Originalklang-Reihe in der Philharmonie : Wider die wohlige Schwermut

Alte Musik: Mezzosopranistin Lucile Richardot und das Ensemble Correspondances spielen im Kammermusiksaal.

Mit weitem Horizont. Die Solistin Lucile Richardot
Mit weitem Horizont. Die Solistin Lucile RichardotFoto: Igor Studio

Musik und Melancholie begleiten einander als treue Gefährten. Beide verbindet eine gesteigerte Wahrnehmung der Vergänglichkeit, da doch jeder Ton nach seinem Erblühen alsbald wieder verklingen muss.

Zugleich aber gelingt es der Musik, die Gesetze der Zeit für Minuten außer Kraft zu setzen, wenn eine Arie oder ein Lied sich aufschwingen zu einer kleinen Ewigkeit voller Glück und Schmerz. „Viele werden beim Anhören von Musik melancholisch“, diagnostiziert der englische Geistliche Robert Burton in seinem Schwermut-Bestseller des 17. Jahrhunderts, „aber es ist eine lustvolle Melancholie, die dabei entsteht“.

Laute, Orgel und Melancholie

Wie sich die Bitternis, die in Trennungsschmerz, unerfüllter Liebe und Tod steckt, doch gerade noch ertragen lässt, davon singt ein Abend mit englischer Musik des 17. Jahrhunderts im Kammermusiksaal. Im Rahmen ihrer Originalklang-Reihe hat die Stiftung Berliner Philharmoniker das französische Ensemble Correspondances eingeladen. Unter dem Titel „Perpetual Night“ präsentiert es eine feinsinnige Programmauswahl mit Musik, die um den Klang der Laute herum kunstvoll ein Kaleidoskop farbiger Schatten entwirft, die zwischen Blockflöte, Harfe und Streichern umherwandern.

Den von Sébastien Daucé an der Orgel aufmerksam angeleiteten Musikerinnen und Musikern könnte man eine ganze Weile zuhören, ohne sich dabei in den Schlaf flüchten zu wollen oder an der geballten „Sweet Melancholy“ festzukleben wie die sterbende Fliege auf dem Leimstreifen.

Richardots Stimme hat einen herben Zauber

Dass man niemals aufhört, den klagenden Klängen zu folgen, liegt aber vor allem an Lucile Richardot. Die Berufsbezeichnung Mezzosopranistin verrät nur wenig von dem herben Zauber, den ihre Stimme zu entfachen vermag. Wer sie im Monteverdi-Zyklus von John Eliot Gardiner beim Musikfest 2017 erleben konnte, geriet unweigerlich in ihren Bann.

Richardots Verkörperung der verzweifelten Penelope, die sich zunächst mit allen Kräften einer einsamen Seele gegen den Spätheimkehrer Odysseus wehrt, war von unvergleichlicher Intensität. Ihre Stimme kann in einer Sekunde wie von trockenem Edelholz sein, dunkel ausgehärtet und aller weiblichen Anklänge komplett enthoben, in einer darauffolgenden aber schwerelos in die Höhe streben und dazwischen die Seele berühren.

Sie hinterfragt die Trauergesten der Musik

So, wie Lucile Richardots Stimme vermeintliche Geschlechtergrenzen überspringt und damit tradierte Rollenverteilungen aufbricht, hinterfragt sie auch die Trauergesten der Musik. Sie ergibt sich selten widerstandslos und schreckt allzu wohlige Schwermüter unter ihren Zuhörern durch blitzschnelle Volten auf. Der Schmerz ist für sie nichts, woran man sich gewöhnen sollte, auch wenn er noch so zartschmelzend ausgemalt wird.

Richardot hat sich erst im Alter von 27 Jahren nach einer Karriere als Journalistin ganz dem Singen gewidmet. Ihre Stimme reicht tief, ihr Horizont spannt weit. So steigt sie als Orpheus hinab in den Hades, der ihr nichts verwehren kann, teilt das Los der Liebenden und ihrer verblassenden Begierden, singt sich das Echo als Zeugen ihrer Pein herbei.

Sie verschmilzt ganz im Chorgesang mit den Solistinnen und Solisten des Ensemble Correspondances und tritt leuchtend aus ihnen hervor. Lucile Richardot feiert die Musik als Kunst des Protests gegen die Vergänglichkeit, als „Triumph über das Scheitern im Scheitern“, ganz so, wie Burton es in seiner Enzyklopädie der Melancholie formuliert.

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