• Neuübersetzung von „Ursprung der Arten“: Sternstunden der Natur mit Charles Darwin

Neuübersetzung von „Ursprung der Arten“ : Sternstunden der Natur mit Charles Darwin

So ist das Leben: Charles Darwins grundstürzendes Werk „Der Ursprung der Arten“ erscheint in einer vollständigen deutschen Neuübersetzung.

Tobias Schwartz
Charles Darwin. 1836 kam der junge Forscher von seiner großen Reise zurück.
Charles Darwin. 1836 kam der junge Forscher von seiner großen Reise zurück.Foto: mauritius images

Es gibt kaum ein einflussreicheres Buch als das Hauptwerk des britischen Naturforschers und Zoologen Charles Darwin. Die Bibel, sicher. Vielleicht noch Kopernikus’ „De revolutionibus orbium coelestium“ (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise) von 1543, das die Abkehr von einem geozentrischen Weltbild markiert. Aber schon Kants „Kritik der reinen Vernunft“ oder Marx’ „Das Kapital“ verblassen angesichts der Wirkung, die „On the Origin of Species“ seit seinem Erscheinen 1859 entfaltete. Jetzt liegt dieses legendäre Buch in einer neuen deutschen Ausgabe vor, die es zugänglicher macht und seine Bedeutung unterstreicht.

Darwins Rezeption bewegt sich in einem dialektischen Gemenge aus Fortschritt und Aufklärung samt deren Verkehrung ins Gegenteil. Das zeigt der von den Nazis instrumentalisierte „Sozialdarwinismus“, der ursprünglich Darwin’sche Begriffe wie „natürliche Selektion“ und „Kampf ums Dasein“ auf die menschliche Gesellschaft anwenden will. Darwin selbst, Verehrer Alexander von Humboldts, war dagegen ein liberaler Denker und wäre der größte Kritiker eines solchen Missbrauchs seiner Gedanken gewesen.

Schon 1836, als er von seiner Weltumseglung mit der „HMS Beagle“ zurückkehrte, glaubte Darwin nicht mehr an die biblische Schöpfungslehre, die die Unveränderlichkeit der Arten impliziert. Seine auf der Reise gemachten Funde und Beobachtungen, die von Fossilien über neu entdeckte und variierende Arten bis hin zu deren Verhaltensweisen reichten, nährten Zweifel, die sich zur Erkenntnis verfestigten: Die Natur entwickelt sich sukzessive, und alle Lebewesen lassen sich auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen.

Für Darwin Theorie, heute unbestritten

„Der Ursprung der Arten“ heißt jetzt die erste vollständige Neuübersetzung dieses „wichtigsten Buches der Menschheit nach der Bibel“ (Umfrage der BBC) seit hundert Jahren, das bislang unter dem Titel „Über die Entstehung der Arten“ bekannt war. Sie stammt aus der Feder Eike Schönfelds, eines begnadeten Literaturübersetzers, der unter anderem Vladimir Nabokov, Joseph Conrad, Oscar Wilde oder Katherine Mansfield ins Deutsche übertragen hat. Doch nach gut 150 Jahren lässt sich auch Darwin nicht mehr nur als Wissenschaft, sondern auch als Literatur und Zeitdokument lesen – keine leichte Kost, aber durch Schönfeld lesbarer denn je, auch weil lateinische Fachbegriffe und fremdsprachige Passagen eingedeutscht wurden.

Was für den 1809 geborenen Forscher eine Theorie war, ist heute eine zumindest von Wissenschaftlern unbestrittene Gegebenheit. Evolution findet statt, und keine Kausalfrage der Biologie ist mehr hinreichend zu klären, ohne dass die Evolutionslehre miteinbezogen wird. „Das gesamte Denken der heutigen Menschen wird vom Evolutionsgedanken zutiefst beeinflusst – man ist sogar versucht, zu sagen: bestimmt“, schreibt der Biologe Ernst Mayr in seinem Standardwerk „Das ist Evolution“ (2001). Darwin ist noch – oder wieder – aktuell. Auch in Hinblick auf die sogenannten Kreationisten, die längst nicht mehr nur in Amerika, sondern auch in Europa Zuwachs verzeichnen und die biblische Genesis, anders als aufgeklärte Christen, wörtlich verstehen.

Mehr Aufmerksamkeit für naturkundliche Themen

Das Meer ist von jeher eine Metapher fürs Unbekannte, Unübersichtliche, auch Unheimliche. Für Nietzsche, der sich der epochalen Wirkung Darwins bewusst war, hatte ein wahrer Philosoph erst einmal bildlich in See zu stechen und alle vermeintlichen Gewissheiten über Bord zu werfen, bis er zur Erkenntnis gelangt. Durch den tatsächlichen Seefahrer Darwin sei „das Sein zum Werden geworden“, heißt es nun im Nachwort des Zoologen Josef H. Reichholf. In seiner Monografie „Darwin und Foucault“ (2009) führt der Historiker Philipp Sarasin die Evolutionstheorie mit dem archäologisch-genealogischen Denken Michel Foucaults zusammen. Die Moderne, so Sarasin, „akzeptiert nichts Gegebenes, auch keine göttlich abgeleitete Ordnung, ohne sie kritisch zu befragen und für veränderbar zu halten. Darwin war ein radikaler Anti-Essentialist: Es gab für ihn nichts, was stabil ist oder wesentlich, nichts, was dauerhaft bleibt. Alles ist fortgesetzte Veränderung.“ Insofern räumte Darwin auch mit der Hegel'schen Schimäre eines „Weltgeists“ auf, der die Idee eines großen Plans oder Endzwecks barg. An dessen Stelle traten mit Darwin fortan Zufälle, Diskontinuitäten und Brüche.

Abstammung vom Affen. Zeitgenossen haben Darwin verspottet.
Abstammung vom Affen. Zeitgenossen haben Darwin verspottet.Foto: picture-alliance

Der Klimawandel, Plastikmüll in den Meeren und das drastische Sterben von Insekten und Vögeln haben die Aufmerksamkeit für naturkundliche Themen gesamtgesellschaftlich verschärft – eine Erklärung für die derzeitigen Höhenflüge der Grünen. Das Interesse spiegelt sich aber auch in der Literatur, in Bestsellern wie Peter Bertholds „Unsere Vögel“, Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“ oder in den Neuauflagen der Reiseliteratur von Georg Forster, Alexander von Humboldt, von Sellow, Wied-Neuwied, Chamisso und nicht zuletzt von Darwins großem Konkurrenten Alfred Wallace, der zeitgleich eine Evolutionstheorie entwickelte und auf den er in seinem Hauptwerk mehrfach Bezug nimmt.

Bei Matthes & Seitz Berlin erscheinen in der Reihe „Naturkunden“ seit einigen Jahren Bücher über Tiere und Pflanzen, verlegt werden dort aber auch die brillanten „Erinnerungen eines Insektenforschers“ von Jean-Henri Fabre, der mit Darwin im Briefkontakt stand. Dietmar Dath schrieb mit seinem Roman „Die Abschaffung der Arten“ (2008) eine Dystopie ähnlich der X-Men-Filmreihe von Marvel, die jeweils unmittelbar auf die Evolutionstheorie Bezug nimmt, in Thea Dorns „Die Unglückseligen“ (2016) forscht eine Molekularbiologin an Zebrafischen zur Unsterblichkeit und Judith Schalanskys Erfolgstitel „Der Hals der Giraffe“ (2011) spielt auf Jean-Baptiste de Lamarck an, nach dessen Vorstellung sich Organismen ihren Bedürfnissen gemäß an ihre Umwelt anpassen, wie eben die Giraffe, die durch immer stärkeres Strecken an immer höher hängende Blätter gelangt.

Von Vererbung wusste Darwin noch nicht viel

Man kennt das aus dem Biounterricht. Mit dem Erscheinen der Evolutionstheorie erübrigten sich Lamarcks Gedanken – dachte man. Heute wissen wir, dass der Franzose so falsch nicht lag. Erworbene Eigenschaften können vererbt werden. Von Vererbung wiederum wusste Darwin noch nicht viel. Eine bahnbrechende Veröffentlichung hatte er zwar von einem gewissen Gregor Mendel zugeschickt bekommen, aber nie geöffnet.

Auch Schalanskys neues, essayistisches Buch kommt übrigens, obgleich es Kulturgeschichte erzählt, ohne Naturkunde nicht aus. Es heißt „Verzeichnis einiger Verluste“. Zu diesen zählt auch der Kaspische Tiger, eine ausgestorbene Art. Konzipiert ist das Buch nach dem Modell von Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“. In diesen wäre auch Charles Darwin bestens aufgehoben gewesen. Die Neuübersetzung ist als großer Gewinn zu verzeichnen.

Charles Darwin: Der Ursprung der Arten. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Klett-Cotta 2018, 700 S., 48 Euro. Buchpräsentation mit dem Literaturkritiker Denis Scheck, dem Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf und dem Übersetzer Eike Schönfeld an diesem Mittwoch, 14. 11., 19.30 Uhr, Museum für Naturkunde Berlin (Sauriersaal), Eintritt frei

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