Pietät oder Peinlichkeit im Theater : Rosen für die Toten von Hanau

Wie das Berliner Ensemble mit der Aufführung von Fassbinders „Katzelmacher“ danebengreift.

Fassbinders Vorstadttheater. Die „Katzelmacher“-Truppe am BE. Regie führte Michael Thalheimer, Bühne und Kostüme entwarf Nehle Balkhausen.
Fassbinders Vorstadttheater. Die „Katzelmacher“-Truppe am BE. Regie führte Michael Thalheimer, Bühne und Kostüme entwarf Nehle...Foto: Matthias Horn/Berliner Ensemble

Fremdschämen ist ein merkwürdiges Wort, man kann eine zutiefst persönliche Empfindung wie Scham einem anderen Menschen im Grunde nicht abnehmen. Aber an diesem Abend im Berliner Ensemble ist es so: Man schämt sich für dieses Theater, von dem man als Zuschauer oder Kritiker auch ein Teil ist.

Was ist geschehen? Die „Katzelmacher“-Premiere ist gespielt, sofort geht der Beifall los, Schauspielerinnen und Schauspieler verbeugen sich, der Regisseur Michael Thalheimer kommt dazu. Auf seinem Hemd steht, nicht ganz leicht aus dem Parkett zu erkennen, „AfD“, durchgestrichen. Sie legen Rosen an die Rampe. Eine Schauspielerin sagt, dies sei für die Opfer von Hanau. Weiter geht es mit dem Applaus und den Verbeugungen, Thalheimer rudert mit den Armen. Betroffenheit? Ermunterung? Trotz? Was immer sich die Theaterleute dabei gedacht haben – selten wirkte eine Geste so schmerzhaft verrutscht und deplatziert. Das gilt für die gesamte Vorstellung. Selten ist ein Stück so brutal aus der Zeit gefallen.

Rainer Werner Fassbinder machte 1969 aus seinem antiteater-Stück „Katzelmacher“ den gleichnamigen Film. Er war 24 Jahre jung damals und schrieb die Münchner Vorstadtstudie in einem manirierten Kunstdialektstil, an Ödön von Horváth erinnernd und an die Dramatikerin Marielusie Fleißer, der er die Geschichte widmete. Über fünfzig Jahre liegt das zurück – dass ein Gastarbeiter aus Griechenland „Nix verstehn“ sagt und „Was Fräulein? Fickifick?“ Fassbinder selbst, ein starkes Statement, spielte selbst den Jorgos aus dem Süden.

Das Stück ist über 50 Jahre alt

Es gibt keine Gastarbeiter mehr und keine Fräuleins, und Fremdenhass, dessen dumpfes, deprimierendes Milieu Fassbinder auf unheimliche Weise nachempfand, zeigt sich im Jahr 2020 nicht mehr latent, sondern offen und tödlich.

„Katzelmacher“ erklärt aber auch, dass es eine dunkle Kontinuität gibt in diesem Land. Hass und Gewaltbereitschaft lassen sich also aktivieren, wenn die Gesellschaft ins Rutschen gerät. Deshalb hat sich das BE, das liegt auf der Hand, für diesen Text entschieden. Und dann wurde die Inszenierung von der Realität überrollt. Ein Attentäter erschießt neun junge Menschen, seine Mutter und sich selbst. Er hat offensichtlich Wahnvorstellungen und rassistische Motive.

Rechtsradikaler Terror, Mordanschläge in Shisha-Bars, das ist nicht mehr Fassbinders Welt. Seine Sachen kann man heute so nicht mehr spielen – mit grauenhaften Ausländerklischees und einem zynischen Zicken-Frauenbild. Die Typen ebenso flach, cool mit Sonnenbrillen und Kaugummi im Maul. Thalheimer parodiert grellbunt Fassbinders radikale Schwarzweißfilm-Ästhetik, die in der Bundesrepublik von ’69 revolutionär war. Jetzt reicht das an Denunziation heran. Hier wird ein alter Text bloßgestellt und seiner historischen Dimension beraubt. Und es wird eigentlich nicht gespielt, sondern sich schmierig in Pose geworfen. Es ist eben auch fatal, diejenigen einfach nur lächerlich zu machen, deren Haltung man erschreckend findet.

Einfach mal schweigen

In dieser Aufführung gibt es nur Zombies, die starke äußerliche Ähnlichkeiten mit dem Original aufweisen. Ein seelenloses, billiges Remake. Es offenbart die Selbstgefälligkeit des Theaterbetriebs, wenn es auf der Website des BE heißt: „Michael Thalheimer setzt mit ,Katzelmacher’ seine Auseinandersetzung mit Mechanismen von Ausgrenzung und Gewalt fort.“ Es geht also in erster Linie darum, dass ein Regisseur ein Programm durchzieht, sein eigenes. Schweigen. An diesem Abend aber hätte man die Premiere absagen können. Einmal aussetzen. Nicht schon wieder das passende Stück parat haben, das dann doch überhaupt nicht passt. Lieber irgendetwas anderes spielen – als irgendetwas über Ausländerfeindlichkeit.

Theater muss nicht aktuell sein. Es muss sich nicht zu schrecklichen Geschehnissen verhalten, wenn es nicht wirklich eine Haltung hat. Innehalten, vielleicht Scham empfinden über die eigene Unzulänglichkeit. Ist das zu viel verlangt?

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