Neues Album von Jens Friebe : Deine Eifersucht hat nichts mit Liebe zu tun

Der Berliner Indie-Pop-Musiker Jens Friebe und sein wunderbares sechstes Album „Fuck Penetration“.

yDanda und Diva. Jens Friebe
yDanda und Diva. Jens FriebeMaxZerrahn/Staatsakt

Endlich sagt es mal einer! Was J. R. R. Tolkien sich im „Herr der Ringe“ zusammengeschrieben hat und was Peter Jackson später in seinen Filmen daraus gemacht hat, ist schon ein ziemlicher Mumpitz: „Mit helfenden Elfen und zaubernden Greisen/ Zusammen die riesige Spinnen bezwingen/ Gefahren bestehen/ Den Ring sich gewinnen (oder den Ring eher irgendwo hinbringen? Na, jedenfalls irgendwas mit Ringen)“, rezitiert Jens Friebe zu bollernden Tom-Schlägen und tackerndem Klangholz in seinem Song „Herr der Ringe“.

Die lakonisch heruntererzählte Handlungszusammenfassung mündet in der Feststellung, dass dies alles eigentlich aussieht „wie der Traum eines fiebernden Pfadfinderführers, gepaart mit einem Clip vom Islamischen Staat“. Supergemein wird es in den anschließenden anderthalb Minuten, in denen Schlagzeuger und Sänger Chris Imler das Mikrofon übernimmt und wie ein betrunkener Schamane immer wieder den Songtitel singt, wobei er wunderbar bescheuert das R rollt.

Dies ist einer von vielen Höhepunkten des sechsten Albums von Jens Friebe, das den genialen Titel „Fuck Penetration“ trägt und auf dem sich der Berliner Musiker vier Jahre nach „Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus“ ein weiteres Mal als schillernder Wortspielmeister zwischen Indie-Pop und Chanson erweist. Er singt weitaus häufiger als bisher auf Englisch. Programmatisch eröffnet Friebe die Platte mit der Klavierballade „Worthless“, in der er die skizzenhafte Beschreibung einer Beziehungskrise mit einem Grandezza-Refrain aus der Abteilung seltsame Kapitalismusbeschreibung verbindet. Darin heißt es: „When money is afraid of being worthless/ It becomes a house or a piece of art/ When you are afraid of being worthless/ You tear out my heart“.

Dieses Balancieren zwischen ganz großen Gefühlen, dieses auch mal in Schlagergefilde Hineintänzelde und dann wieder herrlich Bissige beherrscht der 1975 in Lüdenscheid geborene Musiker wie kein Zweiter in diesem Land. Nicht nur wegen der Deutsch-Englisch-Mischung muss man allerdings das eine oder andere Mal an den österreichischen Wahlberliner Andreas Spechtl und seine Band Ja, Panik denken. Der ohrwurmhafte Titelsong von „Fuck Penetration“ mit seiner Kritik an phallozentrischem Sex hätte sich beispielsweise auch gut auf deren letzter Platte „Libertatia“ gemacht.

Angriff auf pseudo-queere Hipster

Genau wie der etwas jüngere Spechtl gehört Friebe zum Kreis um die Berliner Indie-Eminenz Christiane Rösinger, bei deren Band Britta er einst am Schlagzeug einsprang und bei deren „Gala der Novemberdepression“ er nächste Woche im Südblock auftritt. Was ihn und Spechtl überdies verbindet, ist das unmachohafte Auftreten, das Spiel mit einer gewissen Unschärfe in Sachen Gender und sexueller Orientierung. Wobei in Friebes Fall stets deutlich ist, dass sich sein Begehren auf Frauen richtet, ersichtlich etwa in den Videos zu den alten Hits „Lawinenhund“ oder „Frau Baron“. In beiden Liedern singt er allerdings davon, dass er den Frauen „dienen“ will. Auf dem neuen Album benutzt er einmal ganz beiläufig das generische Femininum, läuft im aktuellen Videoclip im Pyjama, mit Plastikperlenkette und Nagellack herum.

Auf die Idee, sich deshalb als queer zu bezeichnen käme der Musiker, der vor drei Jahren zu den Kuratoren des HAU-Festivals „Männlich Weiß Hetero“ gehörte, aber offenbar nicht. Stattdessen kritisiert er in „Call me queer“ Mitglieder eben dieser privilegierten Spezies dafür, dass sie sich den Begriff aneignen, um sich interessanter zu machen: „Ich schau Fußball und trink Bier/ Schlaf nur mit Frauen – call me queer!/ Früher war ich männlich, heterosexuell/ Das langweiligste Genderstudienobjekt der Welt/ Doch durch ein Wunder einen linguistic turn/ Darf ich jetzt auch zu den schrägen Vögeln dazugehören.“

Dass es zum Schrägsein nicht des Queer-Labels bedarf, demonstriert Friebe in der munteren Disco-Nummer über den „Special People Club“, in dem sich allerlei Nerds und Unverstandenen treffen – Geistesverwandte von Dwan Wiener, die im Film „Welcome to the Dollhouse“ einen solchen Verein gründet. Das ist feiner, schnell auf den Punkt kommender Pop, genau wie das kurze Abrechnungslied „Only Because You’re Jealous Doesn’t Mean You’re In Love“. Nur weil du eifersüchtig bist, heißt noch lange nicht, dass du verliebt bist. Hätte auch auf Deutsch gut geklungen. Aber so taugt es zudem als Trennungslied für internationale Paare. Liebesleid ist schließlich universell – egal ob queer oder hetero.

Fuck Penetration“ erscheint am Freitag bei Staatsakt. Jens Friebe tritt am 10.11., 22.30 Uhr bei der Flittchenbar im Südblock auf. Konzert im Festsaal Kreuzberg am 25.1., 20 Uhr

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