• Neue Sachbücher: "Sich in die Höhe erheben und die Welt aus unbekannter Perspektive betrachten"

Neue Sachbücher : "Sich in die Höhe erheben und die Welt aus unbekannter Perspektive betrachten"

Die Sachbuchrezensionen der Woche - kurz zusammengefasst. Diesmal: Wissenswertes über das Landleben - und Neues zum 250. Geburtstag von G.W.F. Hegel.

unseren Autoren
Hoch hinaus mit Weitblick - mit Lesen geht das ganz einfach.
Hoch hinaus mit Weitblick - mit Lesen geht das ganz einfach.Foto: imago/Ikon Images

Gunda Bartels hat in Uta Ruges „Bauern, Land“ (Verlag Antje Kunstmann) eine packende Moorbauernsaga entdeckt, die das Dilemma eines altehrwürdigen Berufstandes auf den Punkt bringt. „Die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen Eigen- und Außenwahrnehmung der Landwirtschaft", schreibt sie in ihrer Rezension, „ist in Uta Ruges bewegendem und zugleich analytischem Buch „Bauern, Land. Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang“ immer mitgedacht. Anders geht es angesichts des Imageverlusts der konventionellen Landwirtschaft besonders aus urbaner Perspektive gar nicht. Die stellt – angefacht von den längst spürbaren Folgen der Klimakatastrophe und diversen Lebensmittelskandalen – den ganzen Berufszweig unter Generalverdacht. Der altehrwürdige Bauernstand hat sich im öffentlichen Bild zu einer agroindustriellen Bande von Grundwasservergiftern und Tierquälern verwandelt.“

Hendrikje Schauer hat sich fünf Neuerscheinungen zum 250. Geburtstag des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 27. August vorgenommen. Besonderes Augenmerk richtet sie dabei auf das Porträt, das der „FAZ“-Herausgeber Jürgen Kaube mit „Hegels Welt“ (Rowohlt Berlin) geschrieben hat. „Idealismus, heißt es in ,Hegels Welt‘, sei philosophisches Könnensbewusstsein: sich in die Höhe erheben und die Welt aus unbekannter Perspektive betrachten. Eine Form des Abhebens also, vergleichbar dem ersten Flug im Heißluftballon. Kaube vermisst Nähe-Distanz- Verhältnisse und findet kluge Typologien, die einordnen, ohne aktualistisch zu sein: Fichte wird ihm zum Existentialisten, das rebellische Rauchen erinnert ihn an die langen Haare einer späteren Protestgeneration.“

Gregor Dotzauer nimmt eine Broschüre des Tübinger Hölderlinturms zum Anlass, sich über „Eleusis“, das einzige ernstzunehmende Gedicht des Philosophen. Gedanken zu machen. Hegel hatte es als 26-Jähriger seinem Tübinger Stiftsfreund Hölderlin zugeeignet. Sein Misslingen spiegelt in vieler Hinsicht exemplarisch, was die Unterschiede von Dichten und Denken ausmacht: „Im Gegensatz zu Hegels philosophischen Texten hat „Eleusis“ nichts, was sich mit Geduld und gutem Willen nicht verstehen ließe. Und das ist der springende Punkt, der sich gegen seine spätere „Ästhetik“ wenden lässt: Man kann das Gedicht fast vollständig ins Gedankliche übersetzen.Mit Hölderlins ins ureigene poetische Gewebe eingebettetem Denken gelingt das, wie hartnäckig Heidegger es auch versuchte, nur unter Verlusten.“

Susanne Kippenberger hat sich von Vivian Gornicks Memoir „Eine Frau in New York“ (Penguin) begeistern lassen. Die essayistischen Stadtspaziergänge der mittlerweile 85-jährigen Autorin vermitteln ihr ein Bild des Big Apple, wie es zwischen Erinnerung und Gegenwart kaum ein zweites gibt: „Das Buch schöpft aus Gornicks ganzem Leben – nicht nur aus der Erinnerung, sondern den Notizen, die sie sich beständig machte“, erklärt sie. „Das Memoir ist ein Kaleidoskop aus Geschichten, von denen ein paar nicht länger als einen Absatz sind, andere sich über Seiten hinziehen; jene aus der Kindheit sind von besonderer Intensität. So, wie sie durch die Straßen zieht, kreuz und quer, streift sie auch durch die Jahre und die Literatur, die sie geprägt hat.“

Robert Zwarg hat bei der Lektüre von „Tausend Tode“ (PalmArtPress), einem Buch der Berliner Trauerrednerin Gesine Palmer, das Staunen gelernt: Es gehört, lobt er, „weder zum Genre der Ratgeberliteratur, noch macht die Autorin Tod und Trauer zu kulturgeschichtlichen Gegenständen oder philosophischen Existenzialien. Es handelt sich vielmehr um einen genuin literarischen Text, der eine Grenzerfahrung beschreibt. Gesine Palmer berichtet – und zwar aus dem Alltag eines Berufes, in dem man sich in kürzester Zeit in ein fremdes Leben einfühlen und es im wahrsten Sinne des Wortes öffentlich machen muss.“ 

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!