Neue Gedichte von Jürgen Nendza : Mittagslicht auf Norderney

Jürgen Nendza verwebt in seiner Lyrik Erfahrung und Geschichte. Sein Gedichtband „picknick" besticht durch strenge Formalität und poetische Genauigkeit.

Der Lyriker Jürgen Nendza.
Der Lyriker Jürgen Nendza.Foto: Anette Barns

Poetische Kompromisslosigkeit hat ihren Preis. Seit einem Vierteljahrhundert schreibt der in Aachen lebende Lyriker Jürgen Nendza eine auf genauester Wahrnehmung und historischer Reflexion fundierte Dichtung. Dafür hat er bislang kaum je die öffentliche Anerkennung und Wertschätzung erhalten, die ihm eigentlich zukommt. „Kleinigkeiten“, heißt es in einem seiner neuen Gedichte, „picken wir auf im Mittagslicht“. Diese Kleinigkeiten sind bei Nendza immer Bestandteile geschichtlicher Konstellationen. Die Textur seiner Gedichte ist aus „feinsten Fäden“ gewebt, sie konstituieren „Augenblicksflächen“, in denen die Zeit stillsteht und die Dinge in eine beunruhigende Schwebe geraten.

Seinen neuen Gedichtband „picknick" eröffnet ein Zyklus über die Geschichte der Insel Norderney, die eine lange Tradition als Badeort für jüdische Urlauber hatte, die bis 1933 auch der grassierende Antisemitismus nicht beschädigen konnte. Nendza zitiert hier eine emphatische Liebeserklärung von Karl Jaspers, der einst das Meer und die Nordfriesischen Inseln als „anschauliche Gegenwart des Unendlichen“ beschrieben hatte: „Immer ist alles in Bewegung, nirgends das Feste und das Ganze in der doch fühlbaren unendlichen Ordnung.“

Erinnerung und Sinnlichkeit

Nendzas Verse sprengen nun das Ordnungsvertrauen des Philosophen, die Aufrufung einer Landschaft führt in eine geschichtlich versehrte Topografie. Die aus einem üblen Spottgedicht zitierten Namen „Rebeckchen Mayer und Herr Levy“ verweisen auf die Geschichte der antisemitischen Niedertracht. In seine dicht verfugten zweizeiligen Strophen hat Nendza auch die geologischen Veränderungsprozesse der Insel eingeschrieben: Norderney ging einst hervor aus dem Untergang der erwähnten Insel Buise, die nach einer mittelalterlichen Sturmflut in zwei Teile zerbrach.

Seine poetische Technik deutet der Autor wie nebenbei im titelgebenden Zyklus „picknick“ an, das eine arkadische Szenerie mit immer neuen Überblendungen verwandelt: „ein Bild, / das Verbindungen / verschiebt, Denken / und Gras.“ Im dritten von insgesamt fünf Zyklen des Bandes, dem „Kopfalbum“, beschwört Nendza die politische Geschichte seiner Kindheitslandschaft, des Ruhrgebiets, indem er Erinnertes mit der sinnlichen Erfahrung der Landschaft und jüdischen Biografien kombiniert: „EIN FINGERZEIG, die Schornsteine, / der Kohlenstaub. Wo ist die Wolkenmilch/ da oben, wo kommt sie plötzlich her, / die Bergmannstochter, Schickse, / draußen vor der Tür: Kartoffelbeet, / Kaninchenfell, ein Silo Angst, / sag Bunker.“ Diese sprachsensiblen und formal strengen Gedichte sind vorbildliche Lektionen in poetischer Genauigkeit.

Jürgen Nendza: picknick. Gedichte. Poetenladen Verlag, Leipzig 2017. 72 Seiten, 17,80 €.

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