Peymann inszeniert "Lear" in Stuttgart : Der Narr im Kreidekreis

Claus Peymann war vor fast 40 Jahren Intendant in Stuttgart. Jetzt inszeniert er wieder dort: „König Lear“ von Shakespeare.

Ulrike Kahle-Steinweh
Herrschaftszeiten! Martin Schwab als Lear und Lea Ruckpaul als Cordelia, eine der drei Töchter des Königs.
Herrschaftszeiten! Martin Schwab als Lear und Lea Ruckpaul als Cordelia, eine der drei Töchter des Königs.Foto: Schauspiel Stuttgart/Thomas Aurin

Lear und Peymann, Peymann und Lear. In Stuttgart! Eine mittlere Sensation. Sie haben ihn geliebt, die Stuttgarter, ihren wilden Peymann, mehr als zu Recht. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vor 39 Jahren! Er scheute nichts und niemanden und sammelte für die Zahnbehandlung von Gudrun Ensslin. Ein Rebell. Er wurde zum Meister, in Bochum, in Wien. Jetzt hageln die Vergleiche von König zu König, abgedankt beide, groß beide, fehlerhaft auch. Das Berliner Ensemble, Peymanns letztes Reich, wurde keine Revoluzzerbude, im Gegenteil. Das Haus war voll, der selbsternannte König eher glanzlos.

In Stuttgart glänzt er wieder, sie lieben ihn wieder, dabei hat er gemacht, was er schon immer machte: ein Stück mit respektvoller Klugheit zu behandeln, die Mittel zu minimieren, Theater als das zu zeigen, was ist es, nämlich Theater. Das kann heute wie ein Rückschritt wirken, das kann zu einem Ereignis werden, nämlich durch die Schauspieler. Und Martin Schwabs Lear ist ein Ereignis, in jeder Sekunde präsent, wach, wahrhaftig, von jugendlicher Beweglichkeit. Er lebt den Lear, mit jedem Stimmungswechsel, jedem Wort.

Die zweite alte Schauspielergröße, Elmar Roloff als Gloster, setzt andere Mittel ein, ist ähnlich glaubwürdig. Doch die Jungen haben es schwer in einem dieser wunderbaren Minimalbühnenbilder von Karl-Ernst Herrmann: Ein Lichterrahmen als zweites Portal umrahmt den leeren Raum, in dem ein Kreidekreis am Boden ein ganzes Universum erschafft, Lears Königreich. Wo jeder Stuhl und jede Farbe, jede Verrückung Bedeutung hat. Es gibt nur vier Stühle, mehr braucht Peymanns Theater nicht. Wenig, aber das mit viel Zeichenhaftigkeit.

Die Inszenierung lässt sich Zeit für die Geschichte vom alten König

Es geht schief, wenn die Szene zu einem Tableau erstarrt, die Schauspieler dieser leeren Bühne ausgesetzt sind, ohne dass ihre Figuren Menschen werden können. Peymann lässt die Schurken schurkisch spielen, die bösen Töchter böse. In Abendrobe schön gewandet dürfen sie gekonnt ihr Gift verspritzen – wenig mehr. Und Edmund darf Richard III. geben. Theater eben. Ein bisschen weniger davon wäre hier mehr gewesen. Da haben die Guten die besseren Chancen, die sich zum Schutz in einer zweiten Rolle verstecken müssen, wie Kent, wie Edgar. Und Lea Ruckpaul als Cordelia hat großes Glück, Peymann lässt sie den Narren auch noch spielen. Ein trauriger Narr, auch wenn er Räder schlagen und sehr hoch springen kann.

Die Inszenierung bietet Stolpersteine, Längen, altmodisch anmutende Auftritte, Ansagen. Sie lässt sich Zeit für diese Geschichte vom alten König, der eine Krone hat und ein Reich, doch Reich und Krone an seine drei Töchter verteilen will. Den beiden Lügentöchtern je eine Hälfte gibt, die wahrhaft Liebende verstößt. Und ziemlich bald fast nichts mehr hat, immer und immer weniger nichts, am Ende mehr als nichts.

Lear ist ein Narr von Anbeginn. Martin Schwab zeichnet eifrig seinen Kreidekreis, der König ein Kind, er zerteilt den Kreis in drei Tortenstücke, glaubt den Lügen und verschmäht die Wahrheit, die doch so klar zu hören ist in Cordelias Worten. Wie ein immer trotzigeres Kind verstößt er auch Kent, seinen ergebensten Diener, den Zweiten, der die Wahrheit spricht. Nur den Narren verschont Lear, die Vernunft im Schelmenkleid darf bleiben.

Die Krone hängt er an den Haken, hier am Seil herabgelassen aus den Untiefen des Schnürbodens. Die Krone als Damoklesschwert, zuletzt trifft sie ein Lichtstrahl, eine Lichtsäule durchschneidet den zarten Bühnennebel. Die Krone glüht, wird Edgar aufs Haupt gesetzt. Eine gefährliche Last.

Kann es nach so vielfältigem Leiden, Morden, Sterben eigentlich noch einen Fortschritt geben? Edgar hat sich verstellt, hat mitgelitten, mitgemordet, doch stets gewusst um seine Taten. Er erbt Lears ganzes Reich. Wenn etwas übrig blieb. Ein starker Moment.

Überhaupt gibt es einige unvergessliche Momente in diesem Lear. Einer ist den Technikern zu verdanken. Sie zaubern den schönsten, gewaltigsten Sturm auf die Bühne, bis in den Zuschauerraum. Donner kracht, Scherben klirren, der Regen rauscht hörbar, senkt sich wie ein schmaler Schleier auf Mensch und Erde, während ein leichter schwarzer Vorhang beängstigend dicht über die Zuschauer hinwegweht. Und Regennässe mit sich bringt.

Lear: Ein Gehörnter, ein Gekreuzigter

Die Schauspieler bieten Bilder, die verstören. Wenn Edgar plötzlich auftaucht, als tief gebeugter, quälend quäkender Tom mit einem Lendenschurz, wie aus einem Märtyrerbild, mit unsichtbarem Kreuz. Wenn der blutig geblendete Gloster, dem Tod ergeben, scheinbar die Klippen von Dover herunterstürzt. Und Lear, ergreifend in jeder Szene, und noch ergreifender, wenn er, den Naturgewalten ausgeliefert, verzweifelt heiter herumhüpft auf der Bühne.

Oder wenn er, gekrönt mit einer Reisigkrone, ein Gehörnter, ein Gekreuzigter, sich Gloster verweigert. Wenn er Gericht spielt, eine nackte Glühbirne zu sich herunterzieht, im kalten Licht eines imaginierten Obduktionssaals seine Tochter Reagan aufschneidet und findet, was er sucht: ihr hartes Herz. Das ist Shylock. Und entsetzlich.

In diesen reduzierten Szenen zeigt sich Claus Peymanns Meisterschaft. Alles ist da, das ganze Gefühl in all seinen verwirrenden Facetten, die absurde Situation, die erschütternde Atmosphäre, das Spiel im Spiel, so ernst, wie es nur sein kann. Und Shakespeare sorgt für die nötige Aktualität: „’s ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen“, heißt es einmal. Ein Narr, der nicht an weltweit Böses heute denkt.

Claus Peymann, der schwerlich zu übertreffende Spezialist für Wahnsinn à la Thomas Bernhard, à la William Shakespeare, kann auch als Fachmann für Stuttgarts Irrungen und Wirrungen gelten. Im wirklichen Leben steht er an Stuttgarts größter Baugrube und staunt. Das Bahnprojekt S 21 „ist ein Denkmal des Wahnsinns, wo sich der sogenannte Fortschritt in die vollständige Perversion verwandelt“.

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