Neuer Roman von Emma Braslavsky : Roboterwelt

Liebe kann man nicht lernen: Emma Braslavskys dystopischer Berlin-Roman „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“.

Die 1971 geborene Erfurter Autorin Emma Braslavsky.
Die 1971 geborene Erfurter Autorin Emma Braslavsky.Foto: Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag

More human than human.“ Das ist der Slogan der Tyrell Corporation in Ridley Scotts Filmklassiker „Blade Runner“ aus dem Jahr 1982. Das Unternehmen entwickelt im damals noch fernen 2019 künstliche „Replikanten“, die auf fremden Planeten nach Lebensraum suchen, weil die Erde für den Menschen unbewohnbar geworden ist. Der Schlüsselbegriff von Scotts düsterer Dystopie lautet: Empathie – Mitgefühl als Grundbedingung alles Humanitären. Dieses feine Gespür trenne die künstliche Kopie von seiner menschlichen Vorlage. Was jedoch schwer fällt zu glauben, blickt man allein ins Weiße Haus, in Neonazi-Fratzen oder in die geifernden Community-Abgründe sozialer Medien.

Was macht den Menschen aus? Diese Frage stellt sich auch die Berliner Schriftstellerin Emma Braslavsky in ihrem neuen Roman „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“. (Suhrkamp, Berlin 2019.270 S., 22 €.)

Sie denkt Scotts Übermensch-Konstruktion einen Schritt weiter und verknüpft das literarische Trendthema Dystopie mit dem gesellschaftspolitischen Trendthema Künstliche Intelligenz, wie zuletzt Ian McEwan mit seiner technisierten Menage à trois in „Maschinen wie ich“. Braslavsky zeichnet mittelfristige Zukunftsverhältnisse zwischen Neurorobotik und radikalem Individualismus, die so oder ähnlich schon Gegenwart sind oder bald werden könnten.

„Die Stadt frisst ihre Kinder“, heißt es an einer Stelle

Im Zentrum ihres Romans steht ein sogenannter Hubot, die Recheneinheit Roberta. Hubots sind im Berlin des Jahres 2060, wo Braslavsky ihren Roman angesiedelt hat, so geläufig wie Staubsaugerroboter oder digitale Assistenten wie Siri und Alexa, von echten Menschen kaum zu unterscheiden. Sie werden programmiert und den Wünschen ihrer Kunden angepasst, vor allem, um deren Beziehungsidealen zu entsprechen. Lennard hat deswegen Beata, die jedoch keine gleichwertige Partnerin ist. Fürsorge ist in so einer Beziehung immer nur eine Simulation von Fürsorge, Sex eine Simulation von Sex, Liebe eine Simulation von Liebe.

Die Suizidrate in dieser deprimierenden neuen Welt, in der „jeder Nervenzusammenbruch ein Zeichen von Authentizität ist“, steigt deshalb dramatisch. „Die Stadt frisst ihre Kinder“,so heißt es an einer Stelle – auch Lennard. Was wiederum Roberta auf den Plan ruft. Geschickt vollzieht Braslavsky dabei einen Perspektivwechsel, wenn sie früh von Lennard auf Roberta schwenkt. Die Menschmaschine als Identifikationsfigur - das ist ein kluger Kniff, weil so der folgende, etwas spröde Großstadtkrimi-Plot zur befremdlichen Groteske verkehrt wird. Roberta ist ein Prototyp, die erste KI-Sonderermittlerin des LKAs. Keine Sexpuppe, keine Haushaltshilfe, sondern eigenständig und qualifiziert für den gehobenen Dienst. Sie soll die Beerdigungskosten für Lennard von dessen Familie decken lassen, bevor die an den Staat fallen. Während ihrer Ermittlungsarbeit versucht sie, den Mangel an Identität, Erfahrung und Gefühlen durch exakte Beobachtungen auszugleichen.

Sexismus und Rassismus schlagen der Roboterheldin entgegen

14 Tage in 14 Kapiteln folgt der Leser ihr dabei. Durch die auktoriale Erzählweise schafft Braslavsky von Anfang an Distanz zu der hölzernen Protagonistin. Doch verliert sich diese immer dann, wenn Roberta schildert, was in ihr vorgeht. Raffiniert vermisst Braslavsky die Maßstäbe des Menschseins durch den analytischen Schaltkreisblick Robertas mittels soziologischer und neo-feministischer Beobachtungen. Was dann manchmal auch unfreiwillig komisch ist: Mal erklärt sie die andauernde „Abhängigkeit der Männer von der Vulva", mal fragt sie, warum Menschen es nicht mögen, wenn ihnen Wasser auf den Kopf tropft.

So verlagert sich der Habitus der Diskriminierung in diesen alienhaften Kosmos. Sexismus und Rassismus schlagen der Roboterheldin entgegen, als KI-Feindlichkeit gegenüber Hubots wie Roberta: „Sie erkannte (...) die peinigende Furcht der Menschen vor ihrem Verschwinden. Wie fragil ihre Existenz geworden war und wie sehr sie dabei waren, zum seltenen Fossil, zur putzigen Klamotte ihrer eigenen Welt zu werden."

Am Ende besucht Braslavskys Heldin ihre kränkelnde menschliche Kollegin vom LKA, Cleo, um sie auf den Ermittlungsstand zu bringen. Roberta streicht der fiebrig wegdämmernden Cleo übers Haar und überdenkt noch mal den Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Sie findet keinen. Beide scheinen einander zu bedingen, schon von der Evolution an. Robertas Fazit: „Sie mussten miteinander klarkommen. Warum auch immer. Und Menschen müssten lernen, sie zu lieben, so wie sie die Menschen liebten." Nur ist das so eine Sache mit der Empathie und mehr noch mit der Liebe: Lernen lässt sich die nicht.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!