Neue Initiativen : Was sich für Frauen im Filmgeschäft ändern sollte

Zwei Initiativen machen von sich reden: ProQuote Film verlangt 50 Prozent Frauen in allen Produktionen - und „Nobody’s Doll“ appelliert an Frauen, sich auf dem roten Teppich nicht länger dem männlichen Blick zu beugen.

Gleichberechtigung auf dem roten Teppich. Julia Jentsch als Mitglied der Jury bei der Berlinale 2017.
Gleichberechtigung auf dem roten Teppich. Julia Jentsch als Mitglied der Jury bei der Berlinale 2017.Foto: R. Hirschberger/dpa

„MeToo“ differenziert sich aus, auch in Deutschland. Die Debatte darüber, was sich nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe von Weinstein bis Dieter Wedel in der Filmbranche, zwischen Frauen und Männern am Arbeitsplatz oder bei der Wahrnehmung von Werken verändern sollte, verläuft leidenschaftlich und kontrovers. Der Grat zwischen Moral und Zensur ist schmal. Deutlich wurde das spätestens seit dem Appell von Catherine Deneuve und anderen Französinnen , mit der Ahndung von sexueller Belästigung nicht auch das Flirten zu verbieten. Während die einen es begrüßen, dass das von vielen für sexistisch befundene Gedicht von Eugen Gomringer („Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“) an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Schule übermalt wird, lehnen andere es ab, TV-Serien von Dieter Wedel nun auf den Index zu setzen.

Zwei neue Initiativen machen jetzt von sich reden. Die Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann appelliert via Facebook an Frauen und Männer, sich auf den roten Teppichen etwa der Berlinale nicht länger der „Definitionsmacht des patriarchalisch geprägten Blicks“ zu beugen. „Wir sind Nobody’s Doll“, so ihr Slogan, „wir sind Künstlerinnen und keine hübschen Puppen“. 50 Filmschaffende haben bislang unterschrieben.

Am Mittwoch stellten Filmfrauen wie Jasmin Tabatabai und Nina Kronjäger im Berliner Kino International den Zusammenschluss diverser ProQuote-Gruppen vor. ProQuote Regie wurde 2014 gegründet. Die Initiative hat sich in ProQuote Film umbenannt und vertritt unter dem Slogan „Neun Gewerke, eine Stimme, zehn Forderungen“ die Interessen von Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Produzentinnen, Kostüm- und Szenenbildnerinnen, Ton- und Kamerafrauen und eben Schauspielerinnen.

Die Statistiken sind ernüchternd

Bislang gibt es 1200 Unterstützerinnen. Nach der kämpferischen Selbstdarstellung der Filmarbeiterinnen im mit Branchenleuten und Medienvertretern gut gefüllten Kinosaal dürften es schnell mehr werden. Auch eine Vertreterin von Kulturstaatsministerin Grütters kündigt Unterstützung an und – einer der wenigen Männer im Saal – der Szenenbildner Notker Schweikhardt, kulturpolitischer Sprecher der Berliner Grünen-Fraktion.

Die Statistiken, die Regisseurin und Aktivistin Barbara Rohm referiert, sind ernüchternd. Nur die Hälfte aller Filmhochschulabsolventinnen arbeiten später in ihrem Beruf. Von den 50 Millionen Euro, die der Deutsche Filmförderfonds 2016 bewilligte, gingen 82 Prozent an Produktionen von Männern. Von 2011 bis 2015 gingen die Regieaufträge von ARD und ZDF zu 83 Prozent an Männer. Auch wenn manche es immer noch für maßlos hielten, ironisiert Rohm die Geschlechterungleichheit, „wir Frauen stellen die Hälfte der Gesellschaft, also wollen wir auch die Hälfte – der Aufträge, der Fördergelder, der Rollen.“ Dem oft gehörten Argument, dass es bei Filmprojekten doch um die künstlerische Qualität gehen müsse und nicht um den Geschlechterproporz, entgegnet sie klar: „Wir gehen von einer Gleichverteilung des Talents bei Männern und Frauen aus.“

Es geht um nichts Geringeres als um einen strukturellen Umbau der Branche. Neben den 50 Prozent von Fördergeld, Arbeit und Sichtbarkeit werden paritätisch besetzte Vergabegremien verlangt, gleiche Gagen, Gender-Monitoring für Sender und Hochschulen, eine Frauen-Vorschlagspflicht der Sender für Produktionfirmen und so weiter.

"Frauen verschwinden ab 30 von der Leinwand"

Dass es an Frauenpower dafür fehlen könnte, glaubt hier keine. Die Stoffe sind da, sagt Schauspielerin Nina Kronjäger und bekräftigt, dass es höchste Zeit sei, die überkommenen Machtstrukturen aufzubrechen. Auch um der kreativen Ergebnisse willen. Noch deutlicher als Kronjäger wird ihre Kollegin Jasmin Tabatabai, die sich auch an der „MeToo“-Debatte beteiligt hatte. Die Frauen, die man zu sehen bekomme, „seien jung, hübsch, passiv und verschwänden ab 30 nach und nach von der Leinwand“, konstatiert sie im Gespräch. Das habe nichts mit der Realität zu tun und entspräche deshalb auch nicht dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Eine Diskrimierung, im krassen Gegensatz zu Artikel 3 des Grundgesetzes.“

Mehr zum Thema

Ihr liegt daran, dass ProQuote Film nicht mit „MeToo“ vermischt wird – auch wenn es sich kaum trennen lässt. Die Diskussion über Erfahrungen mit männlichem Machtmissbrauch begrüßt sie. Auch als Schauspielerin. „Da wurde ein toxisches, perverses System demaskiert.“ Aber eben jene Strukturen, die Missbrauch erzeugen, müssen aufgebrochen werden. Jede Darstellerin ihrer Generation sei an der Schauspielschule vom Max-Reinhardt-Spruch „Ein Talent, das an einem Nieser zugrunde geht, ist keins“, geprägt. Von dem Anspruch, etwas aushalten zu müssen, hart rangenommen zu werden, „weil der Regisseur das Beste aus einem rausholen will“. Umso wertvoller, dass Frauen endlich ihre Geschichte erzählen. „Unschuldsvermutung heißt ja nicht, dass die Opfer schweigen müssen.“ Das sinnvollste Korrektiv, so Tabatabai, seien „mehr Frauen in diesen Positionen, dann passiert das so nicht mehr“.

35 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben