Pianist Jan Lisiecki im Porträt : Spitzenfingergefühl

Jan Lisiecki ist erst 22 und schon ein reifer Virtuose. Er hat das Zeug Nachfolger des großen Alfred Brendels zu werden. Eine Begegnung mit dem polnisch-kanadischen Pianisten.

Immer nur lächeln? Jan Liesicki reist von Calgary aus um die Welt. Er ist ein dienender Interpret, der den Kern der Komposition ergründen will.
Immer nur lächeln? Jan Liesicki reist von Calgary aus um die Welt. Er ist ein dienender Interpret, der den Kern der Komposition...Foto: Holger Hage/Deutsche Grammophon

Sein Bühnen-Outfit sollte er vielleicht noch einmal überdenken: Die Kombination aus Smoking, weißem Hemd und schwarzer Fliege lässt Jan Lisiecki nämlich nicht nur wie einen Oberkellner aussehen, sondern verleiht seiner Erscheinung auch etwas unangemessen Bubihaftes. Und weist optisch damit in die völlig falsche Richtung. Wenn der 22-Jährige allerdings eines nicht ist, dann ein dressiertes Wunderkind, das von überehrgeizigen Eltern ins Rampenlicht geschubst wurde. Im Gegenteil: Schon bei seinem Berlin-Debüt 2012 faszinierte er durch eine Frühreife, der alles Altkluge fehlt. Jan Lisiecki weiß genau, wo er interpretatorisch hinwill. Und hat die Fähigkeiten, das auszudrücken, gedanklich wie technisch.

Sitzt man dem Pianisten beim Interview gegenüber, spürt man sofort die außergewöhnliche Souveränität des Hochbegabten. Bei seiner kometenhaften Karriere musste er sich zu nichts zwingen, weil er eine starke innere Disziplin besitzt. Schon vor dem Frühstück eine Übungseinheit am Klavier zu absolvieren, fühlt sich für den Frühaufsteher ganz natürlich an. Ebenso wie noch bei seinen Eltern in Calgary zu wohnen. Aus Polen waren die 1988 nach Kanada aufgebrochen, um dort ihr Glück zu versuchen. Dank ihres Filius leben sie mittlerweile ein Jetset-Leben, begleiten ihn bei seinen Auftritten rund um die Welt – und geben ihm jenseits des Rampenlichts den nötigen Rückhalt, erden ihn, indem sie gemeinsam Sightseeing machen, wie eine ganz normale Familie.

Lisiecki verzichtet auf Virtuosenklimbim und setzt auf Konzentration und Qualität

Noch hat Jan Lisiecki an der Herumreiserei Spaß. „Selbst, wenn ich zum wiederholten Mal in eine Stadt komme, dann präsentiert sie sich mir doch immer anders, im Wechsel der Jahreszeiten oder je nachdem, ob ich an einem Werktag durch die Straßen gehe oder am Wochenende.“ Wenn die Orchester, mit denen er auftritt, ihre Programme gleich mehrfach aufführen, weiß er das zu schätzen – weil er so mehr Zeit hat, die Orte zu erkunden und einen intensiveren Kontakt mit den Musikern aufbauen kann.

Im normalen Klassikbetrieb ist die zeitliche Taktung sehr eng: In einer einzigen Probe müssen sich Dirigent und Solist einig werden, wohin es interpretatorisch gehen soll. „Bei den bekannten Klavierkonzerten gibt es keine Vorgespräche“, sagt Lisiecki, „da wird einfach los musiziert. Und ich spüre dann sofort, ob wir auf einer Länge sind.“ Wobei er versucht, ganz offenzubleiben, wenn der Mann mit dem Taktstock ein Werk anders empfindet. „Es müssen ja nicht alle Abende gleich klingen.“

Jan Lisiecki hat das Zeug dazu, im Pianisten-Olymp zum Nachfolger des großen Alfred Brendel zu werden. Weil er so ganz uneitel ist wie der inzwischen 87-jährige Wahl-Brite österreichischer Herkunft, ein Interpret, der sich ohne Virtuosenklimbim Respekt beim Publikum erarbeiten will. Lediglich durch die Qualität seines Spiels. Ganz wie Brendel gestattet sich Lisiecki bei seinen Konzerten keinerlei Äußerlichkeiten. Da gibt es weder prätentiöse Überakzentuierungen, noch wird etwas in die Stücke hineingeheimnist. Da ist lediglich ein junger Mann zu erleben, der sich sehr intensiv mit dem Notentext beschäftigt hat, der eine Fähigkeit kultiviert, die immer mehr Menschen abgeht: Er ist bereit, sich wirklich zu fokussieren, sich ausschließlich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Und zwar abendfüllend.

So wie Alfred Brendel sieht sich Jan Lisiecki als dienender Interpret. Er möchte dem Kern der Komposition nahekommen statt sie mit seiner Persönlichkeit zu überwölben. Das unterscheidet ihn durchaus von seinen beiden Konkurrenten um den Ehrentitel des weltweit spannendsten jungen Pianisten, dem genialischen Daniil Trifonov und dem brillanten Intellektuellen Igor Levit. Dass Jan Lisiecki in der Schule das Fach Mathematik besonders mochte, passt da ins Bild.

Als die Deutsche Grammophon dem 15-Jährigen einen Exklusivvertrag anbot – als jüngstem Künstler in der Geschichte des Traditionslabels –, nahm Lisiecki nur unter der Bedingung an, keine typischen Best-Of-Alben aufnehmen zu müssen. Stattdessen wollte er lieber mit den Klavierkonzerten 20 und 21 von Mozart debütieren. Man ließ ihn gewähren. Und auch bei den Folgeprojekten konnte Lisiecki jeweils seine künstlerischen Ideen durchsetzen. Selbst wenn es sich um eine nicht gerade marktgängige Zusammenstellung handelt, wie bei seinem jüngsten Album. Auf dem spielt er Stücke, die Frédéric Chopin für Klavier und Orchester komponiert hat, jenseits der beiden berühmten Klavierkonzerte. Die „Grande Polonaise brillante“ und das „Rondo à la Krakowiak“ sind ebenso Gelegenheitswerke wie die beiden Variationszyklen über „La ci darem la mano“ aus „Don Giovanni“ und über polnische Lieder – doch so, wie Jan Lisiecki sie spielt, neugierig und mit feinen dynamischen Schattierungen statt oberflächlichen Showeffekten, ist man gerne bereit, sich auch auf diese Abseitigkeiten einzulassen.

Die Frage, ob es eine Idee der Plattenfirma war, dass er auf dem Cover der CD so grimmig dreinschaut, amüsiert Jan Lisiecki. Der Gedanke, ein Interpret könne sich sein offizielles Image von Marketingprofis aufdrücken lassen, liegt ihm offensichtlich fremd. Nein, erklärt er also ganz ernsthaft, dass er nicht mehr in die Kamera lacht wie auf den Titelbildern seiner früheren Alben, liege nicht daran, dass er jetzt ernster und reifer rüberkommen solle. Sondern schlicht daran, dass ihm dieser Schuss des Fotografen am besten gefallen habe. Weil er die sommerliche Abendstimmung gut einfängt, das Zusammenspiel von Himmel, Wolken und Wasser.

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Licht und Schatten, das sind auch beim Erarbeiten des Repertoires wichtige Parameter für Jan Lisiecki. Sein Spiel forscht stets nach dem melodischen Kern der Stücke, sucht Leichtigkeit und Transparenz. Selbst die heikelsten Passagen bleiben perlend, im Fortissimo kommt er ohne kraftmeierischen Nachdruck aus. Und dann sind da noch seine offenen Schlussakkorde. Finali also, die das Publikum nicht demonstrativ dazu auffordern, jetzt bitteschön recht laut zu applaudieren, sondern die zum Weiterdenken des gerade Gehörten anregen. Von diesem klugen Kopf ist noch viel zu erwarten.

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