Neues aus dem Nachlass von Peter Kurzeck : Der Sommer muss ewig bleiben

Licht, sonnendurchflutet, womöglich der schönste Band des Romanzyklus' "Das alte Jahrhundert": Peter Kurzeck „Der vorige Sommer und der Sommer davor“.

Der Schriftsteller Peter Kurzeck, 1943 - 2013
Der Schriftsteller Peter Kurzeck, 1943 - 2013Foto: Erika Schmied/Verlag

Als dieses Buch aus dem Nachlass von Peter Kurzeck im vergangenen Herbst erschien, stellte sich schon die Frage: Soll man sich wirklich noch mal in das Lebensuniversum dieses 2013 verstorbenen Schriftstellers begeben? Hatte Kurzeck zu Lebzeiten auf den über 1000 Seiten von „Vorabend“ oder in seinem letzten, 2015 posthum veröffentlichten Roman „Bis er kommt“ nicht schon alles erzählt, sich, sein Leben und Schreiben, die ganze Gegend? Hat er, natürlich.

Doch genug war es ja nie, fertig werden konnte Kurzeck gar nicht, und tatsächlich: Mit einem gewissen Abstand und mit Muße schlägt er einen gleich auf den ersten der fast 500 Seiten von „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ (Schöffling Verlag, Frankfurt/Main 2019. 653 Seiten, 32 €) wieder in seinen Bann, mit diesem für ihn so typischen, seine Prosa so einzigartig machenden Kurzsatzstakkato voller Ellipsen und Aufzählungen, mit seiner Atemlosigkeit, seinem Irrsinn, seinen vergeblichen Versuchen, die Zeit schreibend anzuhalten oder wenigstens zu fassen zu bekommen.

"Wird wieder heiß! Sommertage. Gegenwart."

Dieses Buch ist der siebente Teil von Kurzecks zwölfbändigem Mammutprojekt „Das alte Jahrhundert“, und vielleicht ist er der schönste, zeitloseste, in jedem Fall der lichteste, sonnendurchflutetste. Kurzeck erzählt größtenteils von ein paar Urlaubswochen in den Sommern 1982 und 1983, die er mit seiner Frau Sibylle und der kleinen Tochter Carina in Südfrankreich verbringt; erst bei Jürgen und Pascale in Barjac, einem Örtchen im Landesinneren, nicht weit von Uzès, wo Kurzeck in seinen letzten Jahren u.a. lebte, später in Saintes-Maries-de-la-mer.

Ohne Unterlass „knarrt“ die Zeit, „zieht“ sie an Kurzeck, „immerfort“. Und immer wieder ist er mit Carina unterwegs, erklärt er ihr die Welt, werden Straßen, Plätze, Kneipen und die Natur in den Blick genommen. Und immer wieder lässt Kurzeck sich die Geschichten zum Beispiel der Menschen erzählen, die er, Sibylle und Carina beim Trampen kennenlernen.

Von sich dagegen erzählt er hier nur andeutungsweise: von Staufenberg, wo er bis zu seinem 34. Lebensjahr zu Hause war, wann er zu trinken aufhörte, wie er an seinem Staufenberg-Roman „Kein Frühling“ schreibt, ja, auch von Sibylle und wie gut sie zueinander sind.

Belastend sind die Sorgen, die er hat, doch manchmal gibt es Auswege: „Nachts schreibt man seine Sorgen auf Zettel. Nicht Notizzettel, Kassenbons! (...) Und morgens schmeißt man die Kassenbons mit den Sorgen vollzählig weg! (...) Wird wieder heiß! Sommertage. Gegenwart. Eine Weile? Und noch eine Weile? Und dann?“

Ja, und dann? Nach der Lektüre dieses Buches vergräbt man sich sofort wieder in „Kein Frühling“ – um die Zeit zu überbrücken, bis der achte Teil des „Alten Jahrhunderts“ erscheint, „Und wo mein Haus“, über den Februar 1983, über Jürgen und Pascale in Frankfurt und Erinnerungen an die US-Army in Gießen.

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