Pistoletto, Vater der Arte Povera : Der Weg ins Dritte Paradies

Eine Begegnung mit Michelangelo Pistoletto, Utopien für eine nachhaltige Welt – und eine Ausstellung im Italienischen Kulturinstitut.

Machtverhältnisse im Blick. Pistoletto, 85, vor der Fotoarbeit „La conferenza“ in seiner Berliner Ausstellung.
Machtverhältnisse im Blick. Pistoletto, 85, vor der Fotoarbeit „La conferenza“ in seiner Berliner Ausstellung.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Paradies könnte am Potsdamer Platz liegen, glaubt Michelangelo Pistoletto. Jedenfalls das von ihm imaginierte Dritte Paradies, in dem sich die Gegensätze Natur und Technik zu einer „gemeinsam bewohnten Welt“ verbinden. Der Potsdamer Platz, meint er, an dem sich im Kalten Krieg Kommunismus und Kapitalismus unversöhnlich gegenüber standen, könnte als Paradebeispiel für die Vermittlung in Konflikten dienen.

Als Symbol für das „Terzo paradiso“ erfand Pistoletto die Doppelung des mathematischen Zeichens für die Unendlichkeit. Da überschneidet sich die Kurve zweimal. Die gegenüberliegenden Schleifen münden in einem zentralen Kreis, dem Ort der Verständigung. Das Werk wurde viele Male ausgeführt – als Tuschbogen auf einem Spiegel, als Menschenkette, als Reihe von Felsbrocken. Im Hof der italienischen Botschaft hat der Künstler das Zeichen seiner Utopie aus Pflastersteinen geformt. Die doppelte Reihe gleicht der Linie im Berliner Asphalt, die an die Teilung der Stadt erinnert.

Die Italienische Botschaft und das Italienische Kulturinstitut huldigen dem Maestro mit einer Ausstellung. Zur Präsentation seiner Werke ist der 85-Jährige nach Berlin gekommen. Schwarz gekleidet, mit elegantem Sonnenhut und feinen Lederschuhen erklärt er sein Konzept. Vor einigen Jahren noch trug Pistoletto Uhren am rechten und am linken Arm. Eine zeigte die Zeit der Vergangenheit an, die andere die der Zukunft. Dazwischen lag seine Gegenwart. Heute trägt er nur eine Uhr, aber sein künstlerischer Blick bleibt in die Zukunft gerichtet, über das Chaos der Tagespolitik hinaus.

Pistoletto verließ den Ausstellungsraum, holte die Wirklichkeit in die Kunst

„Das ganze System funktioniert nicht“, sagt er. „Das hat nichts mit rechts oder links zu tun. Inzwischen geht es nur um den persönlichen Machtkampf. Deshalb versuchen wir, ein System zu entwickeln, das nicht nur idealistisch ist, sondern sich auch praktisch umsetzen lässt.“ Sein Vorschlag besteht darin, ins Gespräch zu kommen, auch mit dem politischen Gegner. Das klingt sanfter, als das Werk vermuten lässt. Doch Pistolettos Radikalität liegt in ihrer Langzeitwirkung.

Als einer der ersten Künstler verließ er den Ausstellungsraum, regte Kooperationen an, holte die Wirklichkeit in seine Kunst. 1992 dehnte er die documenta 9 zeitlich über ein Jahr mit der Aktion „Glückliche Schildkröte“, als er mit seinem Hausstand von einem Land zum nächsten wanderte. Immer wieder streckte er seine Fühler nach dem Außenraum aus.

Im Foyer der italienischen Botschaft steht eine seiner bekanntesten Skulpturen, die „Venere degli stracci“, die Lumpenvenus. Die Ikone der Arte Povera entstand erstmals 1967. Dem Publikum wendet die Göttin den Rücken zu, sie betrachtet einen Berg alter Kleider. Die Lumpen sind für den Künstler Zeichen beständigen Wandels. Inzwischen hat auch die Figur ihre Bedeutung geändert. Gerade hat das Städtchen Ventimiglia an der französischen Grenze eine solche Venus aufgestellt, als Mahnmal für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen.

Vor 40 Jahren arbeitete der Künstler in Berlin – und stellte auch im Osten aus

In Berlin war die Liebesgöttin schon einmal vor vierzig Jahren im Café Einstein zu sehen. 1978 lebte Michelangelo Pistoletto hier als Gast des daad-Künstlerprogramms. Seine Ausstellung erstreckte sich damals über die ganze Stadt. „Ich wollte Berlin in meine Arbeit einbeziehen und hoffte, dass die Stadt umgekehrt meine Kunst in sich aufnimmt.“ Sogar in Ost-Berlin zeigte der Künstler in der Galerie von Jürgen Schweinebraden eine Fotoarbeit, die jetzt auch im Italienischen Kulturinstitut zu sehen ist.

„La conferenza“ konfrontiert einen Redner mit seinem Publikum und analysiert die Machtverhältnisse im Raum. Links hängt ein Foto, das der Mann am hohen Pult von der Gruppe aufgenommen hat. Rechts sind die Einzelfotos zu sehen, mit denen die Zuhörer das Bild des Vortragenden vervielfältigen – insgesamt zwanzig Stück. Aus der Arbeit spricht ein tiefes Misstrauen gegenüber Propaganda. Sie nimmt das Konzept der politischen Polarisierer vorweg, die Macht durch Aufmerksamkeit generieren wollen.

In der Ausstellung ist auch die Bekanntmachung zu sehen, mit der Pistoletto Künstler einlud, mit ihm bei der Biennale von Venedig 1968 zu kooperieren: „Bei der Zusammenarbeit strebe ich einen menschlichen Kontakt an, der nicht konkurrierend ist, sondern sensibel und auf die Wahrnehmung bezogen.“ Das Projekt scheiterte, weil Demonstranten Steine warfen. „Ich wollte keinen Krieg anzetteln“, sagt Pistoletto heute. „Revolution ist nie etwas Endgültiges. Wenn man keinen Plan für die Zeit nach dem Krieg entwickeln kann, wird man auch keine Ideen für die Revolution bieten können. Man muss vor der Revolution über Visionen nachdenken.“

ZOO hieß die Gruppe, mit der Pistoletto bis 1970 zusammenarbeitete. Der Name sollte alle Mitglieder an das Programm erinnern, Barrieren aufzuheben. Bis heute fühlt sich der Künstler wohl in der offenen Tür, einer Plastik aus Holz, deren Ecken sich dehnen. Auch die Spiegelbilder, mit denen Pistoletto berühmt wurde, öffnen sich in den Raum und heißen die Wirklichkeit willkommen. Auf spiegelndem Stahl hat der Künstler die Rückenansicht eines Kameramanns gemalt. Tritt die Betrachterin auf das Bild zu, wird sie scheinbar gefilmt und kann zugleich die Szene beobachten.

In einer alten Spinnerei entstehen Ideen für eine neue Renaissance

An der gegenüberliegenden Seite des Raums ist die Arbeit der Cittadellarte dokumentiert. In seiner Heimatstadt Biella ließ Pistoletto eine alte Spinnerei restaurieren. Auf 20 000 Quadratmetern entstand ein Kreativzentrum mit Museum, Schule, Werkstätten. Ein think tank für das Modell einer nachhaltig gestalteten Welt, dem Dritten Paradies. Direktor Paolo Naldini spricht gar von einer Wiedergeburt, einer neuen Renaissance. Ein wenig mulmig wird einem angesichts der Beseeltheit, mit der die Heilserwartung aufgebaut wird. Aber vielleicht braucht es in der politischen Situation Europas den Glauben an eine Utopie, um kreativ zu bleiben.

Pragmatischer wirkt Pistolettos große Arbeit „Love Difference“, die im Eingang der Italienischen Botschaft steht. Ein verspiegelter Tisch in Form des Mittelmeers mit Stühlen aus den unterschiedlichen Kulturen der Anrainer. „Am Mittelmeer“, sagt Pistoletto, „konzentrieren sich die Konflikte der Gegenwart“. Mit „Love Difference“, will er die gegensätzlichen Positionen wie in einem kleinen Parlament zusammenführen. Da wird die konstruktive Haltung zum künstlerischen Prinzip. „Als Künstler lerne ich Freiheit. Je freier ich bin, desto mehr Verantwortung trage ich. Wenn Freiheit nicht mit Verantwortungsgefühl einhergeht, hat sie keinen Wert.“

Bis 29.9., Italienisches Kulturinstitut, Hildebrandstr. 2, Mo-Fr 10 bis 18, Sa 11-18 Uhr (in den Ferien keine Samstagsöffnung). Am 4. Juni, 19 Uhr: Pistoletto im Gespräch mit dem Philosophen Georg W. Bertram

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