Kultur : Nein, ich schlafe nicht, ich bin nur nicht wach

Ist das noch Pop oder schon Ambient-Musik? Wie Air mit „Pocket Symphony“ seelische Fluchträume schaffen

Jörg W er

Sie träumen einfach immer weiter. Von Anfang an stand die Musik von Air, dem französischen Pop-Duo, für die Flucht in eine Halbtraumwelt, in ein nostalgisches Utopia, in dem man mit dem „Sexy Boy“ im umgebauten VW-Bulli zum Mond fliegen konnte. Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin, beide aus gutbürgerlichen Versailler Familien stammend, entwarfen vor knapp zehn Jahren ihren plüschigen Retro-Science-Fiction-Pop als von jeder Erdenschwere befreites Gegenmodell zur physischen Unmittelbarkeit der zeitgenössischen Clubmusik. Sie haben dem French House von Daft Punk und Etienne de Crécy den Beat entzogen und ihn in ein analoges Synthie-Schaumbad getaucht. Ihr Debütalbum „Moon Safari“ glich einer zur wabernden Soundoberfläche geronnenen Suche nach der verlorenen Zeit. Alle wollten damals an dieser Sehnsucht teilhaben, „Moon Safari“ wurde zur Konsensplatte der späten Neunziger und trat als hochwertige Berieselungsmusik für Hotellounges und Coffeebars einen Siegeszug rund um die Welt an.

Mit „Pocket Symphony“ stellen Air, nach dem kopflastigen Progpop-Konzeptalbum „10.000 Hz Legend“ und dem melancholischen „Talkie Walkie“, ihre vierte „richtige“ Platte vor. Sie zeigt die Herren der Lüfte in einem tastenden Entwicklungsprozess, der ihre Musik stellenweise menschlicher, erdiger klingen lässt. Trotzdem kann es passieren, dass die zwölf Stücke ein paar Mal als angenehme Hintergrundbeschallung an einem vorbeirauschen, ehe man ihre Schönheit entdeckt. Der instrumentale Opener „Space Maker“ etwa, seltsam flirrender, schwebender Ambientpop, wirkt zunächst irritierend unspektakulär. Man könnte Easy Listening dazu sagen, aber dieses so sorgfältig wie ein Kartenhaus geschichtete Etwas ist alles andere als simpel. „Once Upon A Time“ borgt sich ein Pianomotiv aus der Minimal Music und wird von Jean-Benoît Dunckels androgynem, körperlosem Gesang getragen, ehe nach zwei Minuten Tony Allens mindestens einen Meter über dem Studioboden schwebendes Schlagzeugspiel eine pulsierende Dynamik einbringt, die man so von Air noch nicht kannte.

Auch beim vorwärts drängenden „Napalm Beach“ mit seinem Synthiebass, der die Hosenbeine flattern lässt, dem folkig angehauchten „Left Bank“ oder „Photograph“, das mit Glockenspiel, Flöte und Streichern ein akustisches Elysium beschwört, erweist sich Dunckel als der ideale Sänger. Sein unemphatischer, durch den frankophonen Akzent zusätzlich entrückter Vortrag passt vorzüglich zu den zerbrechlichen Klangarchitekturen. Einzig im treibend-tanzbaren „Mer Du Japon“ bekommt seine Stimme eine größere Dringlichkeit, wenn er zum repetitiven Discobeat immer wieder wie in Hypnose die Zeilen „Je perds la raison / dans la mer du japon“ deklamiert. Die Instrumentals „Mayfair Song“ und „Lost Message“ erinnern mit ihrer Mischung aus Eric Satie und Softporno-Soundtrack am ehesten an die alten Air, sind aber zugleich die schwächsten Stücke, weil die Lust am Wohlklang nicht mehr mit der ungebrochenen Naivität früherer Tage einher geht.

Für die größten Momente von „Pocket Symphony“ konnten Air prominente Unterstützer gewinnen: Jarvis Cocker und Neil Hannon, die Dunckel und Godin bei den Aufnahmen zu Charlotte Gainsbourgs Album „5.55“ kennen lernten, leihen Air für jeweils einen hinreißenden Song ihre Stimme. Die beiden vielleicht ausdrucksvollsten Sänger im britischen Pop verzichten ganz auf den von ihren (Ex-)Bands Pulp und The Divine Comedy gewohnten Gestus dramatischen Glamours. „One Hell Of A Party“ ist mit seiner Japonais-Atmosphäre eine zauberhafte Hangover-Meditation, von Cocker in heiserer Intensität wie eine Beschwörung gegen den Absinth-Kater mehr geflüstert als gesungen. Neil Hannon interpretiert die spröde Melodik von „Somewhere Between Waking And Sleeping“ mit subtilem Timing als fragile Borderline-Ballade, darin an den großen Pop-Außenseiter Robert Wyatt erinnernd. Beide Stücke, die als drittes und drittletztes eine innere Klammer des Albums bilden, beweisen auch Godins und Dunckels Meisterschaft als Arrangeure. Fernöstliche Lautmalerei hier, zarte Piano- und Gitarrentupfer und eine behutsame Streicherwattierung dort, geben Freiräume und klare Strukturen zugleich. Beim abschließenden „Night Sight“, das wie in zartem Windhauch dahingleitet und gut auf Brian Enos „Another Green World“ gepasst hätte, sind Air ganz bei sich: eine Skulptur aus purem eskapistischem Wohlklang.

In den ungeduldigen Zeiten der Generation Download dürfte es eine an der Oberfläche ereignisarme, wenig sensationelle Platte wie „Pocket Symphony“ schwer haben. Der 48-minütige Zauber verschwindet, wenn man ihn in Dateien zerlegt.

„Pocket Symphony“ von Air ist bei Virgin erschienen.

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