• Pitzhanger Manor bei London: Meisterwerk des Architekten John Soane ist restauriert worden

Pitzhanger Manor bei London : Meisterwerk des Architekten John Soane ist restauriert worden

John Soane zählt zu den Großen der englischen Architektur - doch nur wenig von seinem Werk blieb erhalten. Nun wurde sein Landsitz in Ealing wiederhergestellt.

Gesamtkunstwerk. John Soane (1753 – 1837) lebte, arbeitete und feierte in seinem Landhaus Pitzhanger Manor.
Gesamtkunstwerk. John Soane (1753 – 1837) lebte, arbeitete und feierte in seinem Landhaus Pitzhanger Manor.Foto: akg / VIEW / Dennis Gilbert

John Soane zählt zu den Großen der englischen Architektur, er hat als Vorbild gewirkt und unzählige Studenten an der Royal Academy unterrichtet. Doch von seinem Gesamtwerk sind nur Bruchteile erhalten; vom Hauptwerk, an dem er fast ein ganzes Berufsleben arbeitete und es immer weiter ergänzte und verfeinerte, der Bank of England im Herzen der Londoner City – um nicht zu sagen deren Mittelpunkt –, blieben nach dem Abriss in den 1920er Jahren nur einzelne Räume.

Umso wichtiger ist es, dass mit Pitzhanger Manor, seinem Landsitz in Ealing an der Peripherie von London, dank umfassender Restaurierung jetzt ein frühes Meisterwerk von ihm zurückgewonnen wurde, das nach 120 Jahren Umnutzung als Stadtbibliothek erstmals wieder den authentischen Zustand fast vollständig wiedergibt.

Fast – denn ein in den 1930er Jahren geschaffener Anbau konnte nicht beseitigt werden, dient jetzt aber nach vollständiger Renovierung als eine noble Ausstellungsgalerie, die die Anziehungskraft des Landhauses und seines seit 1901 öffentlichen Parks verstärken soll.

Zwölf Millionen Pfund aus Mitteln der Staatlichen Lotteriestiftung und viele weiterer Geldgeber mussten für Sanierung und Restaurierung des 1800/02 errichteten Landsitzes aufgebracht werden. Dafür haben die Architekten, das Londoner Büro Jestico+Whiles, nicht nur die ursprüngliche Raumfolge wiederhergestellt und jeden Raum so weit als möglich dem einstigen Aussehen in Materialität und Farbe angeglichen, sondern auch die für Soane so zentralen Oberlichter wiederhergestellt, das im Treppenhaus und das kastenförmige in der Mitte des Gebäudes.

Vor allem aber ist der Wintergarten neu erstanden, der der Umnutzung als Bücherei zum Opfer gefallen war, mit seinen riesigen, wandfüllenden Fenstern. Zu einer Zeit, als sich die Immobiliensteuer nach Anzahl und Größe der Fenster bemaß, wurden sie als deutlicher Hinweis auf den sozialen Status verstanden. Denn Soane nutzte sein Landhaus zu privaten wie zu geschäftlichen Zwecken. Hierher, zwölf Meilen von der Londoner City entfernt, lud er zur Pflege von Beziehungen wie auch zur Werbung um neue Auftraggeber ein, zu Gartenpartys im Sommer als auch zu intimeren Abendessen im ehemaligen Tanzsaal im Nebengebäude.

[Pitzhanger Manor, Ealing, London W5 5EQ. Di-So 10-16:30 Uhr. Broschüre 6,50 GBP. www.pitzhanger.org.uk]

Den Vorgängerbau hatte Soane, nachdem er das Anwesen erworben hatte, abreißen lassen und durch seinen eigenen Entwurf ersetzt; das links anschließende Nebengebäude aber, an dem er selbst als blutjunger Schüler im Büro seines Lehrers George Dance mitarbeitete, behielt er bei. Äußerlich ein schlichter Backsteinbau, entfaltet es im Obergeschoss dank der Ausstattung mit kostbaren, in China bestellten Blockdrucktapeten eine auf das vorangehende 18. Jahrhundert zurückweisende Opulenz.

Schon die Zufahrt ist raffiniert

Das würde man von Soane nicht erwarten. Denn was er im Hauptgebäude verwirklichte, war eine neue, eigenwillige Auffassung klassischer Architektur. Dem kastenförmigen Backsteinbau mit seinen drei Achsen stellte er vier Schmucksäulen vor, die mit dem Gebäude durch ein verkröpftes Gebälk verbunden sind, darauf aber vier Figuren tragen. In die Wandfelder des Obergeschosses hat er keine Fenster, sondern Medaillons eingesetzt, bekrönt ist der flach gedeckte Bau von Balustraden, hinter denen sich die Schornsteine von sechs Kaminen abzeichnen.

Allein schon die Zufahrt ist raffiniert: Das Eingangstor steht schräg zur Baufluchtlinie, sodass die meist in der Kutsche eintreffenden Gäste die Schaufassade des Gebäudes in der Bewegung wahrnehmen, zumal die Kutsche vor dem Haus wenden musste. Eine Freitreppe führt auf den Eingang hinauf, in dem der Hausherr Gäste zu begrüßen pflegte, um sie durch ein marmoriertes Vestibül zu führen.

Anklänge an die römische Antike

Die Räume überraschen mit jenen Flachkuppeln, die ein Markenzeichen Soanes sind und auch in der Bank of England Verwendung fanden. Im Frühstückszimmer – nach Osten gelegen, Soane war Frühaufsteher – ist die Mitte der Kuppel mit einer Ansicht von blauem Himmel ausgemalt, einer der vielen subtilen Verweise auf Italien, das für den 1753 geborenen Soane seit seiner Grand Tour von 1778-80 das Land seiner ästhetischen Vorbilder war.

Überall im Haus sind Anklänge an die römische Antike zu finden, aber nicht als getreue Nachbildung, sondern in freier Verwendung. Eben das macht Soane noch heute, knapp 200 Jahre nach seinem Tod 1837, zum Vorbild der Postmoderne.

Die Farbgebung der Zimmer wurde denkmalpflegerisch rekonstruiert. In der Regel ließ sich die ursprüngliche Farbe genau ermitteln, darunter ein leuchtendes Pompejanisch-Rot im kleinen Drawing Room. Überall wird die Lichtführung als das neben der Verwendung klassisch-antiker Details zentrale Thema der Architektur Soanes kenntlich. Zu einer Zeit, da Tageslicht die primäre Quelle bildete, war sie aufregend neuartig.

Die Kunstwerke, mit denen er sich umgab, fehlen

Bei aller, bis ins kleinste Detail bewundernswerten Restaurierung bleibt Pitzhanger Manor nur ein unvollkommenes Zeugnis der Soane’schen Vorstellung vom Gesamtkunstwerk. Da der Architekt sein Anwesen bereits 1810 wieder verkaufen musste und sich in sein Doppelhaus in London zurückzog, fehlen die Kunstwerke, mit denen er sich umgab – neben den Antiken etwa die Gemäldefolge von William Hogarths, „A Rake’s Progress“, die bis heute im Stadtdomizil 13 Lincoln’s Inn Fields bewahrt wird.

Die dortige Überfülle an antiken Büsten und Vasen in vergleichsweise beengten Räumen mit handtuchschmalen, stets von Oberlichtern erhellten Durchgängen lässt erahnen, wie es in Pitzhanger Manor ausgesehen haben mag. Dem heutigen Auge ist die reduzierte, doch erlesene Formensprache des „leeren“ Gebäudes gemäßer. Es ist ein Ereignis, dass dieses Meisterwerk jetzt nach Generationen in der vom Architekten erdachten Gestalt wiedererstanden ist.

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