschließend wurde er wieder zum Leben erweckt, fungierte aber fortan als Herrscher über die Unterwelt.“

Kollaboration statt Manipulation

Figuren wie diese standen im Zentrum eines großen Festes, das jedes Jahr während des vierten Monats der Flut in Ägypten abgehalten wurde. Es handelte sich um eine Feier des Kreislaufs der Jahreszeiten. Osiris lebt, stirbt und lebt erneut. Die Fruchtbarkeit des Landes kehrt zurück, sodass Ägypten zu essen hat, und Ägypten selbst erfährt eine Erneuerung.

Es mag verführerisch sein, sich ein Volk vorzustellen, das die Natur zu überlisten hoffte. Das aber wäre nicht ganz richtig. Wir wären damit in unseren eigenen modernen, westlichen Konzeptionen der Natur gefangen. Vielmehr sind viele Wissenschaftler der Ansicht, dass wir es hier mit einem jahreszeitlichen Ritual zu tun haben, bei dem es weniger darum geht, dass Menschen Macht über Götter oder die Natur ausüben, sondern dass sie mit diesen zusammenarbeiten: Kollaboration statt Manipulation. Der Anorak und die Kornmumie scheinen Gedankenwelten zu entstammen, die weit voneinander entfernt sind und unserer eigenen noch ferner liegen. Für die meisten Menschen ist Osiris heute ein irreversibel toter Gott, seine Wiederzusammensetzung und Wiederauferstehung sind eine genauso befremdliche Vorstellung wie die, dass die Seele einer Robbe in ihrer Blase unterwegs ist und zu ihren Artgenossen spricht.

In den Gesellschaften Alaskas und Ägyptens entstanden unter völlig unterschiedlichen Umständen Narrative, in denen die eigene Abhängigkeit von der natürlichen Welt demütig anerkannt wurde. In der Folge konnten beide Gesellschaften Verhaltensweisen entwickeln, damit die gesamte Gemeinschaft sparsam mit dieser Natur umging. Der Großteil der modernen Welt bemüht sich momentan gerade darum, es ihnen gleichzutun.

Der Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus „Leben mit den Göttern“ von Neil MacGregor, das am 12. Oktober im Verlag C. H. Beck erscheint (542 S., 245 farbige Abbildungen, 39,95 Euro). Übersetzung von Andreas Wirthensohn und Annabel Zettel. Erste Exemplare sind exklusiv vorab erhältlich bei der Buchvorstellung mit Neil MacGregor und Ijoma Mangold am Sonntag, 30. September, um 11.30 Uhr im Renaissance Theater Berlin (Kartentelefon: (030/ 312 42 02). Neil MacGregor war von 2002 bis 2015 Direktor des British Museum in London und bis Sommer 2018 Gründungsintendant des Berliner Humboldt Forums.

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