Neues Biopic über Marie Curie : Mehr als historische Rekonstruktion

Regisseurin Marjane Satrapi verfilmt das Leben der frühen Feministin. Fantasmagorische Momente und Zeitreisen nach Hiroshima und Tschernobyl sprengen das Biopic-Korsett.

Dunja Bialas
Marie Curie (Rosamund Pike) muss sich gesellschaftlichen Rollenbildern entziehen.
Marie Curie (Rosamund Pike) muss sich gesellschaftlichen Rollenbildern entziehen.Foto: Studiocanal

Sepialicht fällt durch die Fenster des Labors und macht schwebende Staubpartikel sichtbar. Auf den Tischen stehen Versuchsapparaturen, eine Waage, ein Elektrometer, Kondensatoren, Reagenzgläser. 

Marie Curie beugt sich über einen Glaskolben, in dem es brodelt, auf ihrer Stirn Falten der Konzentration; die Haare kräuseln sich, als wären sie Antennen der Anspannung. 

Sie hustet, immer stärker, krümmt sich und sinkt zu Boden. In der nächsten Einstellung wird sie einen Krankenhausflur hinuntergeschoben, über ihr zieht die Beleuchtung wie ein Filmstreifen vorbei. Die Rückblende setzt ein.

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Marjane Satrapi, Regisseurin der animierten Graphic Novel „Persepolis“, beginnt „Marie Curie – Elemente des Lebens“ mit der bewährten Rezeptur eines Biopics. 

Im raschen Durchgang von 1893 bis zu ihrem Tod 1934 erzählt sie die wichtigen Stationen der einflussreichen Physikerin: wie die junge Marie Skłodowska, einzige Wissenschaftlerin an der Sorbonne, Pierre Curie kennenlernt und sie bei der Arbeit eine forschende Symbiose bilden. 

Oder die schwangere Marie Curie tonnenweise Pechblende für die bahnbrechenden Versuche schaufelt, an deren Ende die Entdeckung der Radioaktivität und der Nobelpreis stehen.

Das alles kennt man schon von Marie Noëlles Biopic „Marie Curie“, als könne man gar nicht anders über eine berühmte Wissenschaftlerin erzählen. Bei Satrapi wird sie von Rosamund Pike verkörpert, im hochgeschlossenen Kostüm, aufrecht und stolz. 

Ihre Curie ist eine Frau, die um Anerkennung in Fachkreisen ringt, zugleich liebende Ehefrau und Mutter, die sich kämpferisch dem Rollenkonflikt stellt. Als Polin ist sie offener Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt, als Geliebte eine Ehezerstörerin, in ihrer Selbstbestimmtheit auch eine Bedrohung fürs damalige Frauenbild. 

Pikes Curie gibt immer der Leidenschaft den Vorzug. Ein konventioneller Blick auf die historische Figur, da er das fast schon klischierte Bild von Marie Curie nur reproduziert. Auch wenn der Film wohl feministisch gemeint ist.

Aufgebrochen wird die biedere Nacherzählung durch Zeitsprünge, in denen Satrapi auf die Wirkungsgeschichte der Curie-Entdeckungen hinauswill. 

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Sie inszeniert den Wissenschaftsmanichäismus, der besagt, dass eine heilbringende Erfindung – Curie erkennt früh, dass Radioaktivität gegen Tumore wirkt – auch böse sein kann. Zeitreisen nach Hiroshima, in die „Doom Town“ Nevadas und nach Tschernobyl stellen den großen Bogen her.

Immerhin sprengt dies das Biopic-Korsett, ebenso die fantasmagorischen Momente, die Satrapis Handschrift durchschimmern lassen. 

Etwa wenn dem fluoreszierenden Flammentanz Loïe Fullers eine eigenartige Faszination entsteigt, Metapher für eine Ende des 19. Jahrhunderts esoterisch aufgeladene Wissenschaft. Das erzählt mehr vom Fin de Siècle als die historischen Rekonstruktionen.

Satrapi hat mit „Marie Curie“ eine Graphic Novel von Lauren Redniss verfilmt. In der Vorlage finden sich skizzierte Figuren, expressionistisch stilisiert wie bei Ernst Ludwig Kirchner, in leuchtenden Farben koloriert. Weil ihr Marie Curie anscheinend als feministische Ikone zu wichtig war, hat Satrapi die Graphic Novel nun bis ins Detail ausgemalt.
[In elf Berliner Kinos. OmU: Kulturbrauerei, Sputnik]

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