Neuer Kunstpreis "Power of the Arts" : Wie Klang Konflikte auflösen kann

Philip Morris lobt einen neuen Kunstpreis aus. Der Tabakkonzern verteilt 200 000 Euro an vier Kulturprojekte.

Bringen jung und alt zusammen. Die „Kulturistenhoch2“ haben einen Preis bei der neuen Veranstaltung gewonnen.
Bringen jung und alt zusammen. Die „Kulturistenhoch2“ haben einen Preis bei der neuen Veranstaltung gewonnen.Foto: Eva Oertwig

50 000 Euro gibt der Verein der Freunde der Nationalgalerie alle zwei Jahre für seinen Kunstpreis aus, etwas mehr als für den jüngst in London wieder verliehenen Turner-Preis, den er kopiert. Mit „The Power of the Arts“ hat sich die Philip Morris GmbH auf die gleiche Spur begeben und setzt noch einen drauf. Das Unternehmen hat das Preisgeld gleich vervierfacht und zeichnet vier Initiativen aus, die sich kulturell engagieren und zugleich integrierend wirken. Mit 200 000 Euro ist das deutschlandweit in diesem Bereich die größte Preissumme, ein Brocken, der nachdenklich macht, ist der Auslober doch keine öffentliche Institution oder Förderverein, sondern ein Tabakkonzern.

Bei der Preisverleihung in den Spreewerkstätten, Berlins einstiger Münzprägerei direkt am Wasser, versucht Elfriede Buben auf die Frage von Moderatorin Petra Gute hin zu erklären, worin der Nutzen für das Unternehmen besteht. Als US-Konzern seien sie es gewohnt, soziale Verantwortung zu übernehmen, so die Leiterin Corporate Responsibility and Contributions bei Philip Morris: „Wir haben viel davon, wenn wir eine offene Gesellschaft bleiben.“ Man mag sich fragen, welche Rolle dabei der Zigarettenkonsum spielt. Die unter anderem mit der Berliner Sammlerin Erika Hoffmann oder dem Kulturchef der Adenauer-Stiftung, Hans-Jörg Clement, besetzte Jury ist jedoch über Fragen des Nikotins erhaben.

Kultur als verbindendes Element

Ebenso die vier unter 120 Bewerbungen ausgewählten Projekte. Nunmehr erweitert um die Kategorien Literatur, Design und Film, kann auch die Berliner Initiative Weiterschreiben dazugehören, die geflüchtete Schriftsteller und einheimische Autoren zusammenbringt. Als Tandem reagieren sie sprechend und schreibend aufeinander. Ihre bisher nur online in Deutsch und Arabisch publizierten Texte sollen künftig in einem Printmagazin erscheinen.

Die gleiche Philosophie prägt auch das Stadtteilkantorat von Mümmelmannsberg, einer sozial abgehängten Großraumsiedlung mit 19 000 Einwohnern in Hamburg. Muslimisches, christliches, jüdisches Liedgut wird hier singend fusioniert. Bei der Preisverleihung erklärte Pastor Stephan Thieme den erstaunlichen Gedanken dahinter. Im Konfliktfall werde dadurch der Rückgriff auf religiöse Deutungsmuster verhindert. Er hat sich zuvor in Klängen aufgelöst.

Ähnlich funktioniert auch das Projekt Migrantpolitan in einem kleinen Holzhaus auf dem Gelände der Hamburger Kampnagelfabrik. Ursprünglich für ein Sommerfestival errichtet, wurde es bald als Aktionsraum von Geflüchteten genutzt. Heute residiert hier die Initiative Migrantpolitan, die mit Ausstellungen, Theater, Konzerten die Trennung zwischen „Refugees“ und „Locals“ aufheben will. Zum Erfolg wurde ihre Reality-TV-Serie „Hello Deutschland – Die Einwanderer“ in Anlehnung an die Vox- Doku-Soap „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“. Die Kamera begleitet Geflüchtete bei ihrem Kampf mit Ämtern und deutscher Sprache. Das nächste Filmprojekt „Ramadram“ kann nun kommen. Vielleicht trifft man sich bei der Premiere mit den vierten Preisträgern, den Hamburger „Kulturistenhoch2“, die Senioren mit geringer Rente und Schüler bei Kulturevents zusammenbringen. Kultur eben als verbindendes Element.

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