Die „NS-Tugend“ Disziplin

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NS-Vergangenheit Philologie : Führer und Geführte
Albrecht Buschmann
Der Romanist und NS-Verbrecher Hans Robert Jauß.
Der Romanist und NS-Verbrecher Hans Robert Jauß.Foto: Universität Konstanz

Hermlin, Schwerte, Grass – und jetzt wieder Jauß: Es ist erschütternd enttäuschend, wie stereotyp und würdelos unsere Großväter und Väter mit diesen Kapiteln deutscher Geschichte umgehen. Da ich selbst als Romanist tätig bin, greift mich der Fall auch als Wissenschaftler an, dem klar wurde, dass Jauß’ Theorie des Verstehens von Text und Welt von einem Autor stammte, der das Verstehen der Wahrheiten des eigenen Lebens nach Kräften zu behindern suchte.

Jauß’ Aufwertung des Lesers gegenüber dem Text war für mich produktiv, aber die darin eingeschriebene Selbstermächtigung des Interpreten gegenüber der Evidenz der Historie ging mir erst später auf. Ich fühlte mich für dumm verkauft. Dennoch merke ich bis heute, wie tief Jauß’ Denkfiguren in mir stecken. Schlaffer spricht von einem „Dämon“. Er lebt, auch im Leitbild einer in objektivierendem Gestus daherkommenden schneidig kompetitiven Wissenschaft, in der die Besten nicht mehr mit Nahkampfspange oder Eisernem Kreuz, sondern akademischen Pfründen belohnt werden.

Kommen wir also dazu, wie Schlaffer die Jauß’sche Form der Nachwuchsausbildung beschreibt: „Bei den Kolloquien nun regierte eine ‚Tugend‘, die ebenfalls zur Grundausstattung eines autoritären Staates gehört, wie es das ‚Dritte Reich‘ war: Disziplin. Den Eigenwillen des Einzelnen kann ein solcher Staat nicht brauchen. Gegenseitige Verantwortung verbindet den Führer mit dem Geführten. Jauß gehörte, im Krieg wie im Frieden, als Mitglieder der Truppe wie der scientific community, einer Mannschaft an, und diese funktionierte durch Disziplin.“

Jauß war Täter, Ausbilder und hochdekorierter Frontoffizier

Waren wir uns nicht seit Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes einig, dass 1933 bis 1945 eine Diktatur in Deutschland herrschte, kein „autoritärer Staat“? Die „Eigenwilligen“, die dem vom Führer gelenkten Volkswillen widersprachen, „kann der Staat nicht brauchen“? Übersetzen wir den Euphemismus präzise: Die NS-Diktatur hat physisch vernichtet, wen sie als den anderen mit eigenem Willen identifizierte. Was aber kann an diesem Prinzip gut sein in der Wissenschaft?

Es folgt eine affirmative Umschreibung des Führerprinzips, wonach „Führer“ und „Geführte“ über einen Wert verbunden seien. Historisch aber beruhte das Führerprinzip gerade auf bedingungsloser Unterordnung; allenfalls in den Narrativen der Propaganda waren Führer und Volk eine Schicksalsgemeinschaft. Folglich kann der Satz über „Führer und Geführte“ nur sinnvoll verstanden werden, wenn ihm nicht die Realität, sondern der Glaube an das Narrativ der Propaganda hinterlegt ist. Und zum Abschluss der Passage werden – „im Krieg wie im Frieden, als Mitglieder der Truppe wie der scientific community“ - Kampf und Kolloquium parallelisiert.

Fazit: Die hervorstechende Qualität der Jauß’schen Nachwuchsschmiede sei ihre Vermittlung militärischer Prinzipien gewesen. Da fällt es nur noch am Rande in Gewicht, dass er weder im Krieg noch im Kolloquium „Mannschaft“ war und auch nicht, wie es bei Schlaffer heißt, „einer der namhaften Zeugen jener dunklen Phase der deutschen Geschichte“. Jauß war nicht Mitläufer oder einfacher Soldat: Er war Täter, als Ausbilder auch für Rassenkunde wie als hochdekorierter Frontoffizier.

Wie viel „Tugenden“ haben wir übernommen?

„Opa war kein Nazi“ lautet der Titel einer klugen Studie über die Erzählmuster familiärer Erinnerung. Wenn Schüler und Freunde sich an Hans Robert Jauß als einen Menschen erinnern, dem sie eng verbunden waren, so ist dies ihr gutes Recht. Aber die öffentliche Figur Jauß ist zu wichtig, um die Deutungshoheit denen zu überlassen, die ihn umstellt von böswilligen Kritikastern sehen. Warum eigentlich glauben seine Verteidiger unbedingt als Verteidiger reagieren zu müssen? Im Grunde geht es heute nicht mehr allein um Jauß, der ist vor bald 20 Jahren gestorben. Es geht um die Frage, wie viel von den aus der NS-Erfahrung übernommenen „Idealen und Tugenden“ heute noch in den Philologien fortwirken. Und was das für unser Denken bedeutet.

Der Autor lehrt spanische und französische Literatur- und Kulturwissenschaft in Rostock.

Im Berliner Kadmos Verlag ist zum Thema soeben Ottmar Ettes Essay "Der Fall Jauss. Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie" erschienen (160 Seiten, 19,90 €.)

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