Die E-Gitarre kreischt und jault wie ein verwundetes Tier

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Neil Young in der Waldbühne : Die Nacht der Riesen
Greisdreieck. Neil Young mit Billy Talbot (l.) und Frank "Poncho" Sampedro von Crazy Horse.
Greisdreieck. Neil Young mit Billy Talbot (l.) und Frank "Poncho" Sampedro von Crazy Horse.Foto: Thilo Rückeis


Neil Young ist 67, vor acht Jahren wäre er beinahe an einem Gehirnaneurysma gestorben. Doch er strahlt ungebrochene Vitalität aus, im letzten Jahr hat er neben seinem autobiografischen Buch „Ein Hippie-Traum“ gleich zwei herausragende Alben veröffentlicht: die Folk- und Blueshuldigung „Americana“ und „Psychedelic Pill“, eine Rock’n’Roll-Monsterplatte, für die er mit dem von Radio eins und Tagesspiegel verliehenen Soundcheck Award ausgezeichnet wurde (siehe Kasten).
Mit „Psychedelic Pill“ blickt Young auf sein Leben und auf die Träume, Siege und Niederlagen seiner Generation zurück. Die Bilanz fällt durchwachsen aus. In der bittersüßen Hymne „Walk Like a Giant“, die er in Berlin in einer umjubelten 18-Minuten-Fassung spielt, singt er von donquichottesken Kämpfen, von einer besseren Welt, die näher zu rücken scheint – „We could see it in the distance / Getting closer every minute“ – und doch unerreichbar bleibt.
Die E-Gitarre kreischt und jault wie ein verwundetes Tier, und im Refrain konstatiert der Sänger das Schwinden seiner Kräfte: „I used to walk like a giant on the land / Now I feel like a leaf floating in a stream.“ Das Stück endet, wie der Puls eines Sterbenden, mit einem immer langsamer werdenden Beat aus Trommel, Gitarre und Bass. Der Schriftsteller Navid Kermani hat es gerade in der „Zeit“ als Todes-Epiphanie gedeutet. Aber es ist genauso gut ein allerletzter Protestsong, der Abgesang auf die Visionen der Hippies, die naiv gewesen sein mögen, aber gewiss nicht vergeblich.


Nach „Walk Like a Giant“ spielt Neil Young „Hole in the Sky“, einen noch unveröffentlichten Song über das Ozonloch, der im Frühjahr während der Tour durch Australien entstand und wohl auf dem bereits angekündigten nächsten Album enthalten sein wird. Es folgen, in einer herrlichen Akustikversion, der Klassiker „Heart of Gold“ und die ultimative Hippiehymne, Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“. Sie galten lange als Antipoden, aber Young hat Dylan immer bewundert. In seiner Autobiografie beschreibt er, wie sehr er sich freute, als Dylan einmal bei ihm anrief und ihn lobte.
Neil Young wird niemals aufhören, ein Hippie zu sein. Dazu gehört die Verweigerungshaltung gegenüber den Zumutungen der Unterhaltungsindustrie. Andere Rockstars mögen mit Sattelschleppern voller Bühnenaufbauten durch die Welt tingeln. Ihm genügt als Dekoration ein Banner mit dem reitenden Indianer des Crazy-Horse-Logos. Er braucht auch kein Kamerateam, das ihn beim Singen filmt, auf dass auch weiter weg stehende Zuschauer sein Gesicht auf einer Leinwand anschauen können. Auf der Bühnenrückwand drehen sich bloß ein paar bunte Projektionen, psychedelische Lichtspiele. Und den vier älteren Herren, die 15 Lieder aus fünf Jahrzehnten spielen, würde auch eine viel kleinere Bühne reichen. Neil Young, Billy Talbot und Frank Sampedro tanzen in eckigen Bewegungen umeinander, Ralph Molina thront an seinem Schlagzeug hinter ihnen. Es geht nicht um Show an diesem Abend, nur um: Musik. Rock’n’Roll can never die.

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