Neuer BE-Chef Oliver Reese im Gespräch : „Die Lust überwiegt den Schiss“

Oliver Reese übernimmt im Sommer das Berliner Ensemble. Er will die Brecht-Tradition pflegen und neue Dramatik fördern. Hier spricht er erstmals über seine Ideen – und das raue Berliner Klima.

Vom Main an den Schiffbauerdamm. Oliver Reese wird Nachfolger Claus Peymanns als BE-Direktor.
Vom Main an den Schiffbauerdamm. Oliver Reese wird Nachfolger Claus Peymanns als BE-Direktor.Foto: Schauspiel Frankfurt/Birgit Hupfeld

Treffpunkt ist Oliver Reeses Lieblingsladen in Mitte, die Böse Buben Bar. Der Name passt freilich besser zu Claus Peymann, Jahrgang 1937, den Oliver Reese, Jahrgang 1964, im Sommer als Direktor des Berliner Ensembles beerbt. Peymann regiert dort seit 1999. Reese, ein eher ruhiger, höflicher Typ, hat acht Jahre am Schauspiel Frankfurt/M. hinter sich. Zuvor war er viele Jahre in Berlin, erst am Maxim Gorki Theater, dann am Deutschen Theater, in der großen Zeit der so früh gestorbenen Regisseure Jürgen Gosch und Dimiter Gotscheff.

Herr Reese, nach acht Jahren in Frankfurt am Main kehren Sie im Sommer nach Berlin zurück. In was für eine Stadt kommen Sie da, wie hat Berlin sich in Ihren Augen verändert?

Ein kleines persönliches Beispiel: Meine beiden Töchter leben in einem Kiez, in Kreuzkölln, den es damals so gar nicht gab. Ich werde allerdings in Schöneberg wohnen, da hat sich nicht so viel verändert. Ich weiß, es ist jetzt eine andere Stadt: schneller, gentrifizierter, es gibt mehr Absturz.

Auch das Theater hat sich hier verändert. Hat es an Bedeutung verloren?

Das Theater hat sich nicht nur in Berlin verändert. Die Zeiten sind dramatischer geworden. Meine Töchter fragen mich: Wo ist das Europa, dessen wir sicher waren? Ich habe mich auch verändert. Als ich in Frankfurt anfing, sagte ich: Der Schauspieler steht im Mittelpunkt des Theaters. Daran glaube ich immer noch – aber das allein reicht heute nicht mehr. Man erwartet zu Recht, dass sich das Medium Theater zu dieser Zeit verhält. In Berlin kommt noch etwas hinzu. Hier gibt es große, kriegerische Debatten um das Theater selbst, um die Volksbühne, das Staatsballett.

Das sind letztlich Ablenkungsgefechte, oder? Auf den Bühnen selbst spielt sich wenig Erhebliches ab.

Wir müssen doch die Lust haben, ins Theater zu gehen, gehen zu müssen, weil dort etwas verhandelt wird, das wir für unser Leben brauchen. Im Theater werde ich so unmittelbar mit einem Thema konfrontiert, wie es in keiner anderen Kunst möglich ist, denn da sind die Schauspieler, die mit mir etwas unternehmen, die mich auch in eine ganz andere Welt versetzen können. Und bitte nichts gegen Unterhaltung! Die Zeiten, in denen sich der Bildungsbürger mit einer gewissen Ehrfurcht ins Theater setzte und pflichtbewusst große Kunst anschaute – Hauptsache, es tut weh! –, diese Zeiten sind vorbei.

Die Politisierung des Theaters hat auch zu einer oberflächlichen, plakativen, leicht durchschaubaren Spielweise geführt. Sehen Sie diese Verödungstendenzen auch?

An der Universität der Künste gab es eine kleine, hoffentlich nicht repräsentative Umfrage unter Studenten: In welches Theater geht ihr? Antwort: in keins. Denn die wahren Themen werden im Internet und im Kino verhandelt. Wir im Theater müssen uns ganz schön auf den Hintern setzen, um nicht den Anschluss an eine junge Generation zu verlieren. Da ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man ins Theater geht. Wir haben alles ausgereizt, alle Grenzen verschoben. Sie haben recht, es gibt neue Konventionen: Fünf Typen stehen hinter Mikrofonen und rappen einen Roman, den „Großen Gatsby“ oder so. Das ist der neue Mainstream.

Oder sie rappen gleich den Film.

Neuerdings unterschreibe ich oft Besetzungszettel, auf denen keine Rollen mehr stehen, sondern nur noch: mit dem und der ..., nur ein paar Namen. Als ich vor dreißig Jahren am Theater anfing, gab es noch Shakespeare-Aufführungen mit fünfzehn Schauspielern, großes Ensemble. Da ist uns viel um die Ohren geflogen, oder wir haben es selbst weggesprengt. Jetzt müssen wir etwas wieder aufbauen. Dabei könnten einige gute alte Tugenden hilfreich sein, Schauspieler, Dramatiker, echte Stücke ...

Sie übernehmen das Berliner Ensemble. Bauen Sie ein neues Ensemble auf, das diesen Namen verdient?

Von Herzen, ja! Ich bin mit Ensembles aufgewachsen. Der Schauspieler wegen bin ich zum Theater gegangen. Ich liebe diesen Beruf. Ich kann nichts anderes. Ich sehe Theater unzynisch, mit Hoffnung auf den gelungenen Abend. Die Identität eines Hauses vermittelt sich durch die Integrität seines Ensembles. Das heißt: Es sind fest engagierte Schauspieler, diesem Haus verpflichtet, mit Vertrag und mit Herzblut unterschrieben, mit der gegenseitigen Verpflichtung, sich über Regisseure und Stücke zu entwickeln, Schauspieler, denen das Publikum vertraut, auf die man sich freut.

Wie groß wird Ihr Berliner Ensemble sein?

Um die dreißig fest engagierte Schauspieler.

Übernehmen Sie Schauspieler von Claus Peymann?

Es bleiben zwei Schauspieler fest, und es gibt Verabredungen vor allem mit den älteren Schauspielern, dass sie als Gäste weiter dabei sind. Elf Schauspieler aus der Peymann-Zeit gehen jetzt in Rente. Und es ist mein klares Credo: Ältere Schauspieler können gern gastieren, aber die Stellen geben wir denen, die nicht Rente beziehen. Das gilt übrigens auch für Intendanten.

Werden Sie Inszenierungen am BE übernehmen?

Natürlich. Ich möchte, dass der „Arturo Ui“ so lange gespielt wird, wie es nur irgendwie geht. Robert Wilsons „Dreigroschenoper“ soll weiter auf dem Spielplan stehen, auch Wilsons „Endspiel“ soll bleiben und Jürgen Goschs Inszenierung von „Gott des Gemetzels“. Solche Qualität wird nicht weggeworfen.

Ist die Brecht-Tradition am Haus eine Belastung für Sie?

Dieses Theater hatte schon so viele Namen: Neues Theater, Theater am Schiffbauerdamm, Montis Operettentheater, auch Deutsches Nationaltheater am Schiffbauerdamm. Und eines Tages kam eine Truppe namens Berliner Ensemble in dieses Haus. Bertolt Brecht hat hier nur kurze Zeit noch selbst arbeiten können, aber das hat das Haus unwahrscheinlich geprägt. Ich habe in Frankfurt Brecht-Inszenierungen gehabt, und ich werde hier die Brecht-Tradition mit Lust fortsetzen. Denn es gibt zu wenige bedeutende Brecht-Inszenierungen heute.

Berliner Wahrzeichen. Das Haus hat eine lange und bunte Geschichte.
Berliner Wahrzeichen. Das Haus hat eine lange und bunte Geschichte.Foto: picture alliance / dpa

In Frankfurt haben Sie gerade „Eine Familie“ von Tracy Letts inszeniert.

Ein großes, wunderbares, unverwüstliches Stück, mit Constanze Becker und Corinna Kirchhoff. Die Arbeit war das reine Vergnügen.

Die beiden werden wir also am BE wiedersehen?

Ich habe sie sehr gern.

Das Publikum in Berlin hat Constanze Becker und Corinna Kirchhoff auch gern.

Das ist mir bekannt. Aber bitte, meine Spielplanpressekonferenz ist im Mai.

Trotzdem: Drei Regisseure fürs künftige BE bekommen wir jetzt schon zusammen: Michael Thalheimer, Frank Castorf und vielleicht auch mal Oliver Reese.

Ist doch schön, dass Sie spekulieren, auch wenn wir nicht so sehr im Kugelhagel der Erwartungen stehen wie andere.

Ja, richtig: Alle schauen auf die Volksbühne. Warum interessiert sich niemand fürs BE?

Wie bitte? Viele wollen bei uns arbeiten, ich rede überall über das Haus. Das geht auch ohne Sperrfeuer.

Man traut Ihnen das BE zu, deshalb ist es so ruhig. Chris Dercon traut manch einer die Volksbühne nicht zu.

Na ja, ich bin seit über zwanzig Jahren an verschiedenen Häusern in der Theaterleitung, lange auch in Berlin, als Chefdramaturg und Intendant, als Regisseur, als Autor. Theater ist durchaus ein Beruf, den kann und muss man lernen.

Irritiert Sie die Schärfe der Berliner Theaterdiskussionen?

Das ist schon, wie sagt man heute, krass. Ich kenne ja den rauen Wind hier. Als Bernd Wilms und ich am Deutschen Theater anfingen, waren wir die „Laubenpieperlösung“ – und ein paar Jahre später Theater des Jahres. Man macht ja nicht Kunst, um im Shitstorm zu stehen. Chris Dercon ist ein sehr erfolgreicher Museumsmann. Wäre er hier an ein Museum berufen worden, hätte man ihn mit offenen Armen empfangen.

Berlin ist recht unfreundlich zu Leuten, die von außen kommen. Und das nimmt zu.

Es ist hier nicht gerade cozy. Aber das gilt nicht nur für Künstler und Theaterleute. Das betrifft alle Menschen, die in Berlin leben. Wenn man in Berlin und in Frankfurt U-Bahn fährt, dann fährt man in zwei grundsätzlich verschiedenen Verkehrsmitteln. Die Härte, die Berlin für seine Bewohner hat, ist auch in der Kultur spürbar. Es ist auch für Zeitungen nicht so lustig. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft. Aber reden wir nicht nur von den Schattenseiten. Was in Berlin passiert, ist so lebendig, so animierend, all die Menschen, die man hier trifft, das macht so viel Spaß, da überlegt man sich, wie und wo kann ich dabei sein. Ich finde, die Lust überwiegt den Schiss.

Wann eröffnen Sie am BE Ihre erste Spielzeit?

Im September.

Womit eröffnen Sie?

Ich bleibe bei meinem Kerngeschäft: Regisseure, Dramatiker, Schauspieler. Ich mag Drama, die Urtugenden des Theaters: Konflikt, Situation, Sprache, Verwandlung. Das ist nichts Altmodisches. Allerdings gibt es zu wenig gute neue Stücke. Mehr dazu, wie gesagt, im Mai.

Warum ist Claus Peymann so unfreundlich zu Ihnen?

Eigentlich ist er ganz nett, das wird er nicht gern hören. Wir sprechen miteinander. Er hätte jeden Nachfolger unfreundlich behandelt. Wir glauben doch alle, dass es keiner so gut kann wie wir selber.

Sie kommen aus einer anderen Generation als Peymann. Die 50-Jährigen, die Reeses heute treten bescheidener auf.

Ja, es sind ganz andere Zeiten. Die Peymanns brauchten den Vatermord, als sie selbst jung waren.

Und als die Peymann-Stein-Generation mächtig war und im Amt und das Theater neu erfunden hatte, hat sie die Söhne und Töchter gemordet.

Sehen Sie, ich bin stolz darauf, dass ich junge Leute fördere. Das ist der Unterschied.

Sie müssen morgens nicht erst mal zehn Leute zusammenscheißen, um sagen zu können: Ich bin Intendant.

Natürlich nicht. Ich scheiße gar keine Leute zusammen, wem nützt das Statusgehabe. Ich bin doch schon Intendant, und die anderen wissen es. Intendant ist ein Beruf, den man mit einem Team macht, mit Partnern, auf Augenhöhe.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!