Neonazi-Drama „Skin“ im Kino : Der Schmerz der Schuld

Jamie Bell spielt in "Skin" den ehemaligen Neonazi Bryon Widner. Der Szene-Aussteiger ließ unzählige Tattoos von seinem Körper entfernen.

Widner (Jamie Bell) lässt sich die Schuld aus dem Gesicht operieren.
Widner (Jamie Bell) lässt sich die Schuld aus dem Gesicht operieren.Foto: Ascot Elite Entertainment

Es sind Verlorene, orientierungs- und obdachlose Jugendliche, denen die Kragers eine Richtung und ein Zuhause geben. Patriarch Fred (Bill Camp) tut dies mit väterlicher Autorität, seine Frau Shareen (Vera Farmiga) mit mütterlicher Zuwendung. Mit dem Scheren des Schädels wird das neue Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen. Ihres inneren Zusammenhalts sind sie sich umso sicherer, je stärker sie sich nach außen abgrenzen. Wer bereit ist, sich seinen Hass auf das Establishment und Minderheiten ins Gesicht zu tätowieren, wird kaum resozialisierbar sein.

Auch Bryon Widner (Jamie Bell) kam einst auf diese Weise zu der Neonazi-Gruppe, die sich „Vinlanders Social Club“ nennt und als Teil einer Erblinie begreift, die über die Nazis und den Ku-Klux-Klan bis zu den Wikingern führt. Vom verlorenen Teenager ist Widner längst zu einem ihrer aggressivsten und loyalsten Mitglieder geworden, als er sich entscheidet, der White-Supremacy-Szene den Rücken zu kehren und unterzutauchen.

Widners Fall ging Anfang des Jahrzehnts um die Welt. Schon die TV-Doku „Erasing Hate“ (2011) begleitete ihn bei der qualvollen Prozedur, sich seine unzähligen Tattoos entfernen zu lassen. In „Skin“ erzählt nun der israelische Filmemacher Guy Nattiv die Aussteigergeschichte Widners als intensiven Thriller. Der Titel bezeichnet hier zunächst einmal die Haut als Ober- und Projektionsfläche, als Marker, auf dem die rassistische Ideologie beruht. Im Laufe des Films tritt jedoch eine weitere Funktion der Haut in den Vordergrund, nämlich als Schnitt- oder eher Stichstelle zwischen Außen und Innen.

Ein umgedrehter Kafka

Weil Tätowierungen Manifestationen der inneren Gesinnung auf dem äußeren Erscheinungsbild sind, ist auch Widners Läuterung nicht abgeschlossen, ehe nicht seine Oberfläche bereinigt ist. In Umkehrung von Kafkas Strafkolonie, in der dem Schuldigen das Urteil in den Leib eingeschrieben wird, besteht hier die Strafe in der schmerzhaften Tilgung aller sichtbaren Zeichen der Schuld. Nattiv ist dieser Aspekt so wichtig, dass er das langwierige Verfahren parallel zur Haupthandlung erzählt. Dabei nimmt er in Kauf, der Geschichte durch Vorwegnahme des Ausgangs eines Teils ihrer Spannung zu berauben.

Die Neonazis, denen Widner zu Beginn des Films angehört, verhalten sich so, wie man es erwartet und wie es vermutlich auch ihrem Selbstbild entspricht: Konflikte werden mit Fäusten geregelt, beim Sex fallen sie wie wilde Tiere übereinander her und wenn sie Bier trinken, dann hören sie vor der völligen Besinnungslosigkeit nicht mehr damit auf.

Die Geheimnisse unter der Haut

Zärtlichkeit zeigen sie höchstens im Umgang mit ihrem Kampfhund. Dann jedoch begegnet Widner der lebenstüchtigen Julie (Danielle Macdonald), die alleine drei Töchter aufzieht und in ihm das Bedürfnis weckt, Verantwortung zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Julie ist alles andere als die Unschuld vom Lande, wie spätestens ein handtellergroßes Hakenkreuz-Tattoo auf ihrer Hüfte verrät. Ihre Vorgeschichte wird nur angedeutet, aber sie ist entscheidend. Sie ermöglicht es ihr, den Menschen hinter Widners Tätowierungen zu erkennen. Ihm wiederum ermöglicht sie, ein Leben außerhalb des rigiden, sektenartigen Systems der „Vinlanders“ zu erkennen.

Ob und wie sich dabei auch seine weltanschaulichen Überzeugungen verändern, ja, ob er je wirklich Rassist aus Überzeugung oder bloß aus Loyalität war, bleibt unter der Oberfläche verborgen. Auch die Haut gibt nicht alle Geheimnisse preis.

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