„Palast der Miserablen“ von Abbas Khider : Sein bisher bestes Buch

Eine Jugend im Irak: Abbas Khider erzählt in seinem autobiografisch grundierten Roman „Palast der Miserablen“ von unfreien Menschen im Kampf ums Überleben.

Klaus Hübner
Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, lebt seit 2000 in Deutschland.
Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, lebt seit 2000 in Deutschland.Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Das Dorf kennt weder Strom noch fließendes Wasser und heißt nicht von ungefähr „Herzliche Hölle“. Shams und seine Schwester Qamer sind Kinder armer Leute aus dem Süden des Irak. Saddams Truppen haben Kuwait besetzt und geplündert. Großvater bringt mit seinem Lästermaul die Familie immer wieder in Gefahr. Vater muss zum Militär, und mit dem Krieg kommen die Bomben der Alliierten.

„Alle hatten Angst.“ Lebt man in der Hauptstadt besser? „Wir hatten uns Bagdad anders vorgestellt … Es stank nach Kloake …“ Das auf Müllbergen illegal errichtete Blechviertel hinter dem Bagdader Stadtteil Saddam City, dem heutigen Sadr City, in dem die Kinder in den 1990er Jahren aufwachsen, strotzt vor Elend. Vater arbeitet als Handwerker, Mutter putzt in der Moschee und betätigt sich als Wahrsagerin.

Abbas Khiders jüngster Roman „Palast der Miserablen“ kommt als Familiengeschichte daher, doch dazwischen geschaltete Kerkerszenen strukturieren die 16 Kapitel und deuten ein bitteres Ende an.

Wenig Chancen für Heranwachsende

Shams und Qamer verkaufen Trinkwasser oder Plastiktüten – und kommen langsam in die Pubertät. „Jedes Mal, wenn Saddams Männer kamen, verstummte das Lachen, verstummten die Gespräche und all die anderen Geräusche des Lebens, aber sobald die Partei verschwunden war, wurde es wieder laut.“ Shams hat es mit Rabauken zu tun, die mit Messern und Rasierklingen herumfuchteln.

„Vermutlich ist die Liste der verschwundenen Mädchen in Bagdad länger als die Flüsse Tigris und Euphrat zusammen“, sagt Qamer. Abbas Khider erzählt von einer fremden Welt, von unfreien Menschen im Kampf ums Überleben und von einer Gesellschaft, die Heranwachsenden wenig Chancen bietet. Doch Shams versucht mit aller Kraft, Angst, Armut, Gewalt, Bildungsferne und die Zwänge atavistischer Traditionen hinter sich zu lassen und sich seinen eigenen Weg zu erkämpfen.

Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, 1996 aus dem Irak geflüchtet und seit 2000 in Deutschland lebend, hat sich mit den Romanen „Der falsche Inder“ (2008), „Die Orangen des Präsidenten“ (2011), „Brief in die Auberginenrepublik“ (2013) und „Ohrfeige“ (2016) in die vorderste Reihe deutscher Schriftsteller geschrieben. Die von ihm gewählte Literatursprache hat er in „Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch“ (2019) amüsant aufs Korn genommen.

London weiter entfernt als der Mond

Das ist der sprachlichen Souveränität von „Palast der Miserablen“ gut bekommen. Shams liest erotische Geschichten von Alberto Moravia und wird süchtig nach Büchern. „Lesen und Schreiben wurden zu einem Beruhigungsmittel für mich, zu einem Ventil für meinen pubertären Hormonüberschuss.“ Zürich, London oder Wien, die „andere Welt“, von der er manchmal hört, scheinen ihm weiter entfernt als der Mond.

Er entdeckt den Bücherbasar mit seinen Literaturcafés und lernt regimekritische Schriftsteller kennen. Shams, der Außenseiter, darf an ihren Lesungen und Diskussionen teilnehmen: „Das also waren wir, acht Literaturbegeisterte in der Wohnung eines Blinden. Der Palast der Miserablen.“

Qamer heiratet zur allgemeinen Freude den aufstrebenden Businessman Jasim. „Nur ich“, gesteht Shams, „stand starr vor der Tür wie Saddams Statue im Stadtzentrum. Ich fühlte mich, als hätte mir Jasim einen Arm abgeschnitten.“ Qamer wird eine reiche Geschäftsfrau und unterstützt Eltern und Bruder – bis ihr Finanzdienstleistungs-Unternehmen am Ende ist. Das bescheidene Vermögen der Familie geht drauf, im Viertel verachtet man sie jetzt.

Geschmeidige Sprache

Angeblich hat Saddams Sohn Udai die Firma zerstört und das Geld beschlagnahmt: „Wir schwiegen. Wenn Saddam und seine Leute im Spiel waren, dann gab es keinen Ausweg. Es war Schicksal, und dagegen konnten wir nichts tun.“

Arbeitslosigkeit und Hunger herrschen im ganzen Land. Was soll Shams tun? Die Schule abbrechen? Das würde 24 Monate Militär bedeuten. Und er weiß: „Die Saddam-Fedajin waren ständig auf der Suche nach Verweigerern und Deserteuren. Es war eine gut ausgebildete und noch besser ausgerüstete Spezialeinheit, die es liebte, Ohren, Finger oder Zehen abzuschneiden.“ Der einzige Lichtblick weit und breit, der Palast der Miserablen, zerfällt allmählich.

Shams wird Buchhändler, und bald vertreibt er unter Lebensgefahr auch verbotene Schriften. Obendrein beginnt der nächste Irak-Krieg. Die Folge: Aufstände, Hausdurchsuchungen und „Säuberungen“, auch im Blechviertel. Irgendwann ist Shams fällig.

Wie immer ist Abbas Khiders literarische Fiktion autobiografisch grundiert, und wie immer schreibt er unverschnörkelt realistisch und direkt. Seine Sprache ist so geschmeidig und genau geworden, dass man nicht nur atemlos der Handlung folgt, sondern auch dem Rhythmus seiner Sätze. „Palast der Miserablen“ ist sein bisher bestes Buch.

Abbas Khider: Palast der Miserablen. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2020. 319 Seiten, 23 €.

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