Oneohtrix Point Never : Auf Marsmission

Musik, die man vielleicht erst in 5000 Jahren versteht: der Avantgarde-Elektroniker Oneohtrix Point Never im Funkhaus Nalepastraße.

Daniel Lopatin alias Oneophtrix Point Never.
Daniel Lopatin alias Oneophtrix Point Never.Foto: Warp

Links und rechts vor der Bühne des Konzertsaals im Funkhaus Nalepastraße hängen zwei seltsame Figuren von der hohen Decke herab. Sie sehen aus, als hätte sich der Schweizer Künstler HR Giger diese als Vorlagen für einen japanischen Anime ausgedacht. Wie Aliens zum Knuddeln. So sehen sie vielleicht aus, die Spezies der fernen Zukunft, die uns Menschen einst nachfolgen werden.

Der US-Soundtüftler Daniel Lopatin, der sich Oneohtrix Point Never nennt, hat sich eine krude Rahmung für die Live-Umsetzung seines aktuellen Albums „Age Of“ ausgedacht, zu der auch diese Skulpturen gehören. Eine Art Science-Fiction-Geschichte mit musikalischer Begleitung. Darin kommt ein Wesen mit künstlicher Intelligenz, das sich in seiner tollen Allwissenheit ein wenig langweilt, auf die Idee, lieber wieder den Menschen ähneln zu wollen. Also schaut es mal nach, was die Menschen einst so getrieben haben und vor allem: Welche Musik sie gehört haben. Für den Schnellcheck gibt es praktischerweise die Platte „Age Of“, wo Jazz, Fusion, Progrock, Electronica, ach, einfach alles miteinander verwoben wurde. Eine Platte, die in Berlin unter dem Titel „Myriad“ aufgeführt wird wie eine Oper.

Eine irre Ballade für Iggy Pop

Lopatin hat eine rasante Karriere hingelegt. Vor zehn Jahren war er noch ein Elektronikbastler, der Musik für Nerds produziert. Kosmische Elektronik mit einem artifiziell anmutenden Hang zum Fusion-Jazz war das. Dann wurde schnell alles anders, opulenter, größer. Er komponierte Soundtracks, schrieb letztes Jahr Iggy Pop eine irre Ballade auf den ausgemergelten Leib und gilt inzwischen als Wunderkind der Avantgarde-Elektronik.

Und er singt jetzt auch. Umrahmt von zig elektronischen Klangerzeugern sitzt er in der Bühnenmitte und erhebt immer wieder seine mit Autotune leicht verfremdete Stimme. Um ihn herum werkeln drei weitere Musiker. Die liefern die immer wieder auftauchenden Cembaloklänge und der Drummer sorgt dafür, die Künstlichkeit der Klänge zu erden. Man treibt hinein in einen Strudel unerklärbarer Töne. Mal hören sich mächtige Synthie-Fanfaren an wie die Begleitmusik einer Marsmission, im nächsten Moment fühlt man sich an eine Ballade der späten Pink Floyd erinnert. Große Songs deuten sich an, zerfallen, alles bewegt sich nun in eine ganz andere Richtung. Ist das Science-Fiction-Jazz? Alien-Prog? Vielleicht wird man das, was hier passiert, erst in 5000 Jahren verstehen können.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!