Neue Chefin der Viennale : Sturzhelm zum Dienstantritt

Zum Abschluss des Wiener Filmfestivals Viennale: Die neue Leiterin Eva Sangiorgi setzt bereits im ersten Jahr eigene Akzente.

Aus Italien. Eva Sangiorgi hat sich in Wien schnell eingelebt.
Aus Italien. Eva Sangiorgi hat sich in Wien schnell eingelebt.Foto: Viennale/Alexi Pelekanos

Die Donau habe sie in ihren ersten sechs Monaten in Wien kein einziges Mal gesehen, erzählt Eva Sangiorgi. Dabei fließt die nur wenige Kilometer von ihrem Arbeitsplatz in der Siebensterngasse entfernt. Doch die neu gekürte künstlerische Leiterin der Viennale wurde diesen Sommer auch an lauen Sommerabenden von ihren Aufgaben auf Trab gehalten. Ihre Berufung nach Wien erfolgte so kurzfristig, dass Sangiorgi noch Verpflichtungen aus ihrer bisherigen Position als Leiterin des von ihr gegründeten Filmfestivals der Autonomen Universität in Mexiko-Stadt in die Vorbereitungszeit mitschleppte.

Eine kräftezehrende Tour de Force. Dabei verfügt die 40-jährige Sangiorgi über genug Erfahrung, um zu wissen, dass das von dem im vergangenen Jahr verstorbenen Hans Hurch übernommene Team auch einen nicht zu unterschätzenden strukturellen Machtfaktor darstellt. Sie hat sich hier also erst einmal beobachtend positioniert. Und doch auch ausreichend Ehrgeiz, schon in ihrem ersten Jahr zumindest vorsichtig die eigene Handschrift zu zeigen.

Das Treffen mit Eva Sangiorgi findet zur Halbzeit des Festivals im temporären Viennale-Hauptquartier im Hotel Intercontinental statt. Sie erscheint mit einem Motorradhelm unter dem Arm, ein Festivalsponsor hatte der Italienerin eine Vespa zur Verfügung gestellt. Ein in Wien eigentlich überflüssiges Verkehrsmittel, wie sie meint, aber es nutze einer guten Sache. Ein Zugeständnis, das Sangiorgi in ihrem Programm nie machen würde, das steht im Gespräch schnell fest. Da brennt die ehemalige Kuratorin und Filmprofessorin für ein Kino, dem es um Öffentlichkeit statt um Ökonomie geht und das sich frei von äußeren Zwängen „unvollkommen und porös“ äußern kann.

Sangiorgis Außenseiterstatus bedeutet mehr Freiheit

Deshalb sei sie glücklich über den „Luxus“, für ein Festival zu arbeiten, das programmatisch für solche Unabhängigkeit stehe und es mit dem Verzicht auf einen Wettbewerb erlaube, ohne ökonomische Kriterien das Interessanteste aus dem internationalen Jahresschaffen herauszufischen. Dabei positioniert sie sich emphatisch als Bewahrerin des Erbes von Hans Hurch, mit dem sie eine lange Freundschaft verband. Hurch hatte die Viennale bis zu seinem plötzlichen Herztod im Sommer 2017 in insgesamt zwanzig Jahren zu einer prall gefüllten Wunderkiste ausgebaut, die mit einem breiten und eigensinnigen Feld vom Experimentalfilm zum anspruchvollen Mainstream ein internationales Publikum lockte. Dabei standen neue Trends neben Filmgeschichte, Arthouse neben Avantgarde.

Sangiorgi knüpft hier an, ist aber stolz, trotz der zeitlichen Bedrängnis eigene Akzente gesetzt zu haben. Wie die Sektion „News from the Archive“, die der Präsentation restaurierter Filmschätze gewidmet ist und dieses Jahr unter anderem mit einem verspielten Porträt der Stadt Algier aus dem Jahr 1971 („Tahia ya Didou“ von Mohamed Zinet) erhellende Einblicke in das städtische Algerien der frühen Unabhängigkeit brachte. Die oftmals spannungsgeladene Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum wird ausgebaut, der schon bisher eher rare rote Teppich ganz eingerollt. Für die Zukunft will sie, anknüpfend an die Arbeit in Mexiko, vermehrt um ein noch jüngeres Publikum werben und gezielt mit Schulen und Universitäten zusammenarbeiten. Hurch war aber auch ein bestens mit der sozialdemokratisch geprägten Wiener Politszene und dem Kulturbetrieb vernetzter Stripppenzieher – und ein begnadeter Verbal-Polemiker. Im Unterschied dazu will Sangiorgi ihre politische Haltung auf der programmatisch-ästhetischen Ebene in der Auswahl ihrer Filme ausdrücken. Und in den wohl allzeit akuten Lokalhändeln der Stadt sieht sich die gerade Deutsch lernende Neu-Wienerin als Fremde mit entsprechendem Außenseiterstatus viel freier positioniert, als sie es als Insider wäre.

Eine Intendantin bedeutet noch keine feministische Morgenröte

Neben der Pro-Regie-Kampagne war die Gender-Frage bei Intendanzen trotz Monika Grütters’ „Frauen in Kultur und Medien“-Initiative im deutschsprachigen Raum bisher weniger präsent. Auch die europäischen Filmfestivals werden meist von Männern geleitet. Doch gerade kommt Bewegung in die Branche, Sangiorgi ist Teil eines Trends. Zu nennen wären etwa neben der designierten Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek auch die jüngst einberufene Lili Hinstin in Locarno oder Emilie Bujès bei den Visions du Réel in Nyon.

Auch Sangiorgi sieht diesen Prozess als dringend notwendig an. Ihre Person zeigt aber auch, dass eine Intendantin noch keine feministische Morgenröte bedeutet. Dass am Abend der Eröffnung mit ihr selbst, Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Geschäftsführerin Eva Rotter und Alice Rohrwacher als Regisseurin des Eröffnungsfilms nur Frauen auf der Bühne standen, war ihr gar nicht aufgefallen.

Eine Quotierung von Filmen lehnt sie ab. Doch muss es sein, dass bei den diesjährigen Fokus-Programmen neben so interessanten Regisseuren wie Jorge Acha, Roberto Minervini und Gürcan Keltek eine weibliche Stimme völlig fehlte? Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die gemeinsam mit dem Filmmuseum verantwortete Retrospektive zu „B-Pictures“, wo sich unter 42 Regisseuren als einzige Frau nur Ida Lupino findet. So sei das eben im Genre? Stimmt. Doch es hätte durchaus Möglichkeiten gegeben, diesen Umstand im Programm angemessen zu thematisieren.

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