Kultur : Piratenbraut

Jean-Michel Berg

Marlon Brando rühmte sich, nie einen Roman gelesen zu haben. Das können zwar viele Menschen von sich sagen, aber bei Brando war es eine Pose. Er gab den Proleten, während er sich mit Freud und asiatischer Philosophie beschäftigte. Nun ist vom Nichtleser Brando posthum ein Roman erschienen, den er auch nicht geschrieben, sondern dem Freund und Drehbuchautor Donald Cammell einfach vorgespielt hat.

„Madame Lai“ ist ein phantastisches Abenteuer um den Seefahrer Doultry, eine Räuberpistole, aber doppelbödig, ja tiefsinnig. 1927, während des chinesischen Bürgerkriegs, segelt Doultry durch das chinesische Meer. Er ist Waffenhändler und Nihilist: Das Geschäft ist alles, Politik nichts. Und er ist ein Hurensohn. Er prügelt sich, er säuft und vögelt herum. Als er die Piratenanführerin Madame Lai trifft, beginnt sein größtes Spiel: ein Coup gegen das britische Empire.

Doultry ist auf der Suche nach einer Identität jenseits der rationalen, westlichen Kultur, die schon in den Opiumkriegen ihr zynisches Gesicht gezeigt hatte. Das asiatische Denken der Oberfläche und des Scheins erscheint ihm, wie vielen Nihilisten zu dieser Zeit, als Ausweg. Er wird Mitglied einer Triade im Kampf gegen die westlichen Ausbeuter, doch eine neue Heimat findet er letztlich nicht. Am Ende glaubt er wieder nur an sich selbst und segelt als großer Solitär in den Sonnenaufgang.

Marlon Brando/Donald Cammell : Madama Lai. Roman. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Marebuchverlag, Hamburg 2007. 430 Seiten, 19,90 €.

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