Neubau der Kunsthalle Mannheim : Gehen wir in die Stadt

Der größte deutsche Museumsbau seit Jahren: Der Neubau der Kunsthalle Mannheim vom Architekturbüro gmp setzt auf räumliche Vielfalt und eine radikale Ausgestaltung.

Schimmert schön. Die Metallfassade des Neubaus im winterlichen Gegenlicht.
Schimmert schön. Die Metallfassade des Neubaus im winterlichen Gegenlicht.Foto: Kunsthalle Mannheim/Lukac Diehl 2017

Radikal ist die Lösung, die Mannheim für seine Kunsthalle gefunden hat. Der Ursprungsbau von Hermann Billing, 1909 eröffnet, stand immer außer Frage. Doch der Erweiterungsbau aus den 1980er Jahren erwies sich mehr und mehr als ungenügend. Statt sich mit einem Umbau zu begnügen, setzte die Stadt auf Neuanfang. Eine Privatspende in der für Deutschland ungewöhnlichen Größenordnung von 50 Millionen Euro ermöglichte einen vollständigen Neubau, der kurz vor Weihnachten fertiggestellt und im Beisein von Bundespräsident Steinmeier feierlich „übergeben“, aber noch nicht eröffnet wurde. In den kommenden Monaten müssen erst einmal die Kunstwerke hineingebracht und ein stabiles Hausklima erprobt werden, ehe die Mannheimer ihr Museum in Besitz nehmen können.

Aus einem Wettbewerb ging 2012 das Hamburger Büro gmp (von Gerkan Marg und Partner) als Sieger hervor; Partner Nikolaus Goetze, der unter anderem das Parlamentsgebäude Vietnams in Hanoi entworfen hat, zeichnet für den Mannheimer Bau verantwortlich. Mannheim ist die Quadrate-Stadt – der Stadtplan streng geometrisch gerastert in lauter gleich große Baublöcke. Die Kunsthalle freilich liegt knapp außerhalb dieses Rasters. Nikolaus Goetze orientierte sich jedoch am Raster und schlug eine „Stadt in der Stadt“ vor, eine Sammlung von kubischen Bauten unter einem gemeinsamen Dach, die in ihrer Mitte einen haushohen, gedeckten „Marktplatz“ offen lassen, um den herum sich die Kuben mit den Sammlungs- und sonstigen Räumen legen.

700 Quadratmeter in einer 21 Meter hohen Halle

Ein bisschen bang kann einem in der leeren, 700 Quadratmeter großen und 21 Meter hohen Halle schon werden, zumal über den Häuptern unerbittlich eine künstlerische Installation mit einer übergroßen Bahnhofsuhr kreist. Beachte die Stunde, die du hier verweilst? Was immer die Botschaft sei – in Mannheim geht es geordnet zu. Schmale „Gassen“ führen vom Platz weg in die Tiefe des Haus-Ensembles, und eine Treppe führt seitlich vom „Marktplatz“ in die Höhe, deren hölzerner Handlauf haptischen Trost spendet angesichts der klinikweißen Betonmauern. Zwischen den beiden Obergeschossen führen Brücken oder Stege von Kubus zu Kubus, dazu gewährt ein Panoramafenster Ausblick auf die Stadt und ihr Wahrzeichen, den sandsteinernen Turm auf dem Friedrichsplatz, der doch ganz prosaisch ein Wasserturm ist.

Auch den Fußboden der Kunsthalle hat der Architekt in hartem Betonestrich belassen. Das scheint keine Frage der Sparsamkeit gewesen zu sein, denn Museumsdirektorin Ulrike Lorenz, auf ein schönes Mooreichenparkett angesprochen, wie es – seiner Haltbarkeit wegen – in Museumsneubauten gern verwendet wird, schüttelt nur den Kopf. Man soll meinen, dass in Mannheim die volle Härte der Erkenntnis gefordert – und befördert – wird.

Das Museum als Bürgersammlung

Mit den 13 Kuben und der aus einer Gesamtfläche von 13 000 Quadratmetern gewonnenen Ausstellungsfläche von 3500 Quadratmetern allerdings kann die Direktorin herrlich arbeiten. Die unterschiedlichen Säle sind wunderbar proportioniert und mit Höhen von fünf und mehr Metern für die überwiegend vorgesehene Gegenwartskunst bestens geeignet. Doch auch das Gemälde der „Erschießung Kaiser Maximilians“ von Edouard Manet, eine Inkunabel des Hauses, wird in einem eigenen Saal zur Geltung kommen. Lorenz will immer wieder neue Kombinationen wagen: „Wir sind kein Weihetempel, sondern ein Haus, das sich in den Diskurs einbringen will.“

Das Manet-Bild war ein Ankauf von Bürgern, betont Ulrike Lorenz, überhaupt sei das Museum als „Bürgersammlung“ entstanden. Diese Tradition setzt sich fort: Bereits eingerichtet ist der Kubus mit Werken von Anselm Kiefer, die ihrer Größe wegen einen Dauerplatz erhalten haben. Es handelt sich um Dauerleihgaben von Hans Grothe, mit dessen Ausleihpolitik nicht alle bislang bedachten Museen glücklich geworden sind: Hier aber ist lange Verweildauer vereinbart.

Eröffnung im Juni

Viel an Skulpturen und Installationen ist in Mannheim vorgesehen, entsprechend haben mehrere Säle Fenster für Seitenlicht. Sogar zwei Terrassen sind im zweiten Obergeschoss ausgespart, damit Bildhauerwerke im Freien stehen können. Von außen präsentiert sich der Neubau zwar als ein einziges Gebäude, doch nicht als ein Block, sondern gegliedert durch asymmetrische Fensterbänder und das haushohe Panoramafenster über dem seitlich versetzten Eingang. Umhüllt wird der Komplex von einem in luftigem Abstand vorgehängten Metallgewebe aus bronzierten Edelstahldrähten und Röhren, das insgesamt 4635 Quadratmeter Fläche bedeckt. Genug der Zahlen! Nein, noch die Baukosten: Sie betrugen 68,3 Millionen Euro, von denen die Stadt zehn Millionen nebst Grundstück beigesteuert hat. Der größte deutsche Museumsneubau seit etlichen Jahren, so viel ist sicher.

Errichtet hat das Gebäude die private, gemeinnützige Stiftung Kunsthalle Mannheim – ein interessantes Modell. Nach der vollgültigen Eröffnung im Juni wird sich zeigen, ob der Kunsthallen-Neubau „nur“ ein Museum ist oder tatsächlich ein weiteres Stück „Stadt in der Stadt“.

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