"Palast aus Glas" von Cornelia Funke : Neue Geschichten aus dem "Reckless"-Universum

Cornelia Funke reist mit "Palast aus Glas" wieder durch ihre Spiegelwelt und verbeugt sich dabei vor Künstlern wie Rodin oder Ricardo Velázquez Bosco.

Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke.
Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke.Foto: Christophe Gateau/dpa

Es ist schon längere Zeit ein Selbstläufer, sagen wir, seit der „Tintenwelt-Trilogie“, wenn ein neues Buch von Cornelia Funke erscheint. Bestsellerplatzierungen und gute Verkäufe sind garantiert, so wie zuletzt bei ihrem Roman „Das Labyrinth des Fauns“, den Funke mit dem Filmregisseur Guillermo del Toro entwickelte, ihr erstes Buch übrigens auf Englisch. Das neue hat Funke wieder auf Deutsch geschrieben: „Palast aus Glas“. (Dressler Verlag, Hamburg 2019. 205 Seiten, 18 €. Ab zehn Jahren)

Doch ist auch diese Veröffentlichung keine neue Kreation, die Erschaffung eines neuen Kosmos, so wie die Vorlage für „Das Labyrinth des Fauns“ del Toros Film „Pans Labyrinth“ war, sondern basiert auf Funkes „Reckless“-Trilogie.

„Palast aus Glas“ versammelt acht bislang unveröffentlichte Geschichten zu einem halben Teil mit ihren „Reckless“-Helden Jacob und seiner Freundin, der Füchsin. Damit auch diejenigen sich zurechtfinden, die die Trilogie nicht kennen, haben die Schriftstellerin und ihr Verlag drei von Funke auch noch überarbeitete Leseproben aus „Steinernes Fleisch“ angefügt, dem ersten „Reckless“-Teil.

In diesen erfährt man, wie alles anfing, als Jacob hinter einem Spiegel in seines Vaters Arbeitszimmer verschwindet und nach verlorenen Zauberdingen zu suchen beginnt, „meist im Auftrag von Königen oder Fürsten“; wie sein Bruder Will der Versteinerung anheimfällt und sich in der Welt zurechtfinden muss („Aber wie sollte er in ihr leben mit einer Haut, die sich in Jade verwandelt?“); und wie schließlich noch der aggressive Steinmensch, der Goyl, auf den Plan tritt.

Funke erzählt wie Celeste zur Füchsin wurde

Das ist einerseits hilfreich, zeigt andererseits aber auch, dass die weitreichenden, großen „Reckless“-Geschichten von Cornelia Funke schon erzählt worden sind. Und dass dieses Buch ein ganz hübscher Nachklapp für Fans ist – und es sicher auch ein Wegweiser für Funke-Unkundige in die „Reckless“-Welt sein soll.

Wer zum Beispiel nicht weiß, was es mit der Füchsin auf sich hat, „Fuchs“ genannt, wird womöglich der kurzen Geschichte über Celeste, das Kleid, das sie eines Nachts an der Türschwelle ihres Elternhauses findet, und ihrer Verwandlung zur Füchsin etwas verständnislos begegnen: Warum erzählt sie das?

Doch Funke vermag das alles so schön und auf den Punkt hin zu erzählen, etwa was passiert, als Celeste das feurig rote und superweiche Kleid überzieht, dass diese Geschichte locker für sich steht:  „Und plötzlich war ihr Körper leicht und schnell. Das Fell war nicht länger ein Kleid, sondern ihre Haut. Ihre Augen tranken das Licht der Sterne und die Nacht wurde hell wie der Tag. Die Luft war schwer von der Witterung von Hase und Vogel. Sie wollte sich im Gras wälzen und im Schoß der Erde schlafen. Oh die Glückseligkeit.“

Immerhin ist diese kurze Story die zweite dieses Bandes, sodass man eine gute Vorstellung davon hat, wer an Jacobs Seite zum einen auf der Suche nach einer wertvollen Geige in einem geheimnisvoll stillen Haus in Stockholm ist, zum anderen, wer mit ihm durch Hamburg zieht: „Er hatte noch nicht herausgefunden, wie alt sie war. Zwölf? Vierzehn? (...) Die Füchsin war so erwachsen – manchmal so viel erwachsener als er selbst.“

Funkes Welt ist eine wundersame, voller Hobs, Nissern, Däumlinge etc.

Natürlich sind in diesen Geschichten die Märchen der Brüder Grimm präsent, deren Motive. Und ist die Industrialisierung im vollen Gang, ob in Londra, Vena oder Hammaburg, wie Funkes Städte heißen, die Städte hinter den Spiegeln, die denen davor trotzdem wie Geschwister gleichen; und natürlich wird auch hier die Welt bevölkert von Trollen, Heinzels und Nissern, von Hobs’ und Däumlingen, von Irrlichtern und Schattenhunden.

Es ist ein gleichermaßen magischer wie realistischer Kosmos, in dem Jakob, Fuchs und die anderen unterwegs sind. Da schlägt sich in der vielleicht schönsten Geschichte des Bandes die junge Tabetha als Junge in einem Dickens-London durch und findet in der Themse eine Scherbe, die zu einem Glas gehört, das Blei und Gold beschert (ihre Helferin ist eine gewisse Ofelia, die durchaus Züge der „Labyrinth-des-Fauns“-Heldin trägt).

Oder da verbeugt sich Cornelia Funke vor dem spanischen Architekten Ricardo Velázquez Bosco, der im 19. Jahrhundert in Madrids Retiro-Park einen Glaspalast errichten ließ; oder sie widmet dem noch viel berühmteren Bildhauer Auguste Rodin auf gerade einmal drei Seiten eine Art Erweckungsgeschichte, darüber, wie es kam, dass für Rodin „der Stein nie wieder aufhörte zu atmen.“

Doch die Welt von Cornelia Funke, die Welt hinter diesen Spiegeln, sie ist eine wundersame, eine, in der es haufenweise Initiationen gibt, kreative Explosionen – und sie ist doch auch eine, in der Zugehörigkeit eine Rolle spielt, die Sehnsucht danach, einen Platz in der Welt zu finden, und nicht zuletzt: die Liebe. Muss man noch erwähnen, wie gut Funke erzählen kann, wie smart und gefällig sie sprachlich ihre Spiegelweltreise organisiert, wie schnell man sich ohne Pein hier verzaubern lassen kann? Vermutlich nicht.

Deshalb dürfte nicht zuletzt das Kalkül aufgehen, mit diesem Band abermals junge und auch alte Leserinnen und Leser für die „Reckless“-Bände zu gewinnen.

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