Patrick Süskind wird 70 : Duft, Angst und Strategie

Patrick Süskind ist der J.D. Salinger der deutschen Literatur, ein einziges Buch machte ihn weltberühmt. Zum 70. des Autors von "Das Parfum".

Szene auf der Frankfurter Buchmesse. Patrick Süskind lässt sich ungern fotografieren.
Szene auf der Frankfurter Buchmesse. Patrick Süskind lässt sich ungern fotografieren.Foto: dpa/Frank May

Wenn der Name Patrick Süskind fällt, wissen selbst der Literatur fern stehende Menschen in Deutschland und anderswo auf der Welt sofort: Das ist der Autor von „Das Parfum“. 1985 veröffentlicht, ist dieser Roman einer der erfolgreichsten, meistverkauften der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit, er wurde in über fünfzig Sprachen übersetzt und mit weit über 20 Millionen Exemplaren verkauft. „Das Parfum“ erzählt die „Geschichte eines Mörders“ aus dem 18. Jahrhundert, die von Jean-Baptiste Grenouille, der, ausgestattet mit einem phänomenalen Geruchssinn, auf der Suche nach dem perfekten Duft ist. Der gleichermaßen zum Meisterparfumeur und Mädchenmassenmörder wird – weil er geträumt hat, sich selbst nicht riechen zu können, keinen eigenen Duft zu haben, ihn die Angst umtreibt, wie es im Roman heißt, „über sich selbst nicht Bescheid zu wissen“.

Befragt man wiederum der Literatur nahe Menschen zu Patrick Süskind, fällt auch diesen meist nur wenig mehr ein als „Das Parfum“. Denn Süskind ist der prominenteste Unbekannte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Konsequent verweigert er sich seit der Veröffentlichung von „Das Parfum“ und erst recht nach dessen weltweitem Erfolg der Öffentlichkeit. Er gibt keine Interviews, tritt nur sehr sporadisch auf, lässt sich nicht fotografieren. Der deutsche Salinger, wenn man so will. Süskind ist nach „Das Parfum“ nicht sehr produktiv gewesen und hat kaum noch Bücher veröffentlicht. Zwei Novellen, „Die Taube“ und „Die Geschichte von Herrn Sommer“, 1995 ein Band mit drei älteren, schon in den achtziger Jahren entstandenen Erzählungen sowie 2006 mit „Über Liebe und Tod“ einen Essay.

Schmales Prosa-Werk

Ein für einen Weltautor schmales Prosa-Werk ist das. Zu diesem kommen einige Drehbücher für Folgen von Helmut-Dietl-Serien, (u.a. „Monaco Franze“, „Kir Royal“) und 1997 das für den Dietl- Film „Rossini“. Darin porträtiert sich Süskind unter anderem selbst in Person des Schriftstellers Jakob Windisch, der sich vehement gegen die Verfilmung seines Erfolgsroman „Die Loreley“ wehrt – „Das Parfum“ wurde erst 2006 von Tom Tykwer fürs Kino adaptiert.

Geboren wurde Patrick Süskind 1949 in Ambach am Starnberger See, als zweiter Sohn der Sportlehrerin Annemarie Süskind und ihres Mannes Wilhelm Emanuel, eines Schriftstellers, Übersetzers und langjährigen Mitarbeiters der „Süddeutschen Zeitung“. Der autobiografisch grundierten Erzählung „Die Geschichte von Herrn Sommer“ zufolge war seine Kindheit eine eher unglückliche, angstbesetzte. Auch über Herrn Sommer, der sich eines Tages umbringt, heißt es: „So sieht einer aus, der Angst hat.“ Ob Süskind selbst diese Angst ewig beschwert, ihn zu einem menschenscheuen, nur zurückgezogen leben könnenden Menschen gemacht hat? Zumindest tragen viele seiner Figuren ähnliche Wesenszüge. Schon der Held von Süskinds 1981er-Debüt „Der Kontrabass“ hält sich bevorzugt in einem schallgedämmten Musikzimmer auf, abgeschottet von der Außenwelt, und ist alles andere als ein lebens- und weltbejahender Mensch.

Es hat so seine eigene Tragik, wenn ein genuin scheuer Mensch plötzlich einen Weltbestseller schreibt – dann kommt zu den Charaktermerkmalen ein strategisches Moment, bekommt das literarische Verstummen eine Überlebensnotwendigkeit. Aber wer weiß? Vielleicht hat Süskind all die vielen Jahre geschrieben – und bestimmt, dass erst nach seinem Tod etwas davon veröffentlicht werden darf. An diesem Dienstag jedenfalls feiert Patrick Süskind seinen 70. Geburtstag, und man kann davon ausgehen, dass diese Feier still und im engsten Freundeskreis begangen wird.

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