Neues Album von Stormzy : Rappen gegen den UK-Frust

„Heavy Is The Head“ heißt das zweite Album von Stormzy, dem derzeit wichtigsten britischen Rapper. Die neuen Songs sind selbstbewusst, persönlich und politisch.

Der Londoner Rapper Stormzy, 26.
Der Londoner Rapper Stormzy, 26.Foto: Warner

Es hat alles nichts genutzt. Sie haben nicht auf ihn gehört: Großbritannien hat für Boris Johnson und den Brexit gestimmt. Nicht für Jeremy Corbyn, den der Rapper Stormzy unterstützt hatte.

Am Wahltag pries er in einem Video für seine insgesamt vier Millionen Instagram- und Twitter-Follower den Labour-Chef als „Mann der Hoffnung, Mann der Gerechtigkeit, Mann der Gleichheit“. Schon Ende November hatte er seine Fans aufgefordert, sich für die Wahl zu registrieren und mit deutlichen Worten erklärt, was er von den beiden Hauptkonkurrenten hält.

Schutzweste von Banksy

Der 26-jährige Michael Omari alias Stormzy hat sich in den zwei Jahren, die seit der Veröffentlichung seines Debütalbums „Gang Signs & Prayer“ vergangen sind, zum wichtigsten britischen Rapper entwickelt – und zu einem Repräsentanten der frustrierten Jugend. Spätestens seit seinem fulminanten Auftritt beim diesjährigen Glastonbury Festival – es war die erste Headliner-Show eines schwarzen UK-Solo-Künstlers dort – ist er eine Art Klassensprecher des derzeit ohnehin hochgradig politisierten UK-Hip-Hops.

Stormzy spielte in Glastonbury nicht nur die Rede eines Labour-Abgeordneten ein, er brachte die Menge auch dazu, Boris Johnson zu beschimpfen, den er in seinem Hit „Vossi Bop“ disst. Während des Konzerts trug Stormzy eine Schutzweste mit Union-Jack-Streifen, die der Streeart-Stars Banksy gestaltet hatte – eine popkulturelle Instant-Ikone.

Noch einmal bewundern kann man sie nun auf dem Cover des am Freitag veröffentlichten zweiten Stormzy-Album „Heavy Is The Head“. Allerdings hält der Rapper sie in den Händen. Mit nacktem Oberkörper blickt er nachdenklich auf die Weste herab. In den letzten Zeilen des neuen Songs „Audacity“ heißt es: „When Banksy put the vest on me/ Felt like god was testing me“.

Hits, Glamour und Zweifel

Ja, der Erfolg und die Erwartungen lasten schwer auf den Schultern des jungen Mannes. Daher auch der Titel des Album, dessen Anfangsbuchstaben auf dem Cover wie eine Krone um seinem Kopf schweben.

Der nachdenkliche Song „Crown“ zitiert Shakespeares „King Henry IV“ mit dem Satz über den Kopf, der schwer an der Krone trägt. Stromzy lässt zudem seine Erfolge Revue passieren: die Brit Awards, bei denen er als bester Künstler ausgezeichnet wurde, das Cover der „Elle“, auf dem er zu sehen war, aber auch die Stipendien für schwarze Kinder, die er finanziert hat. Dennoch gibt er sich im gesungenen und von einem Chor begleiteten Refrain als Fragender, der versucht, dankbar zu sein.

Bei aller Prahlerei, die das Album selbstredend durchzieht, fallen doch die bescheidenen und verletzlichen Töne stärker ins Gewicht. Das zeigt schon die derzeit auf Platz drei der UK-Charts stehende Single „Own It“, ein melancholischer Popsong, bei dem sogar Ed Sheeran mitmacht.

Im sanften, wieder von vielen Background-Sängern begleiteten „Do Better“ ermahnt sich Stormzy zu größeren Anstrengungen und „Don’t Forget To Breath“ ist eine gesungene Atemübung. Der Londoner hatte Aufsehen erregt, als er öffentlich über seine Depression sprach – ein Thema, das auch in seinem zweiten Album immer wieder aufblitzt.

Jung, talentiert und schwarz

Einen expliziten Protestsong enthält es nicht. Politisch ist es dennoch. Denn Stormzy macht mehrfach deutlich, dass es ihm darum geht, die schwarze Gemeinschaft zu stärken und zu feiern. Besonders klar ist das in „Superheros“, in dem er nicht nur die Eltern von immigrierten Briten würdigt, sondern auch eine Reihe von erfolgreichen Schwarzen erwähnt – vor allem Frauen.

Er selbst vergleicht sich mit Nina Simone, auf deren berühmtes „To be Young, Gifted And Black“ er auf der Platte einige Male anspielt. Könnte schon sein, dass Stormzy Feminist ist – das wäre immerhin eine kleine gute Nachricht von der Chaos-Insel.
„Heavy Is The Head“ erscheint bei Warner. Konzert: Columbiahalle, 20. Februar.

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