Open Mike Wettbewerb : Der Nachwuchs liefert wilde Lyrik

Der Literaturwettbewerb Open Mike lebt. Im Heimathafen Neukölln überzeugten vor allem die jungen Lyrikerinnen und Lyriker das Publikum.

Frederic Jage-Bowler
Gedichte mit Risiko. Lara Rüter gewann beim Open Mike einen von drei Preisen.
Gedichte mit Risiko. Lara Rüter gewann beim Open Mike einen von drei Preisen.Foto: Mirko Lux

Geschmack von Pommes im Mund, mehlig und zu stark gewürzt. Nachwehen des Nachwuchs-Literaturwettbewerbs Open Mike im Heimathafen Neukölln. Ekel und Anziehung, Formbares und Festes waren da auf seltsame Weise vereint. In der Tat hatte man sich in den insgesamt 20 vorgetragenen Texten mehr als nur ein paar „Fritten gegönnt“. Wahlweise „aufgedunsen“, „labbrig“, „lauwarm“ oder „schlaff“, erschienen sie nicht unbedingt ideal. In diesen Texten, schien es, bestimmten Ernährung und Verdauung das Bewusstsein, nicht das Sein. Aber verrät das wirklich etwas über den Zustand der jungen deutschsprachigen Literatur? Gibt es eine Fastfoodisierung der Kultur? Und ersetzt der (lyrische) Darm wirklich das Herz oder das Gehirn?

Fragen über Fragen, also zurück zum Anfang. Der Open Mike findet seit 1993 alljährlich in Berlin statt, und obwohl der seit über zehn Jahren maßgeblich beteiligte Förderer, die Crespo Foundation, ab 2020 ausfällt, ist auf Fortsetzung zu hoffen. Die Nachfrage für einen solchen Nachwuchspreis ist schließlich groß. Denn auf Buchmessen liest nur, wer schon verlegt ist. Und Poetry Slams kämpfen nicht nur mit einem Mangel an literarischem Anspruch, sondern auch mit eklatantem Besuchermangel.

Das Format des Open Mike ist einfach. Kurze, kostenlose und dementsprechend sehr gut besuchte Lesungen unveröffentlichter Texte von jeweils 15 Minuten, ein paar Tage Dauerrausch. Dazwischen: Kaffeetrinken und Gespräch, Lyrikbegeisterte, Hornbrillenträger, Verlegernasen und Agentinnen in dunkelblauen Blazern, ein Haufen Journalisten. Der Ruf des Open Mike reicht inzwischen weit. Allein in diesem Jahr konnten mit Inger-Maria Mahlke (Deutscher Buchpreis), Lucy Fricke (Bayerischer Buchpreis) und Terézia Mora (Büchner-Preis) drei einstige Gewinnerinnen auftrumpfen. Vergeben werden drei Preise, von denen mindestens einer für Lyrik reserviert ist.

Ein ergiebiger Jahrgang

Dotiert sind sie mit insgesamt 7 500 Euro, dazu gibt es seit 2007 einen von der „taz“ gestifteten Publikumspreis. Als Jury fungiert ein jährlich wechselndes Trio. Diesmal bestand es aus den Schriftstellerinnen Katja Lange-Müller und Lucy Fricke sowie dem Lyriker Steffen Popp. Aus über 500 Einsendungen wurden – anonymisiert – die besten ausgewählt. Dafür zuständig war ein Team aus Lektoren, das ebenfalls jedes Jahr ausgewechselt wird. Als Bewerber kommen alle infrage, die unter 35 Jahre sind und ohne Buchveröffentlichung.

Dass diese Ausgabe ein gerade für die Lyrik ergiebiger Jahrgang werden sollte, zeichnete sich von Beginn an ab. Am Samstagmittag las Caren Jeß, später mit dem Publikumspreis belohnt, aus ihrer „Ballade von Schloss Blutenburg“, einer erfolglosen Geisterjagd. Dafür aber gab es einen „Tümpel / der dalag / phlegmatisch und sumpfig“, sowie jede Menge Schleim: „ich strich / mit dem Finger / dem Zeigefinger / hindurch / und probierte. / Da sprach / die Buche / dein Gieren / nach Unschuld / lässt tief blicken.“ In Haltung und Vortragsweise war das schon kaum zu überbieten. Zuvor hatte Ulf Stolterfoht, exklusiv für die Lyrik-Auswahl zuständiger Lektor, verlauten lassen, dass er sich bei keinem der Texte sicher sei, ob er selbst sich getraut hätte, sie zu schreiben. „Risikobereitschaft“ war sein Stichwort. Wer Stolterfohts eigene Gedichte kannte, wurde da bereits hellhörig.

Lautmalerische Schönheit

Eine ähnliche Vorliebe für halbfeste Formen bewies Lara Rüter: „als wär es eine lüge, die in folie / eingeschlagen reift / sich an glukose labt / bis sie einer schrumpffrucht gleicht / runzelmango. Und weiter: „Nicht fleisch / sondern mehrschichtiges nussfleisch / hirn“. Abschließende Frage: „Heb ich dich also an / wer sagt / dass du darunter lebst“? Schwer greifbar auch, wie Kyrill Constantinides Tank seinen Zyklus „alles üλη nix είδος“ (der Titel bedeutet so viel wie „Alles Materie nix Gestalt“) vorträgt, zögernd und mit langen Pausen: „Spaxen, Dachsen, Dachen, Lachen, / Lachsen Laichen Leichen Weichen / Schmatzen Ratzen Dübel Übel / Faxen Schwarte Abrackern Abraxas", hallt es durch den Saalbau.

Beiträge von lautmalerischer Schönheit, die sich dem gängigen Blick entziehen. Völlig verdient gingen zwei der drei Jurypreise an Rüter und Constantinides Tank. Und was trieb die Prosa-Kohorte? Bummelte um die Welt, sprach englisch, checkte ihr Smartphone. Man hatte eine Menge zu erzählen. Hatte es vermutlich auch wirklich erlebt, eben nicht nur erfunden. Manchen Texten aber mangelte es an Selbstüberwindung und auch der von Ulf Stolterfoht beschworenen Risikobereitschaft.

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Gelungene Ausnahmen waren im schmucklosen angloamerikanischen Erzählmodus Christian Hödls Beitrag oder Yade Önders wunderbar freie, nachgerade experimentelle „bulimieminiaturen“, die als einziger Prosatext ausgezeichnet wurden. „um mich herum nur pute und pommes, twix und nutella. zusammen sind wir fünf“, heißt es dort. Wie passend.

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