Schon in der Vorzeit gab es Klimawandel. Der Elch vom Hansaplatz zeugt davon.

Seite 2 von 2
Neues Museum : Unter dem Pflaster liegt der Tand
Elch vom Hansaplatz. Das frühgeschichtliche Skelett wurde 1956 beim Bau der U-Bahn gefunden.
Elch vom Hansaplatz. Das frühgeschichtliche Skelett wurde 1956 beim Bau der U-Bahn gefunden.Foto: dpa

Das imposante Skelett des „Elchs vom Hansaplatz“ wurde schon 1956 beim U- Bahn-Bau gefunden. Das Auftauchen der Tiere in unserer Gegend war eine Folge des dramatischen Klimawandels in der Steinzeit, mit erheblichen Veränderungen der Fauna und Flora – mit der also auch schon die Menschen damals zu kämpfen hatten! Um ihr Leben anschaulich zu machen, schreckten die Ausstellungsmacher vor nichts zurück. Wie im Panoptikum des 19. Jahrhunderts wird neben dem deformierten Schädel eines Neandertalers eine vollplastische, ungemein lebendig wirkende Gesichtsrekonstruktion gezeigt. Drollig sind Ausstellungstexte, die Pfeil und Bogen als „Spitzentechnik im Wandel“ und Geweihe als „Qualitätsrohstoffe mit Showeffekt“ vorstellen.

Die Erfindung des Bronzegusses war eine technische Revolution, die ein neues Zeitalter einleitete wie später Buchdruck und digitale Datenübertragung. In einer Vitrine hängen akkurat aufgereiht gut 150 nahezu identische Axtklingen, in einer anderen sieht man geborgene Gussformen für Pfeilspitzen. Auch Schmuck und religiöse Symbole wurden in der Bronzezeit auf diese Weise als Massenprodukte hergestellt. Die Ausstellungsmacher haben hier klug aus dem Vollen ihrer Sammlung geschöpft. Die reich gefüllten Vitrinen bilden eine Enfilade, an deren Ende ein geheimnisvolles Unikat schimmert: der 1996 erworbene spitze Goldhut, rund 3000 Jahre alt. Die filigranen Ornamente belegen, dass bereits die Bronzezeitgelehrten hoch entwickelte astronomische Kenntnisse besaßen.

Das, was dieser grandiosen Rauminszenierung noch folgt, wirkt etwas lieblos abgearbeitet. Die Eisenzeit in Mitteleuropa überschneidet sich zeitlich mit der griechischen und römischen Antike. Damals kam ein weitläufiger Technologietransfer und Kulturaustausch zwischen Ostsee und Mittelmeer in Gang, was an den ausgestellten Waffen und Tongefäßen der Hallstadtkultur, der Kelten, Skythen oder Lausitzer Kultur abzulesen ist. „Wir hätten zu jeder Vitrine einen Roman schreiben können“, sagt Matthias Wemhoff. Trotzdem fehlt diesem Bindeglied zu den unteren Etagen des Neuen Museums eine unmittelbar zündende Idee.

Mit der neuen Präsentation ist das Haus nun vom Untergeschoss bis zum Dach komplett eingerichtet. Fehlt bloß noch der neue Empfangsbereich, die James-Simon-Galerie. Deren Fundamentierung durch eine eiszeitliche Auswaschung tief im Spreesumpf ist zu einer kostspieligen Dauerbeschäftigung für Bautaucher geworden. Seit der pompösen Grundsteinlegung 2013 ist zumindest über dem Wasserspiegel nicht viel passiert. Doch nach einem Spaziergang durch 40 000 Jahre menschlichen Erfindungsreichtum ist man optimistisch gestimmt, dass es irgendwann auch für dieses ehrgeizige Projekt einen Eröffnungstermin geben wird.

Die Dauerausstellung „Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit“ wird am Sonntag, 29. Juni ab 11 Uhr mit einem Familientag eröffnet. Programm: www.smb.museum

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!