Oratorium-Wiederentdeckung im Konzerthaus : Prophet wider Willen

„Des Jona Sendung“ von Rudolf Tobias beim Baltikum-Festival - ein wiederentdecktes Oratorium im Konzerthaus.

Der Dirigent Neeme Järvi.
Der Dirigent Neeme Järvi.Foto: Simon van Boxtel

Das monumentale Oratorium „Des Jona Sendung“ erlebte unter der Leitung seines estnischen Komponisten Rudolf Tobias 1909 in Leipzig eine völlig verunglückte Uraufführung und geriet bald in Vergessenheit. In den 70ern wurde die Partitur wiederentdeckt und als zentrales Opus der estnischen Nationalmusik aufgeführt. Kaum jemand hat sich um das Werk so verdient gemacht wie der ebenfalls in Estland geborene Neeme Järvi, der die unmäßige Komposition nun auch im Rahmen des Festivals „Der Klang des Baltikums“ im Konzerthaus dirigiert.

Das unverkennbar als Hauptwerk intendierte Oratorium teilt mit Mendelssohns „Elias“ einen zwischen Zweifel und Gotteseifer schwankenden Helden aus dem alten Testament, die eingesetzten orchestralen Mittel lassen dagegen auf eine Wahlverwandtschaft mit Wagner und vielleicht auch Mahler schließen. In der Instrumentierung gibt es schöne Details, etwa, wenn Holzbläser über den Orchesterwogen jubilieren oder Englischhorn und Flöten einen Choralgesang des Kinderchors mit Ornamenten und Seufzermotiven versehen. Der brachiale Gestus, die Häufung von Fortissimo-Passagen machen auf die Dauer allerdings nervös.

Chöre aus Lettland und Berlin

Man kann zwar nicht bestreiten, dass diese Musik effektvoll ist; aber doch eher in dem Sinne von Wagners Definition, derzufolge Effekte Wirkungen ohne Ursache sind. Die nach dem Vorbild der unendlichen Melodie gestalteten Stimmverläufe gewinnen keine Gestalt, den Leitmotiven fehlt Prägnanz, und die Harmonik schweift ziellos durch die Tonarten. Von geradezu komischer Wirkung ist es, wenn einer massiven Chorfuge zum Ende des ersten Teils ein unpassender Dur-Akkord aufgepflanzt wird. Und wenn das Maximum des Klangs erreicht scheint, setzt zuverlässig die Orgel ein.

Als Dokument des zur Entstehungszeit angesagten Monumentalismus und des musikalischen Beitrags zur nationalen Unabhängigkeit (Estland erreichte sie erst in Tobias’ Todesjahr 1918) ist das Werk dennoch interessant. An der Aufführung mit einem hochkarätigen Solisten-Quintett, dem estnischen nationalen Sinfonieorchester und Chören aus Lettland und Berlin gibt es ohnehin nichts auszusetzen. Ohne selbst je eine Miene zu verziehen, vermag es der unerschütterlich souveräne Neeme Järvi, beträchtliche Leidenschaft bei seinen Musikern zu entfachen.

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