Neues Album von The Strokes : Endlich wieder Bock

Der New Yorker Rockband The Strokes gelingt mit ihrem Album „The New Abnormal“ ein beeindruckendes Comeback.

The Strokes mit Sänger Julian Casablancas (Mitte) machen seit Ende der Neunziger Musik.
The Strokes mit Sänger Julian Casablancas (Mitte) machen seit Ende der Neunziger Musik.Foto: Sony

Durham, New Hampshire, vor rund zwei Monaten. The Strokes spielen „New York City Cops“ auf einer Wahlkampfveranstaltung für Bernie Sanders. Den Song, der kurz nach 9/11 von der US-Version ihres Debütalbums geflogen ist, weil er sich über die New Yorker Polizisten lustig macht.

„New York City Cops, they ain’t too smart“ singt Julian Cacablancas immer wieder, umgeben von einer Meute, die auf die Bühne geklettert ist, – und einem Polizisten, der versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen. Casablancas grinst zu ihm herüber.

Urknall des vorerst letzten Rock-Revivals

Ein schöner Moment, bei dem die Hoffnung aufkeimte, dass von den Strokes tatsächlich noch mal Relevantes kommen könnte. Denn die Frage muss man stellen: Wer braucht im Jahr 2020 eigentlich noch ein neues Strokes-Album?

Die Band wurde Anfang des Jahrtausends ausgiebig als Heilsbringer des Rock gefeiert, als Urknall eines Indie-Revivals, das den Sound einer ganzen Dekade beeinflussen sollte. Seither ist ihre Geschichte geprägt von enttäuschten Erwartungen und schwindender Kreativkraft.

Doch wenn man die Menge auf der Sanders-Kundgebung ausflippen sieht und Ü-30-Jährige ein Berliner Strokes-Konzert in Sekunden ausverkaufen, dann wird die Sehnsucht nach einem Strokes-Comeback spürbar.

Die Band besteht immer noch in Urbesetzung

Die Freude an dieser Band ist mittlerweile auch in der Nostalgie verwurzelt, im Erinnern an eine Zeit, als die Gitarren das letzte Mal den Ton angaben. Was The Strokes auf „The New Abnormal“ (RCA/Sony), ihrem ersten Album seit sieben Jahren, abliefern, sorgt nun für die Erkenntnis: Diese Band ist verdammt lebendig.

Allen Trennungsgerüchten zum Trotz, die sie seit rund zehn Jahren begleiten, kann man ihre Geschichte nämlich auch so lesen: Die Strokes treten nach 20 Jahren immer noch in Urbesetzung an. 2001 erscheint das Debüt „Is This It“, und die Gruppe wird gefeiert, besonders in England.

Das liegt einerseits am Strokes-Sound: daran, wie sie die Strobo-Gitarrenakkorde rausballern, wie das Schlagzeug akkurat-stur seinen Beat durchkloppt und Casablancas dazu nölt und schreit wie ein bockiger Teenager. Dazu sehen sie mit ihren Chucks, Lederjacken und Jeans auch einfach sehr cool aus.

Die Hype-Maschine brummt auf allen Zylindern, allerdings nicht allzu lang. Das grandiose zweite Album „Room On Fire“ verkauft sich nur noch halb so gut, danach geht es bergab. Jedes Mitglied der Band hat inzwischen seine eigenen Projekte, hinzu kommen Suchtprobleme. Bald lassen sich erste Stimmen vernehmen: Die Strokes sind passé. Die späteren Alben „Angles“ (2011) und „Comedown Machine“ (2013) bestärken diese Ansicht. Sie klingen clean, nichts mehr da vom Furor einer Gruppe, deren Mitglieder nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde sind.

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Ganz anders nun „The New Abnormal“, das sechste Album, das am Freitag erscheint. The Strokes sind wieder eine richtige Band, und als ob sie das extra betonen müssten, hört man die Musiker am Ende des ersten Tracks „The Adults Are Talking“ durcheinanderplaudern. „Here we go, friends!“, sagt Gitarrist Nick Valensi, dabei sind sie zu diesem Zeitpunkt längst aus den Startblöcken gesprintet.

Ein Best-of in einem einzigen Song

Der Opener startet mit einem strunzigen Maschinen-Beat, gefolgt von einem Gitarren-Lick, das an „I Can’t Win“ von „Room On Fire“ erinnert. Dazu lässt Drummer Fabrizio Moretti die Becken so tight zischen wie bei „Hard To Explain“ vom Debütalbum.

Der Song steigert sich, bis die Gitarren durcheinanderdengeln und es am Ende schön skurril lospiept wie der Klingelton eines längst eingemotteten Festnetzanschlusses. So wird „The Adults Are Talking“ zu einem Konglomerat aus den frühen Strokes und den elektronikgeprägten Spätausläufern, ein Best-of in einem Song gewissermaßen.

Er funktioniert auch über die für Strokes-Verhältnisse großzügige Laufzeit von fünf Minuten – eine Marke, um die alle Stücke von „The New Abnormal“ kreisen, ohne dass es langweilig wird. Das mag auch daran liegen, dass sie erstmals mit dem Produzenten Rick Rubin zusammenarbeiten.

Der ist als Expeditionsleiter für Künstler bekannt, die den Weg zurück zur Essenz ihres Schaffens nicht mehr finden. Berühmtestes Beispiel: die „American Recordings“, die er Mitte der Neunziger mit Johnny Cash aufgenommen hat.

Unter Rubins Leitung haben die Strokes wieder Bock, und auch Julian Casablancas ist mit vollem Herzen dabei. Gerade live hüllt er sich ja gerne in eine Aura blasierten Desinteresses, bei der nie klar ist, wo die Pose beginnt. Nun singt er sich derart vielseitig durch „The New Abnormal“, mal im Falsett, mal mit verhalltem Choral, dass er all die Zweifel pulverisiert.

Schwermütige Synthies aus der Videospielhölle

Auf „At The Door“ degradiert die Band ihre Gitarren und Drums zu Nebendarstellern. Stattdessen belagern schwermütige Synthies den Song, der wirkt, als sei er aus einer Achtziger-Videospielhölle reingebeamt worden. Casablancas singt darin Zeilen wie „Sinking like a stone, use me like an oar, and get yourself to shore.“ Klingt nach Trennungsschmerz, wobei der Sänger bevorzugt im Vagen bleibt.

Auch, wenn etwa „Bad Decisions“ von der kurzen schwierigen Beziehung seiner Eltern handelt, dem Modelagentur-Chef John Casablancas und der ehemaligen Miss Denmark, Jeanette Christiansen. Er erzählt davon ohne ein Fünkchen Ironie: „Oh baby, I hang on everything you say. I wanna write down every word, but do me a favor when you come close: When I look around, don’t wanna see you.“

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Ein Schleier der Wehmut liegt über dem gesamten Album. Das trägt dazu bei, dass man das Gefühl nicht loswird: Hier haben ein paar Musiker um die 40 ein Alterswerk aufgenommen. Die vielen Verweise – nicht nur aufs eigene Schaffen – tun ihr Übriges.

Plötzlich klingen die Strokes wie die Arctic Monkeys

In „Bad Decisions“ wird zum Beispiel Billy Idol zitiert, dessen „Dancing With Myself“ man danach im Ohr hat. Kaum ist diese Anspielung verdaut, groovt „Eternal Summer“ mit funky Gitarren-Swagger über einem schleppenden R’n’B-Beat heran und erinnert an die Arctic Monkeys, die ehemaligen Strokes-Adepten. Auch bei „Not The Same Anymore“, einer klassischen Ballade, würde man sich nicht wundern, wenn deren Sänger Alex Turner einsetzte.

Allen Anspielungen zum Trotz klingt „The New Abnormal“ ganz nach den Strokes. Zwar ohne den ungestümen Drang früherer Tage, dafür aber mit Songs, die einen mit offenen Armen und geradezu lieblichen Melodien begrüßen.

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Der Band gelingt es, das Gestrige mit dem Heutigen zu verbinden. Damit werden sie bestimmt nicht erneut die Zukunft des Rock’n’Roll diktieren. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit scheinen sie sich in der Gegenwart so richtig wohlzufühlen.

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