Neuer Roman von Mircea Cărtărescu : Das Evangelium der Krätzmilbe

Aufbruch in die vierte Dimension: Der rumänische Höllenmystiker Mircea Cărtărescu  fügt seinem psychedelischen Bukarester Universum mit „Solenoid“ den Schlussstein hinzu.

Der visionäre Bukarester Erzähler Mircea Chrthrescu, Jahrgang 1956.
Der visionäre Bukarester Erzähler Mircea Chrthrescu, Jahrgang 1956.Foto: Barna Nemethi

Alle Jubeljahre tritt aus den Weiten einer Literatur, die das Wirkliche mehr oder weniger getreulich nachbildet, ein Visionär hervor, der die Welt vom Sockel zu stoßen versucht. Im deutschen Sprachraum haben das, ausgesprochen gegensätzlich, Rainer Maria Rilke mit den göttlichen Ekstasen seines „Malte Laurids Brigge“ betrieben, Robert Musil mit der „taghellen Mystik“ seines „Mann ohne Eigenschaften“ oder Hans Henny Jahnn mit den Untergangsobsessionen des „Fluss ohne Ufer“.

Maßloser, fantastischer und schwarzromantischer als der Rumäne Mircea Cărtărescu ist in den letzten Jahrzehnten niemand darangegangen, das Tatsächliche zu überschreiben, zu überbieten – und zu überschreiten.

Cărtărescus Geburtsstadt Bukarest, bis heute seine Heimat, ist damit als Kraftzentrum auf die Landkarte der europäischen Literatur zurückgekehrt. Topografisch bis in Details erkennbar, okkupiert es, irgendwo zwischen Juan Carlos Onettis Santa Maria und J.R.R. Tolkiens Mittelerde, zugleich ein vollkommen imaginäres Terrain. Die literarische Urbarmachung der einst blühenden Metropole, die unter Nicolae Ceaușescus Tyrannei verarmte und verödete, ist ein gewaltiges Stück Psychogeografie: die Wiederaneignung einer ruinenhaften Stadt in der Hoffnung, sie so gerade im Niedergang wieder bewohnbar zu machen.

Wer wie Mircea Cărtărescu selbst glaubte, dass auf die 2000 Seiten der „Orbitor“-Trilogie, bestehend aus den Bänden „Die Wissenden“, „Der Körper“ und „Die Flügel“, nur noch erschöpftes Schweigen folgen könne, der sieht sich nun mit dem immerhin fast halb so umfangreichen „Solenoid“ überrascht. Der Roman, erklärt der Autor, verhalte sich zur Trilogie und ihrem schmaleren Vorgänger „Travestie“ wie der Campanile der florentinischen Kathedrale Santa Maria del Fiore zu Kirchenschiff und Kuppel.

Unter der Stadt sind sechs riesige Magnete vergraben

Ein Bild, das im Blick auf das städtische Wahrzeichen, das Giotto damit erbauen wollte, ebenso einleuchtend wirkt wie auf das Allerheiligste des Ich-Erzählers, den Turm seines schiffsförmigen Hauses an der Maica-Domnului-Straße, einer Adresse „von Huren und Messerstechern“. Dort erlebt er seine Levitationen und praktiziert mit seiner Liebsten Irina genussvoll freischwebenden Sex. Das Bild vom Turm führt aber auch in die Irre, weil dieser Roman szenisch viel eher die labyrinthische Unterkellerung seiner Welt betreibt.

Mit „Solenoid“ unternimmt Cărtărescu eine psychedelische Höllenfahrt in die Katakomben der Stadt, in ein verlassenes Fabrikgelände und ein riesiges Leichenschauhaus. Kein Ausweg deutet sich an, bis die sechs unter der Stadt vergrabenen Riesenmagnete, von denen einer – der größte Solenoid – sich direkt unter dem Haus des Protagonisten befindet, ganz Bukarest buchstäblich aus den Angeln heben und als triefende Kloake auf große Himmelsfahrt schicken. Was besagen hier noch die Kategorien von Unten und Oben, wo doch auch alle übrigen Orientierungspunkte aufgehoben sind. Innere und äußere Welt verschwimmen im selben Maß wie Erinnerung und Traum.

Von der Bibel über Dostojewski bis zu Kafka

Wie alle seiner Romane atmet auch „Solenoid“ das apokalyptische Entsetzen von Hieronymus Boschs Gemälden, die Unentrinnbarkeit der Gefängniszeichnungen von Piranesi und die metaphysische Einsamkeit der Stadtlandschaften von Giorgio de Chirico. Er saugt den Okkultismus von Madame Blavatsky auf und das Illuminatentum der Rosenkreuzer, die Abenteuer einer spekulativen Mathematik, und in Erinnerung an lange Kinonachmittage spielt er wieder mit den suggestiven Strategien des Films.

Die gesamte literarische Tradition von der Bibel über Dostojewski bis zu Kafka und Borges ist ohnehin eingearbeitet – auch als persönliche Lese- und Bildungsgeschichte. Und wenn dann nichts mehr übrig geblieben ist von den künstlerischen, philosophischen und wissenschaftlichen Reflexen, mit denen andere sich einen Reim auf die Unordnung der Dinge zu machen versucht haben, ist dieser „Solenoid“ bereit, sich selbst als einzig gültige Realität zu installieren.

Cărtărescu war früher Rumänischlehrer

Was als Autobiografie eines gescheiterten Dichters beginnt, der 1977 als Student mit seinem Poem „Der Niedergang“ im Mond-Literaturkreis gnadenlos durchfällt und daraufhin Rumänischlehrer an der Allgemeinschule Nr. 86 wird, ist eine raffinierte – und zuweilen kokette, auch auf das eigene Werk augenzwinkernd Bezug nehmende – Kontrafaktur zu Cărtărescus eigenem Weg: Er hat genau die umgekehrte Richtung eingeschlagen.

„Solenoid“ lebt darüber hinaus von der paradoxen Behauptung, ein dezidiert unliterarischer Bericht zu sein. Seine Traumgesichte erweisen sich indes mit jeder Zeile farbiger, poetischer und motivisch dichter ausgemalt, als es ein bloßes Journal, das zu allem Überfluss ein zweites Journal aus früheren Jahren kommentiert, jemals tun könnte. Vor allem geht es Cărtărescus Alter Ego um die Flucht aus einem Leben, das er als Gefängnis empfindet: als Gefängnis des Körpers und als Gefängnis des Bewusstseins, das unter der Schädeldecke, inmitten der klebrigen Lappen der „göttlichen Molluske“ des Gehirns die eigenen Anomalien zu fassen bekommen will.

Trotz seiner wahnhaften Redundanzen ist der Roman erstaunlich leicht lesbar

„Ich habe tausende Bücher gelesen“, notiert er, „aber keines gefunden, das eine Landschaft gewesen wäre und nicht eine Karte.“ Kein Buch habe irgendeinen Sinn, wenn es kein Evangelium sei: „Denn die Offenbarung bringt nur der essentielle Traum, wahrer als die Wirklichkeit selbst, und einziger Tunnel, der sich in der Wand der Zeit öffnet und durch den du fliehen könntest, bringt nur der Traum der dritten Art, der oberste Traum, der Fluchttraum. Er kommt aus einer anderen Dimension her und tragt den Namen orama.“

So verwundert es wenig, dass Cărtărescu die bekannten drei Dimensionen hin zu einer vierten Dimension öffnet, wobei er die Möglichkeit offenlässt, dass es sich um eine Täuschung handeln könnte, „insoweit alle Metaphysik eigentlich Paranoia ist“.

Mit seinen 900 Seiten ist dieser Roman eine lebenszeitverschlingende Zumutung, aber selbst in seinen wahnhaften Redundanzen, die jedem Zuviel der Grundbestandteile ein Nochmehr hinzufügen, ein erstaunlich leicht lesbares Prosagewebe, dessen einzelne Kapitel nirgends nach dem Rotstift schreien. Cărtărescu kostet auch im Ekel eine Sinnlichkeit aus, die jeder Körperregung bis in die Nervenenden nachspürt. Ob es um das Leben mit Läusen und Krätzmilben geht, ja um die Fantasie, selbst zum Ungeziefer zu werden, oder um die Leiden in einem Zahnarztstuhl: Die bizarre Bedrückungsarchitektur von „Solenoid“ beruht auf der Fähigkeit, das Geringste sprachlich virtuos ins Monströse wachsen zu lassen.

Die Gänge der Lehranstalt verzweigen sich ins Unendliche

Die kaum zu rekapitulierenden Binnenerzählungen wuchern dabei mit. Der verschollene Zwillingsbruder Victor beansprucht seinen Raum ebenso wie die Zeit im TBC-Präventorium des Knaben. Die Gänge der Lehranstalt verzweigen sich ins Unendliche, die Wege zwischen den Klassenzimmern können Jahre in Anspruch nehmen. Kollegium und Schüler werden in ihrer Absonderlichkeit porträtiert. Und der Pförtner Ispas, „ein alter Zigeuner, Kettenraucher, ewig unrasiert und mit der trockenen Haut jener, die in einer großen und hässlichen Stadt voll ungesunder Miasmen geboren wurden“, erscheint als Vertreter eines Volkes, das unter den Gedemütigten dieser Welt die tiefsten Demütigungen erfährt.

Ernest Wichner hat all dies mit bewundernswerter Geduld in ein reich orchestriertes Deutsch gebracht, dem man die fremdsprachliche Herkunft nicht anhört: Ein höheres Kompliment kann man ihm nicht machen.

Das Fantastische ist, wie Mircea Cărtărescu gerne betont, auch ein Substrat der Wirklichkeit. Es ist nicht ihre bloße Verzerrung in satirischer, utopischer oder dystopischer Absicht. Es ist der Versuch, ihre Strukturen freizulegen, wobei kein Aufstieg zum Höheren stattfindet, sondern eine Angleichung ans Niedere. Cărtărescu liebäugelt mit einem Biologismus, der alle Anstrengungen des Menschen, sich über das Kreatürliche zu erheben, lächerlich macht. Nichts Aussichtloseres, als mit der Sekte, die sich zu Demonstrationen zusammenrottet, gegen Tod und Krankheit zu protestieren.

Selbsterschaffung und Selbstauslöschung des Erzählers liegen nahe beieinander

Im Rahmen seiner Parasitenlehre, die man sich als einen auf den Kopf gestellten, evolutionsgegenläufigen Darwinismus vorstellen muss, gibt es höchstens das Bedürfnis, diesem Aufbegehren wider alle Vernunft eine Form zu verleihen. Zweimal wird Dylan Thomas’ Gedicht „Do not go gentle into that good night“ (Geh nicht gelassen in die gute Nacht), das vielleicht die berühmteste Wutrede gegen die Sterblichkeit des Menschen ist, vollständig zitiert.

Der Grundwiderspruch dieser Literatur besteht darin, dass sie den Menschen einerseits aus dem Mittelpunkt des Universums entrückt und ihre Vision andererseits aus dem Rausch eines sich solipsistisch gebärdenden Bewusstseins gewinnt. Selbsterschaffung und Selbstauslöschung des Erzähler-Ichs liegen nahe beieinander.

Am Ende bleibt immerhin eine Kleinfamilie

So absurd es wäre, von Cărtărescu eine sozial verantwortliche Literatur einzufordern, so seltsam ist es doch, dass eine Vision, die sich derart total gibt, Gesellschaftliches fast nur in der Abkehr von Gesellschaftlichem, in der radikalen Vereinzelung darzustellen vermag. Während Mircea Cărtărescu als Staatsbürger und Publizist klare Ansichten zur Korruptheit des rumänischen Staates und der politischen und kulturellen Notwendigkeit Europas hat, schlägt er als Romancier mit jeder Tür, die er zu einer über- oder unterirdischen Wirklichkeit hin öffnet, eine reale hinter sich zu. Cărtărescu ist der Sänger einer Mystik, in der das Pleroma, die Lichtfülle der Gnostiker, in einem finster schimmernden Loch versinkt.

Am Ende, im apokalyptischen Zwielicht einer Trümmerlandschaft, bleibt immerhin eine Kleinfamilie, bestehend aus Irina, dem Icherzähler und der gemeinsamen, gleichfalls Irina genannten Tochter, auf Erden zurück. Die Tore zur vierten Dimension haben sich verschlossen, und den Überlebenden bleibt nur, sich gegenseitig eine Stütze zu sein. An den Abwärtsstrudeln gemessen, die hier zu einem abrupten Stillstand kommen, weiß man nicht, ob man das als Chance einer Erlösung betrachten soll oder als Stunde Null eines neuen Menschheitselends.
Mircea Cărtărescu: Solenoid. Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay Verlag, Wien 2019. 906 Seiten, 36 €.

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