Papstkomödie im Kino : Viel Nachsicht mit dem Vatikan

Der doppelte Pontifex: Anthony Hopkins und Jonathan Pryce spielen Benedikt und Franziskus als grummelndes altes Paar.

Ohne Ton: Franziskus (Jonathan Pryce, r.) nimmt seinem Vorgänger (Anthony Hopkins) die Beichte ab.
Ohne Ton: Franziskus (Jonathan Pryce, r.) nimmt seinem Vorgänger (Anthony Hopkins) die Beichte ab.Foto: Netflix

Zwei Päpste? Seltsamer Titel, zeichnet sich das höchste Amt im Kirchenstaate doch dadurch aus, dass es nur einen Pontifex gibt. Es sei denn, es sind Intrigen im Spiel wie vor gut 600 Jahren, als Papst Gregor XII. im Zuge des Großen Abendländischen Schismas abdanken musste und sich drei Päpste um den Heiligen Stuhl balgten. Papst-Filme setzten bisher solche Machtkämpfe in Szene, wie „Die Päpstin“ oder zuletzt Paolo Sorrentinos Miniserie „The Young Pope“ mit Jude Law. Oder der Neugewählte büxt aus, weil er keine Lust auf sein Amt hat, wie Michel Piccoli in Nanni Morettis Tragikomödie „Habemus Papam“. Aber zwei Päpste und keine Intrige in Sicht?

Es handelt sich dabei, man vergisst das leicht, nicht um eine gewagte Fiktion. Sondern um die Realität im Jahr 2019. Benedikt XVI. ist seit seinem freiwilligen Amtsverzicht 2013 ja keineswegs ein Privatmann namens Joseph Aloisius Ratzinger, sondern Papst emeritus unter und neben Franziskus, dem 265. Nachfolger Petri. Ebendas hat Drehbuchautor Anthony McCarten fasziniert: Bei einer Petersplatz-Messe mit Franziskus entdeckte er Benedikt in der Menge. Zwei lebende Päpste am gleichen Ort – der deutsche Erzkonservative und der Reformer aus Argentinien, wie sie sich wohl verstehen?

Beharrungskräfte einer rückwärtsgewandten Kirche

Natürlich bleibt Fernando Meirelles’ Netflix-Produktion Spekulation. Auch wenn verbürgt ist, wie der brasilianische Regisseur („City of God“) in Interviews verrät, dass Benedikt gerne Fanta trinkt und die beiden sich drei Mal getroffen haben, bevor das Konklave nach Franziskus’ Wahl weißen Rauch aufsteigen ließ. Aber so könnte es gewesen sein: dass eigentlich beide ausbüxen wollten.

Kardinal Jorge Mario Bergoglio (Jonathan Pryce) will in den Ruhestand treten, unglücklich über die Beharrungskräfte einer rückwärtsgewandten, selbstherrlichen Kirche. Aber seine Gesuche bleiben unbeantwortet. Also bemüht er sich persönlich zum Papst und wird vom Vatikan nach Castel Gandolfo kutschiert, wo Benedikt (Anthony Hopkins) sich rarmacht und Bergoglios Anliegen ignoriert. Bis der Pontifex seinem Besucher eröffnet, dass er selber abdanken will – aus politischen und religiösen Gründen. Die Stimme Gottes sei verstummt, lässt Benedikt durchblicken, er sieht sich außerstande, die Kirche in die Zukunft zu führen.

Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein – woraus der konventionell in Close-ups, Schnitt und Gegenschnitt aufgelöste Film weidlich Kapital schlägt. Hier der mürrische, narzisstische Deutsche mit den feinen roten Schuhen, der alleine an einer langen Tafel zu speisen pflegt. Da der Theologe des Volkes und leutselige Jesuit, der im Badezimmer der Papstresidenz „Dancing Queen“ summt und sich eine Pizza vom Takeaway bestellt. Mit Pizza aus der Schachtel und besagter Fanta machen die beiden sich später zusammen einen netten Abend. Und Benedikt guckt gern „Kommissar Rex“. Päpste sind auch nur Menschen.

Gott ändert sich nicht

So sehr es einen ärgert, dass Benedikts unrühmliche Rolle bei der Aufarbeitung der kirchlichen Missbrauchsskandale, die kurz vor seinem Rücktritt bekannt wurden, buchstäblich verschwiegen wird – der Ton wird ausgeblendet, als Bergoglio dem Papst dazu die Beichte abnimmt –, so gerne ist man Zaungast, wenn die alten Herren sich bei ihren Disputen über den Zölibat, spirituelle und kirchenpolitische Fragen näherkommen.

„Change is compromise“, grummelt Benedikt, „Gott ändert sich nicht.“ Hopkins und Pryce machen das großartig, erst in der Papstresidenz, dann in der (in Cinecittà nachgebauten) Sixtinischen Kapelle. Man denkt an die grumpy old men Walter Matthau und Jack Lemmon beim Schlagabtausch. „Was tut ein Argentinier, wenn er sich umbringen will?“, fragt Bergoglio. „Er steigt auf sein Ego und springt in die Tiefe.“ Passt auch für den Klerus.

Der Konservative als Zweifler, der Reformer als Sünder

Mit diesem human touch macht der Film doch recht leichtfertig seinen Frieden mit der katholischen Kirche – und kann bei 1,2 Milliarden Katholiken auf eine große Zuschauerzahl rechnen. Zumal er die voyeuristische Neugier befriedigt, wenn Meirelles seinerseits das uralte Konklave-Zeremoniell hinter wuchtig verschlossenen Türen zelebriert, mit Holzkugeln für jeden Kardinal und säuberlich aufgefädelten Stimmzetteln.

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Während Benedikts NS-Vergangenheit nur angedeutet wird, schildert der Film in ausführlichen Rückblenden Bergoglios Verstrickung in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur. Als damaliger Leiter des Jesuitenordens hatte er durch falsches Taktieren Ordensmitglieder der Junta ausgeliefert. Die Geschichte ist bekannt. Und auch hier lässt Meirelles Gnade walten, erspart den Anblick von Folter und Verschleppung, zeigt lieber den Moment der Vergebung seitens der überlebenden Opfer. Der Konservative, ein zur Selbsterkenntnis fähiger Zweifler. Der Reformer, ein reuiger Sünder, der sein Papstamt als Bußgang versteht. Wer erteilte da nicht die Absolution?
In den Kinos Kant, Eva, Filmkunst 66, Kino in der Königsstadt. Ab dem 20. Dezember auf Netflix.

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