Neuer Roman von F. C. Delius : Als Varoufakis Recht hatte

„Wenn die Chinesen Rügen kaufen ...“: In F. C. Delius' furiosem Roman in Tagebuchform rechnet ein Journalist mit Politik und Wirtschaft ab.

Büchnerpreisträger. Friedrich Christian Delius, 76, lebt in Berlin.
Büchnerpreisträger. Friedrich Christian Delius, 76, lebt in Berlin.Foto: Jens Kalaene/dpa

Dieses Buch ist ein Kuriosum. Obwohl „Roman“ genannt, enthält es nur ein fiktives Tagebuch. Doch dieses Diarium eines gleichfalls erfundenen Berliner Wirtschaftsjournalisten spiegelt zwischen dem 30. September 2017 und 10. Juli 2018 die sehr aktuellen realen Nachrichten aus der Finanz- und Wirtschaftspolitik – samt deren kritischer Kommentierung durch den Tagebuchautor.

Was unter dem harmlosen Siegel eines Romans daherkommt, ist so in Wahrheit eine streckenweise furiose Abrechnung mit der deutschen und europäischen Politik nicht nur der letzten zwei, vielmehr der letzten 20 Jahre. Bankenkrise, Atomkrise, Klimawandel, Migrationspolitik, Griechenland- und EU-Krise, Steuerflucht, Investitionsstau, Bildungsmisere, Kanzlerin Merkel als „die Meistüberschätzte“: fast nichts, wozu der Verfasser des Tagebuchs nicht eine scharfe und meistens scharfsinnige Meinung hat.

Friedrich Christian Delius hat sich diese neue Variante der Dokufiction ausgedacht und sie übertitelt „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“. Dem namenlos bleibenden Tagebuchschreiber wird in jenem September knallfall als Wirtschaftsredakteur seiner Zeitung gekündigt.

Offenbar ist die Chefetage des ebenfalls namenlosen Blatts den Finanz- und Wirtschaftsmächten hörig und politisch überaus regierungsnah, was auf den Entlassenen notabene nicht zutrifft. Wie es beide Seiten innerredaktionell jahrelang trotzdem miteinander ausgehalten haben, bleibt hier unklar. Doch weil die Trennung zwei Jahre vor dem Renteneintritt für den Betroffenen mit einer Vorruhestandsapanage abgepolstert wird, sucht dieser keinen Rechtsstreit.

Das Tagebuch ersetzt das Zeitungsschreiben

Recht behalten möchte er lieber im Tagebuch, das nun sein Zeitungsschreiben ersetzt und das er als kommentierte Chronik der laufenden Wirtschaftsereignisse an seine gerade vorm Abitur stehende Nichte adressiert. So freilich wird das Tagebuch oft zum Lehrbuch. Die Lehrerin in der Familie ist zwar die Ehefrau des fiktiven Autors, für den die Bezeichnung Ich-Erzähler mangels einer genuinen Fabel kaum zutrifft.

Aber etwas von einem Ober(be)lehrer hat er durchaus. Was nur deswegen nicht allzu penetrant wirkt, weil der Anonymus in seiner wirtschafts- und finanzpolitischen Konfession auch ein Alter Ego des Schriftstellers F. C. Delius ist. Mit dessen immer mal wieder unterhaltsam aufblitzender Formulierungseleganz und Selbstironie.

Bevor sich der plötzlich arbeitslos gewordene Redakteur künftig einem freien investigativen Journalistennetzwerk anschließen möchte, bezeichnet er sein nach knapp einem Jahr beendetes Tagebuch darum auch als Werk eines „Pausenclowns“. Das ist hübsch gesagt, wird andererseits durch die manchmal etwas monotone Hartnäckigkeit des Dokufictionärs konterkariert. Ob mit Freunden oder seiner Frau, die alle nur Schemen bleiben, der Mann mit dem (nicht ganz originellen) Spitznamen „Kassandra“ redet Tag und Nacht über nichts anderes als seine Krisenthemen.

Und ist dabei besessen von der Gefährlichkeit, mit der „die“ Chinesen (wie er sie pauschal nennt) ihre neue Seidenstraße anlegen und rund um den Globus Rohstoffe, Ländereien, Häfen, Firmen und Knowhow aufkaufen: als Weltmacht, deren digitale Überwachungsdiktatur die Visionen Orwells längst übertrifft. Die schöne Insel Rügen als touristischer Hotspot wäre da nur eine aparte Zwischenstation.

Griechenland wird gedemütigt, die eigenen Banken gerettet

Wie die von der Kanzlerin und ihren wechselnden Finanzministern maßgeblich bestimmte Europäische Union in dieser Weltlage (nicht) funktioniert, beweist für Delius alias Kassandra die so genannte Griechenlandkrise. Ein Land und seine Bürger werden gedemütigt und versehrt, indem nicht sie, sondern die eigenen Banken gerettet werden. Und das reiche Deutschland verdient noch an dem Desaster, während die „Bild“-Zeitung, die das Buch besonders auf dem Kieker hat, mit anderen ihre Mär von den „faulen Griechen“ verbreitet.

Das ist für sich genommen natürlich nicht neu. Aber Griechenland und China verbindet Delius immer wieder geschickt. Athen muss auf Druck der EU-Troika den Hafen von Piräus an chinesische Investoren verscherbeln: ein europäischer Brückenkopf, wenn nicht „Drachenkopf“ der neuen Seidenstraße.

„Der Westen ist im Abstieg und China steigt auf. Wo die EU Risiken sieht, sieht China Chancen. Aber unsere Sparfüchse und Bankenschmeichler verschenken Griechenland an China.“ Später merkt das Tagebuch an, dass Piräus unter chinesischer Ägide schnell zum wachstumsstärksten Hafen Europas geworden sei.

[Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich. Roman. Rowohlt Berlin 2019, 253 Seiten, 20 €.]

Yanis Varoufakis fungiert als leuchtende Figur

Als einzige Leuchtfigur und mehrfach zitierter Kronzeuge gegen die von Berlin mitbestimmte EU-Politik dient hier Griechenlands einst so umstrittener wie charismatischer (Ex-)Finanzminister Yanis Varoufakis. Dessen Buch „Die ganze Geschichte“ gilt Delius als Meisterwerk finanzpolitischer Aufklärung, das kein maßgeblicher deutscher Politiker wirklich gelesen habe. Dieser Vorwurf richtet sich auch gegen den Mainstream der Medien.

Trotzdem sieht der Tagebuchautor bei seiner Abrechnung mit Europa, dem Westen und China in einigen realen und namentlich genannten Journalistenkollegen auch seine Verbündeten, etwa in Kai Strittmatter, dem langjährigen China-Korrespondenten der „Süddeutschen Zeitung“, oder in Harald Schumann vom Tagesspiegel.

Friedrich Christian Delius, der 76-jährige Berliner Büchnerpreisträger, kehrt derart altersweise und alterszornig gleichsam zu seinen Anfängen zurück. Denn schon in den 1960/70er Jahren hat er sich streitbar, kompetent und gegen klagende Konzerne auch juristisch erfolgreich in Büchern wie „Wir Unternehmer“ oder „Unsere Siemens-Welt“ semidokumentarisch mit Phänomenen der deutschen Wirtschaft und europäischen (Finanz-)Politik auseinandergesetzt.

Sicher hat er Delius fachkundige Beratung gesucht

Hier nun zitiert er hinter Kassandras Maske vom „Handelsblatt“ bis zum Papst fast buchstäblich Gott und die Welt. Und einmal (zustimmend) sogar einen gewissen „F.C. Delius“. Dennoch darf man annehmen, dass der engagierte Dichter bei manchen komplizierten Details die fachkundige Beratung von außen gesucht hat – was das Buch freilich verschweigt. Insoweit behauptet es wohl den „Roman“.

Es gibt, als sei’s ein tatsächliches Tagebuch, durchaus Wiederholungen oder im fiktiven Privatleben seines Verfassers auch manch banal Irrelevantes: „Im Januar waren wir zweimal eingeladen (bei Jürgen und einer Kollegin von ...), waren zweimal in der Kneipe mit Freunden oder Kollegen ...“ Keine Ahnung mehr, wer im Buch dieses Namenlosen der „Jürgen“ ist. Daneben jedoch stehen zahlreiche Glanzstücke. „Wenn die Chinesen Rügen kaufen“ ist zugleich eine Sammlung wunderbarer Sottisen, Bonmots und gar Aphorismen.

Angela Merkel ist da seit 2015 „die Pechmarie ihres planlosen Moralismus“. Oder: „Vorteil des Tagebuchs: die eigenen Dummheiten von denen der übrigen Welt trennen. Im Blog, bei Twitter, bei Facebook usw.: die eigenen Dummheiten mit denen der restlichen Welt vermanschen.“ Und last but not least der statistische Eintrag vom 23. Mai 2018: „Jeder zweite Berliner ist seit 1989 zugezogen. Jeder zweite Fisch, der gegessen wird, stammt aus Fischzuchtfarmen.“

Irgendwie gilt das auch für dieses Buch, darum sagen wir: Jeder zweite Leser ist hiervon nicht dümmer geworden. Und jeder andere ein bisschen klüger.







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