Neue Sachbücher : „Der Kapitalismus ist ein räudiger Köter“

Damit Sie auf dem Stand der Debatte sind, besprechen wir für Sie die wichtigsten Sachbücher in Lang- und Kurzform. Diesmal: Grüner Sozialismus und Medienkritik.

Tsp
Jenseits des Offensichtlichen. Bücherlesenlesen führt auf Wege und Abwege.
Jenseits des Offensichtlichen. Bücherlesenlesen führt auf Wege und Abwege.Foto: imago images/Ikon Images

In diesen Wochen macht „Wie ich meine Zeitung verlor“ (Das Neue Berlin), ein kleiner Erfahrungsbericht des früheren „SZ“-Reporters Birk Meinhardt von sich reden. Er hat sich für immer von dem Münchner Blatt verabschiedet, weil ihn dessen Umgang mit seinen Texten allzu sehr an seine Erfahrungen mit dem Zensurwesen in der DDR erinnert. Während sich der Medienjournalist Stefan Niggemeier auf Übermedien mit dem Buch nicht besonders anfreunden konnte, versteht Tagesspiegel-Redakteur David Ensikat in seiner Rezension Meinhardts Groll sehr viel besser: „Wenn Birk Meinhardt von seinen ersten zehn Jahren im Westen bei der „Süddeutschen“ schreibt, klingt es wie der Bericht aus einer zauberhaften Zwischenzeit, so, als hätte sich dann – unmerklich, aber verhängnisvoll – etwas geändert im Land und im Journalismus, eine Rolle rück- und seitwärts in die Welt der altbekannten Sprechverbote.“

Hannes Schwenger schreibt wohlwollend über „Mediendiktatur Nationalsozialismus“ (Universitätsverlag Winter), eine Aufsatzsammlung des Berliner Germanisten Erhard Schütz. Ihr Autor habe sich große Mühe gemacht, die Lücken in der geschlossenen ideologischen Front auszumachen, die vor allem in der Unterhaltungskunst anzutreffen seien. Schwenger lobt, wie Schütz „in der Darstellung von Nazis und Nationalsozialismus in Comics, Hollywoodfilm oder Kriminalromanen eine ,generelle Monstrosisierung‘, die unter umgekehrten Vorzeichen die Stereotype der NS-Propaganda und ihr manichäisches Weltbild wiederholt“, zu verneiden suche.

Gregor Dotzauer setzt sich mit "Wir Untoten des Kapitals" (Suhrkamp), einem Plädoyer des Schriftstellers und Politikwissenschaftlers Raul Zelik für einen neuen grünen Sozialismus. auseinander. „Der Kapitalismus“, schreibt er, „ist ein räudiger Köter, der Sozialismus aber ist ein toter Hund. Der letzte praktische Versuch, in seinem Namen hierzulande über Parteigrenzen hinweg Kräfte zu mobilisieren, die Sammelbewegung Aufstehen, hat sich mit der Demission ihrer Leitfigur Sahra Wagenknecht erledigt. Und das philosophisch ehrgeizigste Unternehmen, die historisch korrumpierte Utopie noch einmal zu beleben, ein buchlanger Essay des Habermas-Schülers Axel Honneth, kommt über „Die Idee des Sozialismus“ (2017) nicht hinaus.“ Von daher müsse man staunen, mit welcher Energie Raul Zelik in seinem Buch ein weltumspannendes Konzepte entwirft.

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