Kultur : Ölfarben statt Ölquellen

Festival der Wertanlagen: Die „Gulf Art Fair“ in Dubai demonstriert die Macht der Finanzwelt

Paul Kaiser

Schon der Tagesplan in Dubais Madinat Jumeirah Arena hat symbolische Qualität: Im Hauptsaal des teuersten Hotels der Welt tagen exklusiv Hedgefonds-Manager. Nebenan eröffnet Omar Bin Sulaiman, Direktor der Dubaier Börse, die erste internationale Kunstmesse am Golf – die bis morgen dauernde „Gulf Art Fair“, an der 51 Galerien mit Werken im Wert von mehr als 100 Millionen US-Dollar teilnehmen.

Ungeniert existiert die Allianz von Finanzwelt und Kunstmarkt seit einigen Jahren. In Dubai erreicht sie indes eine neue Qualität: So offen wie hier kooperierten Kunst und Investment noch nie. Deutlich wird dies bereits im Organisationsmodell. Gestartet als Privatinitiative des mäßig erfolgreichen Londoner Galeristen John Martin erregte die „Gulf Art Fair“ bald das strategische Interesse des Herrscherhauses. Prinzessin Haja Bint al Hussein übernahm als Ehefrau des regierenden Scheichs die Schirmherrschaft. Erst im Februar wurde aus der privaten Kunstmesse dann ein staatlich gefördertes Imageprogramm: Das Dubai International Financial Centre (DIFC) übernahm die Partnerschaft. Seitdem ist ein Scheitern des Projekts, glaubt man den mit den Gepflogenheiten vertrauten Insidern, nicht mehr vorstellbar.

Klotzen, nicht kleckern ist angesagt. Wer am Eröffnungstag das Defilee sah, mag dieser Prognose zustimmen: Prominente Emiratis und zahlungskräftige Nadelstreifen-Expatriates, die den wohlhabenden Mittelstand der aus aller Welt zugezogenen Developer, Finanzmakler und Unternehmer ausmachen, brachten Stunden auf der Messe zu. Demonstration eines Trends: Ganz Dubai entdeckt derzeit Kultur als „Programm der Nachhaltigkeit“, wie das der jüngste Neuzugang in der Elite der Turboentwickler, der Berliner Ex-Opernchef Michael Schindhelm, formuliert. Ähnlich wie im Nachbaremirat Abu Dhabi bereits ein Masterplan von Museumsbauten existiert, setzt man in Dubai – neben vielen anderen Megaplänen – auf eine Zukunft als Plattform des Kunstmarkts.

Keine staatliche Erfolgsgarantie nimmt den Galerien allerdings die heikle Frage ab, mit welcher Kunst man hier reüssieren kann, ohne die kulturellen und religiösen Wertevorstellungen der Emiratis zu verletzten. Im Vorfeld mussten die Galeristen deshalb Fotos der Werke schicken, die sie zeigen wollten. Von Zensur will aber keiner sprechen, da auch kritische Werke zu sehen sind – wie das Objekt des Russen Andrei Molodkin (Galerie Kashya Hildebrand, Zürich), der Worte wie Demokratie mit Altöl füllt.

Auffallend ist der fast völlige Verzicht auf die menschliche Figuration. Als hätten die Kritiker recht bekommen, die diesem Hype ein baldiges Ende prognostizierten, fehlen an den Ständen großer Galerien – von White Cube (London) über Diana Lowenstein (Miami) bis Krinzinger (Wien) – die Trendsetter aus New York, Leipzig oder Schanghai. Als Lückenfüller taugt altbekanntes Material der amerikanischen Pop-Art und puristische Sachfotografie. Fast omnipräsent wirkt die Abstraktion, die starke Bezüge zum Bildprogramm der islamischen Kunst besitzt. Vielen Galerien ist indes die Unsicherheit noch anzumerken, die ihnen der Spagat zwischen der Innovationspflicht des westlichen Kunstmarktes und den traditionalen Codes des Orients aufzwingt. Inwieweit es gelingt, diese Differenzpflicht aufzulösen, wird für das internationale Renommee der „Gulf Art Fair“ entscheidend sein.

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