Stemann: "Wir sind nicht Teil der Lösung, wir sind Teil des Problems."

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Nicolas Stemann eröffnet Theatertreffen : „Habt ihr einen Schaden?“
Der Regisseur Nicoals Stemann vor dem Haus der Berliner Festspiele.
"Wir sind nicht Teil der Lösung, wir sind Teil des Problems." Der Regisseur Nicoals Stemann vor dem Haus der Berliner Festspiele.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Welche Rolle ist das?
Wir als Gesellschaft neigen dazu, von ihnen als gesichtsloser Masse zu sprechen: „Die Flüchtlinge“. Was außer Acht lässt, wie verschieden ihre nationalen, kulturellen und ihre Bildungshintergründe sind. Das andere ist die rechtliche Situation. Die lässt den Menschen, die hierherkommen, keine andere Wahl, als die Rolle des Flüchtlings zu spielen: Asylverfahren zu durchlaufen, sich in den Zustand der Duldung zu begeben, was heißt, letztlich rechtlos und jederzeit von Abschiebung bedroht zu sein. Ich kenne Leute, die seit Jahren in diesem Zustand leben – die sind von dieser aufgezwungenen Rolle völlig zerstört.

Ihre Inszenierung gipfelt in dem Satz: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen.“ Damit haben Sie das zentrale Problem benannt. Auch gebannt?
In dem Sinne gebannt, dass man es zeigt. Aus diesem Problem ist keiner draußen, egal, wie er sich mit dem Thema beschäftigt. Wir sind nicht Teil der Lösung, wir sind Teil des Problems. Insofern ist der Satz eine Warnung, sich vorschnell einzurichten in der falschen Betroffenheit oder dem vermeintlich richtigen Bewusstsein.

Werden die Flüchtlinge als Darsteller eigentlich bezahlt?
Ja, aber das hat auch an allen Orten, wo wir gespielt haben, zu Konflikten geführt. Weil es Menschen sind mit ungeklärtem rechtlichen Status. Und die kann man nicht einfach nach den Regeln der Institutionen bezahlen. Man muss also Wege finden, die schnell in rechtliche Grauzonen führen. Und vor denen haben die Institutionen eine gewisse Angst. Das war ein langes Ringen.

Hatten Sie nie Berührungsängste im Umgang mit ihnen?
Doch. Man kennt die Menschen anfangs nicht, hat Angst, ihnen zu nahezutreten, bestimmte Traumata zu triggern. Ganz einfach: Wenn man von ihnen verlangt, ein Kostüm anzuziehen, das ihr Gesicht verhüllt und sie mehrere Minuten in so einer Situation verharren sollen, wo es heiß ist, wo man schwitzt – da muss man schon sehr präzise erklären, was der Vorgang ist. Sonst fragen die zu Recht: Habt ihr einen Schaden? Aber sie verstehen genau, worum es geht. Ich war jedes Mal sehr angetan von diesen Begegnungen.

Sie haben die Arbeit mit Flüchtlingen in Amsterdam fortgeführt. Das Projekt mit dem Titel „Labyrinth“ ist zu den Autorentheatertagen am DT eingeladen – aber die Protagonisten dürfen nicht reisen.
Ich habe in Holland mit einer politischen Gruppe gearbeitet, die sich „We are here“ nennt, tolle Leute, die alle in einem rechtlichen Niemandsland gefangen sind: Ihre Asylanträge wurden abgelehnt, obwohl sie aus Bürgerkriegsgebieten wie Somalia oder Eritrea stammen – was eigentlich als Asylgrund reicht. Die haben schreckliche Dinge erlebt, können das aber nicht nachweisen, weil man dort in einer bestimmten Generation einfach keine Papiere hat, weder Geburtsurkunde noch Ähnliches. Abgeschoben werden dürfen sie aber auch nicht, weil sie aus eben diesen Ländern kommen und man dahin nicht abschieben darf. Ein bürokratischer Irrsinn. Die sitzen praktisch auf der Straße, teilweise seit Jahren, und dürfen gar nichts, auch nicht reisen. Wir haben uns entschieden, das Stück trotzdem zu zeigen, aber in dem Zustand, in dem das europäische Flüchtlingsrecht es zulässt. Ohne die Protagonisten.

Interview: Patrick Wildermann.

Aufführungen von „Die Schutzbefohlenen“ im Haus der Berliner Festspiele am 1. Mai, 19 Uhr und am 2. Mai, 19.30 Uhr

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