Neues Seeed-Album „Bam Bam“ : Komm in mein Haus

Die Berliner Band Seeed veröffentlicht mit „Bam Bam“ das erste Album seit dem Tod ihres Sängers Demba Nabé. Sie machen souveränen Dancehall-Pop – mit vielen Gästen.

Die Berliner Band Seeed mit den Sängern Frank Dellé (3. v. l.) und Pierre Baigorry (4. v. r.).
Die Berliner Band Seeed mit den Sängern Frank Dellé (3. v. l.) und Pierre Baigorry (4. v. r.).Foto: Erik Weiss

Ein Luftsprung, vier schnelle Drehungen und eine kurzer Blick zurück – die letzten sechs Sekunden von Seeeds schwarz-weißem Video zu ihrem Song „Ticket“ gehören Demba Nabé. Seine Bewegungen passen zu den abschließenden Takten, die er allerdings nie gehört hat. Der Sänger ist im Mai 2018 mit 46 Jahren gestorben.

Seine Band hat ihm diese Single gewidmet, die trotz ihres lebensbejahenden Textes und des Highlife-Vibes von dunkel schimmernder Melancholie erfüllt ist. Vor allem die würdevolle Bläser-Coda wirkt wie ein Abschiedsgruß an den Freund.

Schon einige Wochen nach Demba Nabés Tod hatten Seeed verkündet, dass die 1998 gegründete Gruppe sich nicht auflösen werde. Wenn Pierre Baigorry und Frank Dellé nun im Refrain von „Ticket“ den ewigen Kreislauf des Lebens beschreiben, kann man das auch als Bekräftigung dieses Willens zum Weitermachen verstehen: „Universal Rollercoaster-Flow/Einfach so, einhundert Jahre/ Die Sonne kommt, es geht von vorne los/ Einfach so, so lang’ ich atme (woo!)“.

Das Stück eröffnet das am Freitag erscheinende fünfte Album von Seeed, das den Titel „Bam Bam“ (BMG Rights/Warner) trägt. Das Cover zeigt eine brennende Lunte an einer Batterie von Feuerwerkskörpern. Krachen lässt es die Band auf ihrer ersten Platte seit 2012 allerdings nur vereinzelt, etwa bei dem mächtig pumpenden Dancehall- Song „Geld“, der sofort an die Frühzeit der Band denken lässt.

Im Video haben sich Baigorry und Dellé als superfette Männer verkleidet, die in einer protzigen Villa feiern – bis ein Polizeikommando hereinstürmt. Kapitalismuskritik auf die plakative Art: „Yeah, dickes Haus, man, ich bin reich/Woo, dicker Bauch, money for life/ Geb’ es aus, shopp’ allerlei/ Ey, ja, ich geb’ es zu, Money macht frei, uh“.

Ein wenig subtiler gehen es Seeed in „Komm in mein Haus“ an, einem sehr lässig voranzuckelnden Reggae-Stück, das ein wenig an ihre neuseeländischen Kollegen von den Black Seeds erinnert. Pierre Baigorry, der auch als Peter Fox bekannt ist, singt über Zäune und Clowns, um dann eine Einladung in sein Haus auszusprechen. Alle sind willkommen, egal woher sie stammen und an welchen Gott sie glauben. Sicher kein überraschendes Statement von einer für ihre Weltoffenheit und ihre multikulturellen Einflüsse bekannten Band, doch in Zeiten sich verschließender Herzen und Grenzen ist es wichtig, diese Haltung gelegentlich in Erinnerung zu rufen. Seeed haben schließlich sieben Jahre kein Album gemacht.

[Konzerte: 2.10., 21 Uhr, Festsaal Kreuzberg,12.8., 14.-16.8. Wuhlheide, 17.-19.9. Waldbühne]

Es ist verständlich, dass die nun nur noch zehnköpfige Band für „Bam Bam“ keinen Ersatz für Demba Nabé engagiert hat. Dafür sind verschiedene Gäste dabei. Eine auffällige Neuerung, war die Band doch bisher äußerst sparsam mit solchen Einladungen, auf ihrem letzten Album gab es beispielsweise überhaupt keine Features. Jetzt sind bei vier der zehn neuen Stücke Gäste zu hören.

Der Leipziger Cloud-Rapper Trettmann, dessen Wurzeln ja ebenfalls im Reggae und Dub liegen, ist auf „Immer bei Dir“ dabei, was gut passt, sich aber kaum im Ohr festsetzt. Genau das Gegenteil ist bei „Lass das Licht an“ der Fall: Hier haben Deichkind mitgemischt, was sich weniger gut in den Seeed-Sound fügt, aber nach dem Hören aufgrund der melodiösen Schlic htheit sowie der stumpfen Repetitivität endlos durchs Hirn geistert. Über einem reduzierten Beat plus tröpfelndem Synthie und einem hochgepitchten Vocalsample erläutern die Hanseaten zusammen mit den Berliner Kollegen die Vorzüge von Sex bei guter Beleuchtung. Vielleicht wäre der Song besser auf dem gerade erschienen Deichkind-Album „Wer sagt denn das?“ aufgehoben gewesen.

Ganz am Ende ist Demba Nabé zu hören

Als einzige Frau haben Seeed die Berliner Sängerin und Rapperin Nura – früher beim Krawall-Duo Sxtn – eingeladen. In „Sie ist geladen“ übernimmt sie die Rolle der wütenden Frau, die keine Lust mehr auf den von Baigorry und Dellé gesungenen Typen hat. „Wegen dir hab ich ständig meine Tage und der Sex ist ne Blamage“, singt sie – und verlässt den „Lappen“ schließlich. Ein E-Gitarren-Solo und eine am Ende abgefeuerte Waffe illustrieren den dramatischen Abgang.

Seeed demonstrieren auf dem in Zusammenarbeit mit dem Produzententeam The Krauts aufgenommenen Album, dass sie ihre alten Stärken auch nach dem Schicksalsschlag noch souverän ausspielen können. Es ist kein Meisterwerk, aber ein Album der Wiederhörensfreude. Gesungen wird übrigens – zum ersten Mal in der Seeed-Diskografie – nur auf Deutsch.

Die einzige Ausnahme bildet der letzte Song. Er trägt den Titel „What A Day“, es singt Demba Nabé. Die Band hat eine alte Aufnahme von ihm verwendet. Voller Leidenschaft wirft er sich in das Streicher-Schlagzeug-Arrangement, preist die Sterne und einen unglaublich schönen Tag. Wie „Bam Bam“ wohl mit Nabé geklungen hätte?

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