People Like Us im HKW : Im Strudel der Bilder

Die Königin der Plünderer im Haus der Kulturen der Welt: Vicki Bennett alias People Like Us beim „100 Jahre Copyright“-Festival.

Volker Lüke
Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin-Tiergarten
Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin-TiergartenFoto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn es jemand verdient hat, die Krone des Plunderphonics-Begründers John Oswald zu erben, dann die Londoner Multimediaschnipsel-Künstlerin Vicki Bennett, die seit Anfang der 90er Jahre unter dem Namen People Like Us mit blitzgescheiten Klangcollagen aus „geplünderten Tonträgern” begeistert. Oswalds Idee folgend, Musik aus bestehender Musik zu generieren, schert sie sich herzlich wenig um Copyrightansprüche und greift ungeniert in den Fundus seltsamer Musik, um mit einem erstaunlichen Wissen über Popkultur und inniger Liebe zu obskuren Tonträgern eine surreale Klangwelt zu erschaffen. Deren Witzigkeit erinnert mitunter an den Anarcho-Humor von Monty Python.

Beim „100 Jahre Copyright“-Festival im Haus der Kulturen der Welt präsentiert sich Bennett auch als Videoplünderin, wenn sie bei ihrer audiovisuellen Performance „The Mirror“ das Publikum mit vertrauten Bildern aus mehr oder weniger bekannten Filmklassikern in einen traumartigen Zustand versetzt. Harry Potter trifft auf Walt Disney, Dracula und John Travolta, Charlton Heston teilt das Rote Meer, Türen öffnen sich, eine Frau betritt ein Labyrinth und so weiter. Die Überlagerung von dramatischen Szenen aus dem kollektiven Unterbewusstsein setzt sich im Soundtrack fort, wenn der hypnotische Bilderstrudel immer wieder mit prächtigem Hitparaden-Suhlstoff aus der Jukebox der großen Gefühle verknüpft wird.

Musik muss erstmal gefunden, gehört, verstanden werden

Dabei erklingen gleich mehrere Versionen des Lounge-Klassikers „Windmills of Your Mind“, „Mirrors“ von Sally Oldfield, „How Deep is Your Love?“, „Amazing Grace“ und jede Menge weiterer Singalong-Gemütlichkeit, vermischt mit den Originaltönen der Filmschnipsel (Donnergrollen, tickende Uhren, dröhnende Glocken), Easy-Listening-Jazz, VaudevilleKlamauk und vielem mehr. All das hat Bennett sorgfältig zusammengetüftelt, liebevoll arrangiert und aufbereitet, wohlwissend, das viele übereinander gestapelte Töne nicht zwangsläufig einen großen Sound ergeben.

Anständig plündern bedeutet ja auch: Musik muss erstmal gefunden, gehört, verstanden, eingeordnet, angeeignet, geschnitten und bei der richtigen Temperatur eingeschmolzen werden. Insgesamt entsteht dabei ein atmosphärisch dichter Sound-&-Vision-Trip voll überraschender Reflexionen und fein herausgearbeiteter Details, der zu gleichen Teilen irritierend und unterhaltsam ist, aber auch ein Statement für den freien Zugriff auf „gefundenes Material“. Und ein kunstvoller Kommentar zum Verständnis von Kultur in Zeiten der Reizüberflutung.

Very British und very funny

Und immer wieder blitzt bei People Like Us existenzielle Belustigung auf. Neben Vicki Bennetts Gespür fürs Lächerliche beeindruckt auch ihre Fähigkeit, die unterschiedlichen Klang- und Bildquellen mit ungenierter Lässigkeit und Spaß am verstörenden Kontrast in ein psychedelisches Kaleidoskop zu verwandeln. Die Ingredienzen purzeln so kunterbunt durcheinander, dass man mit dem Staunen kaum nachkommt über diese Mischung aus technisch Anspruchsvollem, beißender Subversion, übertriebenem Kitsch, very British und very funny Momenten.

Was für eine tolle Schnipselkönigin! Da steht sie, lächelt milde und nimmt nach 45 Minuten den Applaus des Publikums mit der Gelassenheit einer Künstlerin entgegen, die es nie nötig hatte, auch nur einen Gedanken an das Copyright zu verschwenden.

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